Udaipur und Mumbai - Indiens aufregende Gegensätze

25.01.2012
 
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Prächtige Paläste, quirlige Metropolen, beeindruckende Landschaften, duftende Gewürzbasare und eine Schwulen- und Lesbenszene, die langsam, aber sicher Fahrt aufnimmt: Indien will der neue Shooting-Star unter den Reisezielen für Lesben und Schwule sein. TomOnTour hat sich in der Kulturstadt Udaipur und der Megapolis Mumbai umgesehen ...



So möchte man doch gerne immer empfangen werden: Bildhübsche, junge Frauen in vornehmen Saris haben sich zum Empfang aufgereiht. Ebenso wie der Empfangschef falten sie zur Begrüßung die Hände, neigen den Kopf leicht nach unten und heißen uns herzlich willkommen. Von oben, wie aus Geisterhand, fallen Blumenblätter herab, zwei Musiker spielen mit Trommel und Sitar, die Frauen legen uns Blumenketten um den Hals und malen uns einen Tilaka, einen runden Punkt aus roter Farbe auf die Stirn. Es duftet nach Räucherkerzen, ein Kellner reicht uns einen Begrüßungscocktail. Willkommen im Leela Palace Hotel in Udaipur! 

„Im The Leela Palace Kempinski Udaipur erwartet Sie ein Paradies, in dem sämtliche Sinne verwöhnt und bezaubert werden. Bei uns leben Sie inmitten einer malerischen Atmosphäre wie ein Maharadscha“, haben wir zu Hause auf der Website des Hotels gelesen – und müssen schon nach wenigen Minuten zugeben: Es stimmt. Die „Anfahrt“ zum Leela Palace erfolgt mit einer Gondel über den malerischen Pichola-See, vorbei am Lake Palace Hotel, das Drehort des James Bond-Films Octopussy mit Roger Moore war. Schon beim Einchecken in die Gondel fühlt man sich wie ein König, pardon, wie ein Maharadscha. Ein Hoteldiener geleitet uns mit einem Sonnenschirm zum Boot, zwei weitere Bedienstete kümmern sich im Hintergrund dezent um die Koffer.

Das Einchecken erfolgt problemlos: Zwei Männer, ein Doppelzimmer, natürlich im Doppelbett - kein Problem. An der Rezeption weiß man Bescheid. Keine Fragen, keine scheelen Blicke. Die Reise wurde über die Agentur SITA gebucht; sie ist eine der größten Incoming-Agenturen Indiens. Viele namhafte Reiseveranstalter wie Marco Polo, Meyer's Weltreisen und Studiosus schicken jährlich Tausende Urlauber aus Deutschland nach Indien – und lassen das Programm und die Betreuung vor Ort von SITA erledigen. Sie gilt als einer der ältesten, größten und erfahrensten Reiseagenturen Indiens und hat sogar mehrere deutschsprachige Mitarbeiter.

Einer von ihnen ist Sanjay Malik. Der 35jährige arbeitet seit Ende 2002 bei SITA und leitet das Team, das sich in dem Unternehmen um den deutschsprachigen Markt kümmert. Hin und wieder betreut er auch heute noch Touristen, die durch Indien reisen. So auch uns. „Wir hatten in der Vergangenheit schon öfters Männer- und Frauenpaare betreut, die durch Indien gereist sind. In den Hotels ist die Belegung eines Doppelzimmers für sie überhaupt kein Problem“, berichtet er in fließendem Deutsch. Mehrere Jahre besuchte er das Goethe-Institut in Delhi, schnell wurde die deutsche Sprache seine Leidenschaft: „Ich verschlinge alles, was mir an Filmen und Büchern aus Deutschland in die Finger gerät“, verrät er schmunzelnd.

Heute gehen wir mit ihm in Udaipur auf Entdeckungstour. In Rajasthan, dem Bundesstaat, in dem Udaipur liegt, kann fast jede Stadt ihre eigene Geschichte erzählen, alle haben ihren eigenen Reiz. Bekannt ist Rajasthan vor allem durch seine Vielzahl an Palästen, alten Forts und anderen Kultur-Denkmälern aus dem Mittelalter. Und nirgendwo anders in Indien lässt sich besser auf den Spuren der Maharadschas wandeln. Mehr als tausend Jahre hat das Kriegervolk der Rajputen mit ihrer in ganz Rajasthan vertretenen Adelshierarchie diesen Teil Indiens beherrscht. Ihre Courage und Unerschrockenheit war legendär; von ihrem Stolz und ihrer Anmut haben sie bis heute nichts verloren. Einige ihrer überwältigenden Paläste und Festungen, die an ein Märchen aus 1001 Nacht erinnern, haben die ehemaligen Regenten zu Hotels umgewandelt. Nicht jedes davon hat den Standard eines Luxushotels, aber alle haben ihren eigenen Charakter. Wenn bei vielen Indien-Besuchern etwas nachhaltig in Erinnerung bleibt, dann sind es vor allem diese märchenhaften Hotels.

Udaipur hat von allen Städten Rajasthans das romantischste Flair. Die von Besuchern gern auch als Venedig des Ostens bezeichnete Stadt ist mit ihren imposanten Palästen, grünen Gärten mit vielen exotischen Pflanzen und dem spiegelglatten Pichola-See eine der schönsten Städte des Landes. Udaipur wechselt ihr Gesicht wie keine andere mit dem sich verändernden Lichteinfall. Morgens erstrahlt die Stadt im strahlenden Weiß ihrer Häuser, der Sonnenuntergang hinter den weichen Hügeln des Aravalligebirges taucht den See und die Stadt in ein majestätisches Violett, und nachts scheint das Lake Palace Hotel inmitten des im Mondlicht schimmernden Pichola-Sees zu schweben.

Highlight ist der Palast von Udaipur, hier drängen sich tagtäglich Busladungen von Touristengruppen. Schließlich gehört die Stadt zur Pflichtagenda jeder Rajasthan-Reise. An dem größten Palastkomplex Indiens wurde über 400 Jahre gebaut. Heute sind hier ein Museum, zwei Luxushotels und die Privatresidenz des Maharadschas untergebracht. Durch den Haupteingang, über dem ein goldenes Sonnenemblem prangt, gelangt man in das Museum des Palastes. Für die Besichtigung der durch zahlreiche mit Korridoren und Treppen verbundene Räume und Höfe, die an ein Labyrinth erinnern, sollte man sich drei bis vier Stunden Zeit nehmen. Es gibt viel zu entdecken: Waffensammlungen und Gemälde, die von Elefantenkämpfen und Jagd auf Tigern Zeugnis ablegen.

Wer neben der Kultur die Lesben- und Schwulenszene des Landes entdecken möchte, sollte seine Reise am besten von SITA organisieren lassen. Als Mitte April 2011 in Jaipur die Touristikmesse „The Great Indien Travel Bazaar“ (GITB) stattfand, kündigte SITA-Chef Prabhat Verma an, man werde sich künftig verstärkt um lesbische und schwule Touristen bemühen: „Das ist ein sehr attraktiver und interessanter Markt für uns“, so Verma. Doch in unseren Breitengeraden ist das Land noch völlig unbekannt als Reiseziel für Lesben und Schwule. Wie urlaubt es sich in dem Land? Kann man mit seinem Freund offen zu seinem Schwulsein stehen? Gibt es eine Lesben- und Schwulenszene, die man als Single unsicher machen kann?

Günther Maria Norrenberg lebt seit vielen Jahren in Indien. Früher war er Reiseleiter für Studiosous, ist wochenlang mit Touristen aus Deutschland durch Indien gereist und hat ihnen Land und Leute gezeigt. Heute ist er Besitzer eines Restaurants, Savage Garden heißt es, und eines Cafés, das den Namen Edelweiss trägt. Beide Betriebe befinden sich im Zentrum der Stadt, in der Nähe des Gangaur Ghats. Wir treffen Günther um die Mittagszeit im Savage Garden. Das Restaurant liegt versteckt in einer Seitengasse und hat einen wunderschönen Innenhof. Die Wände sind meeresblau gestrichen, viele Pflanzen begrünen den Hof. Es ist eine Oase der Ruhe.

Auf der Speisekarte dominieren italienische Gerichte, vor allem Nudeln in allen möglichen Variationen gibt es im Angebot. Bevor der Tisch gedeckt wird, berichtet Günther über die indische Kultur: „Also, wenn ihr hier Männer Hand in Hand über die Straßen gehen seht, hat das nichts zu sagen. Das nennt man in Indien yaari, es handelt sich um eine Männerfreundschaft, die keinerlei sexuellen Bezug hat.“ Also auch keine Küsse? „Nein, nein, auf keinen Fall. So etwas gibt es in Indien nicht in der Öffentlichkeit, weder bei Homo- noch bei Heteropaaren.“ Und offenes Lesbisch- und Schwulsein? „Das wird in Indien als westlicher Import betrachtet.“ Wahr sei auf der anderen Seite aber auch: „Homophobe Gewalt ist in Indien tabu“.

In den großen Metropolen Indiens ist das schwul-lesbische Leben vor zwei Jahren aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Grund war die Anfang Juli 2009 vom Gerichtshof in Delhi verkündete Entscheidung, dass die Strafbarkeit von Homosexualität nicht mit der Verfassung vereinbar sei. Religiöse Gruppen legten allerdings Widerspruch ein. Beobachter und Vertreter der Lesben- und Schwulenszene Indiens gehen aber davon aus, dass das Verfassungsgericht die Entscheidung des Gerichtshofes in Delhi bestätigen wird.

So auch Sabina und Simran. Die beiden Lesben eröffneten vor einem Jahr in Mumbai den ersten (!) Shop für Lesben und Schwule in Indien. Azaad Bazaar heißt er, und befindet sich im Stadtteil Bandra West, rund 5 Kilometer vom internationalen Flughafen entfernt. Strenggenommen ist der Azaad Bazaar ein kleiner LGBT-Shop auf 10 Quadratmetern, in dem es verschiedene Szene-Utensilien wie T-Shirts, Tassen oder Bücher zu kaufen gibt. Ihn darauf zu reduzieren, wird dem Shop aber nicht gerecht, denn da die Szene in Mumbai noch in den Kinderschuhen steckt, ist das Azaad für viele Lesben und Schwule in der Stadt ein beliebter Treffpunkt, um neue und alte Freunde auf einen Kaffee oder Tee zu treffen.

Und auch für Touristen ist der Shop äußerst interessant und in jedem Fall einen Besuch wert: Wer wissen möchte, wo und wann sich die Mumbaier Szene gerade trifft, wird hier mit den aktuellsten Informationen versorgt: Flyer informieren über die neuesten Partys und auch die Mundpropaganda sorgt für den neuesten Klatsch und Tratsch. Angesagter Treffpunkt am ersten Dienstag im Monat ist beispielsweise die Banana Bar, samstags sorgen die Macher von gaybombay.org für Schwulenpartys in wechselnden Clubs. Bitterer Wermutstropen für ausgehhungrige Party People: Einen Gay-Club, der täglich geöffnet hat gibt es ebenso wenig wie ein schwul-lesbisches Café oder eine Bar. „Selbst in so großen Städten wie Delhi, Mumbai oder Kalkutta leben viele Lesben und Schwule immer noch versteckt“, sagt Simran. „Es wird zwar immer freier und liberaler, aber solange die Familie und der Arbeitgeber große Probleme beim Outing machen, wird es nur in kleinen Schritten vorangehen.“ Und so treffen sich viele Schwule beim Spazierengehen am Marine Drive am Meer. Ganz diskret. Von Cruising kann hier keine Rede sein, Rückzugsorte für ein Techtelmechtel gibt es nicht. Aber sich auf eine Bank setzen, schauen, wer vorbeikommt, miteinander flirten und plaudern ist ohne Probleme möglich …

Wer sich für einen Abstecher nach Mumbai entscheidet, was sich zumindest anbietet, da sich die Stadt als Ankunfts- oder Abflugort für Flüge von und nach Europa anbietet, sollte eine gewisse Vorliebe für indisches Metropolenfeeling haben. Die Autos kriechen in der Stadt im Schneckentempo über die Straßen, entsprechend lange dauert es, von A nach B zu gelangen. Ein U-Bahn-Netz, das den Namen auch verdient, existiert nicht. Am Straßenrand leben Menschen in Zelten, manche haben ihre gesamten Habseligkeiten allein unter Plastikplanen untergebracht. Die Armut ist groß, zuweilen kommt es einen vor, als würde der Moloch Mumbai sie alle verschlingen.

Als Must-To-See empfiehlt sich zum einen das Mani Bhawan, das Haus, in dem der bekannteste Inder aller Zeiten lebte: Mahatma Gandhi. Der indische Volksheld lebte von 1917 und 1934 in dem Haus, das sich in einer ruhigen, gutbürgerlichen Straße im Zentrum der Stadt befindet. Es beherbergt eine umfangreiche wissenschaftliche Bibliothek, zahlreiche Fotos, Briefe und ein originalgetreuer Nachbau seines Arbeits- und Schlafzimmers. Zum anderen lohnt ein Besuch des Wahrzeichens der Stadt, des Gateways of India, im Stadtteil Colaba. Es wurde 1924 zu Ehren des Besuchs des britischen Königs Georg V. erbaut. Wuselig ist es hier: Touristen, behangen mit Fotoapparaten, schüchtern Händchen haltende indische (Hetero!-) Paare, junge Männer in langen (!) Jeans neben Frauen in traditionellen Saris, die mit Kind und Kegel unterwegs sind. Mittendrin fliegende Händler, die CDs und Accessoires feilbieten, und auf Wunsch gerne den allerneuesten Bollywood-Hit präsentieren.