Auf der Suche nach dem Elch

23.11.2011
 
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Ontario in Kanada vereint zwei Extreme: eine verrückte Partyszene und eine Natur von betörender Schönheit. Wer unkomplizierte Flirts sucht, geht im Schwulenviertel von Toronto verloren, wer Erholung sucht, im Algonquin Park. Viel zu sehen und zu entdecken gibt es also überall in Ontario, und damit sind neben Elchen auch sexy Kanadier gemeint, findet unser Autor Marcel Weyrich.



Eine unscheinbare Holztreppe führt mich in den ersten Stock, ein ziemlich typisches Merkmal für eine Homo-Bar in Toronto. Ich befinde mich im Zelda’s; einmal oben angelangt, werde ich, der nichtsahnende Besucher aus Germany, dafür belohnt, eine Bar außerhalb des „Villages“ aufgesucht zu haben: Ein Blondie, mehrere schwarz- und brünett behaarte Bartender-Boys, alle unter 30, empfangen die Gäste heute allesamt in knappen Shorts. Es ist ein stinknormaler Montagabend. „Heute gab’s Dirty Bingo“, werde ich von einem der Hotties aufgeklärt. Den Anblick gibt es also nicht jeden Tag. Einerseits schade, andererseits schön, am Montagabend unterwegs zu sein, denke ich. 

Auf Schwule und Lesben trifft man im Village garantiert in jeder Bar - egal ob schwul draufsteht oder nicht.


Im „Village“ steigt die Party zu jeder Wochenzeit. Das „Village“ besteht aus zwei Blocks; das Epizentrum befindet sich dort, wo die Wellesley die Church Street kreuzt. Regenbogenfarbene Transparente an den Masten zeigen, dass in diesem Viertel Heteros in der Minderheit sind. Eigentlich fehlen nur noch Zebrastreifen in Pink, um das Bild rund zu machen. Schwule und Lesben aller Couleur stolzieren in dem Viertel die Straße entlang, mal im Bären-Outfit, mal im Tanktop und mit Seiten-kurz-oben-lang-Haarschnitt. Auf Schwule und Lesben trifft man im „Village“ garantiert in jeder Bar, egal ob schwul draufsteht oder nicht. „Unsere Bar schreibt sich nicht schwul auf die Stirn. Aber 60 Prozent unserer Gäste sind homosexuell“, sagt Linda, Managerin im O’Grady’s, ein wahrlich gemischter Irish Pub, der von Karaoke-Nacht bis Bärenabend alles bietet. Abgesehen von den reinen Homo-Bars findet man solche Orte que(e)rbeet in der ganzen Gegend. Die sind im Touristen-Stadtplan pink hinterlegt. Apropos queer: Eingefleischte „Queer as Folk“-Fans dürfen einen Besuch im Woody’s nicht verpassen. Dort wurden viele Barszenen gedreht, auch wenn die Serie offiziell in Pittsburgh spielte. 

Offene Arme für alle Nicht-Torontoer


Hier nun einige Ausgeh-Informationen: Wo was geht, findet man nicht nur auf den Internetseiten der Szenemagazine. In teilweise pinken und daher unverkennbaren Zeitungsboxen sind die Gratismagazine in der ganzen Innenstadt zu haben. Wer also beim mittäglichen Shopping auf der Hauptstraße Yonge Street Ausschau nach den Boxen hält, kann sich nebenbei das Szenemagazin xtra! schnappen und auch ohne Internetzugang die Partytermine für den Abend checken. Und das lohnt sich durchaus, denn die Kontaktaufnahme zu den Einheimischen gelingt leicht: „Ein Lächeln und ein kleines Kompliment, und schon hat man den Kontakt hergestellt“, hat Tim Brandt herausgefunden, ein junger Deutscher, der für ein Jahr zum Arbeiten nach Toronto gezogen ist. Er genießt die Flirtbereitschaft der bunt gemischten kanadischen Population, meint aber auch, dass Deutsche aufpassen sollten. Er erklärt das anhand des Flirtniveaus: „Amerikaner sind nicht so subtil wie Deutsche und man denkt fast, der macht einem gleich einen Antrag, aber eigentlich möchte er nur nach dem Weg fragen“. Der unerfahrene Nordamerika-Besucher sollte also einfach nicht alles für bare Münze nehmen. Mit dem Tipp steht dem Ausgehvergnügen also nichts mehr im Wege und prompt erhalte ich nach drei Sätzen mit einem jungen Mexikaner im Crews ein „oh, you’re so cute“. Ich erinnere mich an Tims Warnung, tatsächlich wollen fünf Minuten später seine Freunde gehen - und mit ihnen ist auch er plötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwunden ... 

Hipster mit Röhrenjeans statt Chihuahua und Gucci-Täschchen 

Das klassische Village ist noch nicht alles, was es in Toronto zu entdecken gibt. Während im Village das meiste eher nach Mainstream ausgerichtet ist, findet sich im Viertel rund um die "Queen West"-Straße eine wahre "Alternative". "Während im Village stereotype, muskulöse und komplettenthaarte Schwule herumlaufen, trifft man dort dünne, bärtige und blasse Hipster mit Röhrenjeans und Vintage-Flannellhemden, ohne Chihuahua und Gucci-Täschchen, die dafür aber einen tollen Musikgeschmack und Style besitzen", sagt Tim, der sich in beiden Szenen wohlfühlt. Tanzclubs sucht man hier vergeblich, dafür eher Tanzfeten im wöchentlichen Rhythmus, für die sich vor allem das Beaver und das Gladstone Hotel anbieten. Die Wrongbar ist erste Anlaufstelle für Fans elektronischer Musik. Für Neugierige, aber vor allem für Fans alternativer Szenen, ist der Gang in die "Queen West"-Straße, die mittlerweile auch gern "Queer West" genannt wird, also ein Muss. Und wer die Wahl hat, hat die Qual: "Glitzer werfen und in Hot Shorts zu Katy Perry tanzen im Village oder schwitzend und mit Drei-Tage-Bart in der Wrongbar mit fremden dürren Hipstern über die neue Platte von Austra reden und lokal gebrautes Biobier trinken", so der Szenekenner Tim zu der Auswahl, die es zu treffen gilt. 

Das Flirten scheitert, die Musik lädt zu sehr zum Abrocken ein


Nach dem einfachen Leute kennenlernen im Crews ziehe ich weiter ins Flo’s, dort soll eine Houseparty stattfinden. Die Terrasse ist voll mit Schwulen, die etwas Luft schnappen und in Ruhe quatschen wollen. Ich gehe wieder eine Holztreppe zur Tanzfläche hoch; ein umgebauter Barbereich. Sonst wird hier Edelgastronomie geboten. Das Flirten scheitert leider, die Musik lädt zu sehr zum Abrocken ein als dass jemand zum Quatschen stehen bleiben würde. Alles wirkt etwas feiner, aber die kanadische Vielfalt zeigt sich noch viel deutlicher: Ethnien mit dunkler Haut und krausen Afro-Haaren mischen sich mit Blondschopf hier und Hopper da. Viele sind mit ihren lesbischen Freundinnen gekommen, Mann und Frau scheinen von der Zahl her gleich stark vertreten zu sein. Hier kommt man wohl am besten schon mit seiner Gruppe an, die man im Crews oder einer der anderen urigen Bars kennengelernt hat, zum Beispiel im Zelda’s, Woody’s, O’Grady’s & Co. Wer nach der Party mitten in der Nacht ausgehungert noch ein nettes Plätzchen zum Quatschen mit seinem Abend-Flirt sucht, stolpert wohl am besten die Holztreppe des 7 West hinauf. Das liegt zwar nicht ganz im Village, doch dafür bekommt man hier nonstop Salate bis Hauptspeisen und üppigen Kuchen in ziemlich schwuler Atmosphäre. Natürlich auch ein Frühstück nach einer schweißtreibenden Nacht ...

Direkt an den Niagara Fällen: Weingenuss wie in Deutschland


Dass die Niagara Fällen mit ihren imposanten Wassermassen ein Must-See für jeden Touristen sind, mag sich jeder denken können. Aber auch für den schwulen Touristen wird es sich lohnen, ein Extra-Stündchen im nahegelegenen Weingebiet einzulegen, eines der Schwulen liebsten (Kultur-)Güter. Aber Wein im kalten Kanada, wie geht das? "Tatsächlich liegt unser Gut auf dem gleichen Breitengrad wie Bordeaux in Frankreich", erläutert Deborah Pratt, PR-Beauftragte des Inniskillin-Weinguts. Außerdem profitiere sie vom warmen Aufwind des Eri-Sees, aus dem sich die Niagara Fälle speisen. Bei gutem Wetter genießt Pratt ihr Lunch allzu gerne mitten im Weinfeld, so wie am Tag meines Besuchs. Ein riesiger Sonnenschirm lädt dazu ein, sich im Schatten zum leichten Lunch niederzulassen. Links und rechts wachsen Rieslingtrauben, nicht nur für die Weißwein-Produktion: Vor allem Eiswein wird in Inniskillin produziert. Wer erfahren will, wie der Eiswein hergestellt wird, ist hier genauso gut aufgehoben wie Weingourmets, denen neben diversen Weißweinen auch roter Eiswein angeboten werden. "Egal was wir den Kunden sagen, Riesling wird vorzugsweise in Deutschland gekauft. Aber beim Eiswein können sich die Kunden besser vorstellen, dass wir ihnen etwas Gutes bieten", hat Pratt entdeckt. (Eis-) Weinliebhaber und solche, die es werden wollen, können im Shop, der in einer ausgebauten Scheune liegt, ganz besondere Souvenirs mitnehmen. Zum Beispiel eine Flasche kanadischen Riesling - der nicht exportiert wird.

Kanadas Natur: Auf der Suche nach dem Elch

Noch ein Foto bitte, geht das? "Yeah sure", so Rob Shackleton, "kein Problem" für den blonden Guide. Student, jung, gutaussehend - und somit typisch für einen der unzähligen Parkguides. Rob zeigt im Algonquin Naturresort Touristen die besonderen Ecken seines Parks. Auf der Suche nach einem Elch ist der Algonquin Park die erste Adresse in Ontario. "Naturresort", das hört sich für Deutsche oft sehr hochgestochen an. Wofür es steht, ist ein Park, in dem Touristen sehr nah an der Natur Tiere beobachten, einfach die Luft und die Landschaft genießen können, und zwar ohne in offener Wildnis auf sich alleine gestellt zu sein. Das Haupt-Fortbewegungsmittel ist ein Kanu mit einem Paddel, aber auch Kajaks können am Ausgangspunkt "Algonquin Outfitters" nebst jeglichem sonstigem Ausflugs-Equipment ausgeliehen oder günstig gekauft werden. Die ausgewiesenen Campingstellen inklusive Lagerfeuerstellen bieten einen tollen Komfort und naturnahe Erlebnisse, wie sie in Deutschland nicht möglich erscheinen. Der Park beeindruckt allein durch seine Größe von 7.775 km², das ist mehr als doppelt so groß wie das Saarland. 

Zur Stärkung ein kräftigendes Backfisch-mit-Bohnen-und-Kartoffeln-Lunch mit selbstgemachter Limonade

Noch mehr Komfort im Countryhouse-Stil bietet die Killarney Mountain Lodge im etwas nördlicher gelegenen Bay Finn. Kajak fahren kann man hier auch. Noch besser aber stellt man sich mit Tagesausflügen zu den von Gletscher ausgegrabenen Seen oder mit abendlichen Segeltouren durch die idyllischen Buchten des Bay Finn der untergehenden Sonne entgegen. Allein der Kopfsprung in den Gletschersee ist die weite Reise ins nördliche Ontario wert, der hohe Kurazitgehalt sorgt für Wasser, klarer als feinster Diamant, es gleitet am Körper entlang wie Seide, vor allem wenn man zum Baden an hartes und salziges Wasser gewöhnt ist. Ein kräftigendes Backfisch-mit-Bohnen-und-Kartoffeln-Lunch bei selbstgemachter Limonade auf einem Felsvorsprung erhaben über der Bucht, gibt anschließend die richtige Kraft für eine Wanderung durch die Waldgebiete des Bay Finn. Ein süßer Australier, zwar kein Student, dafür jung, nett anzusehen und freundlich wie jeder der kanadischen Parkguides, ist bei der Tour auch dabei. Heute nur als Co-Guide, dafür ist auch er Repräsentant der jungen Generation an Parkguides, die durch den täglichen Sport gestählt, nicht nur wissend und professionell durch die Natur führen, sondern an egal welcher Stelle man in Kanadas Parks hinfährt, für jegliche sexuelle Orientierung etwas zum anschauen bietet. Auch wenn es beim Anschauen bleibt: Der eigentliche Grund, in außergewöhnlicher Natur einmal als Single oder vielleicht als Pärchen seine Seele baumeln zu lassen, ist Anlass genug, den weiten Weg auf sich zu nehmen. Egal ob als Einstimmung für einen aufregenden Besuch in der Torontoer Szene oder um sich von ihr zu erholen.