Sitges

10.06.2017
 
  • Sitges
  • Sitges
  • Sitges
  • Sitges
  • Sitges
  • Sitges
  • Sitges
 
Kataloniens sexy Versuchung

Ein Ort wie aus dem Bilderbuch: Pittoreske Gassen, traumhafte Strände und Schwule, wohin das Auge reicht. In den Sommermonaten ist das katalanische Sitges fest in rosa Hand. Das wunderschön erhaltene Fischerdorf an der Costa del Garraf, nur rund 30 Minuten von Barcelona entfernt, ist seit Jahrzehnten eines der schönsten Refugien für schwule Männer.



Keine betrunkenen, laut gröhlenden Ballermann-Touristen, keine Trash-Britinnen im Mini-Rock, keine Strand-Bar mit DJ Ötzi-Beschallung in der Dauerschleife, keine fliegenden Ramschhändler, keine Burger King-Buden an der Strandpromenade. Stattdessen verträumte Altstadtgassen, in denen tagsüber Schwulenpärchen flanieren und nachts Beaus nach einem Quickie suchen. Es dürfte wohl kaum einen Spanien-begeisterten Schwulen geben, der Sitges bisher noch nicht besucht – oder zumindest davon geträumt - hat. Seit rund 20 Jahren ist das ehemalige Fischerdorf, rund 36 Kilometer südwestlich von Barcelona gelegen, eines der begehrtesten Reiseziele für den klassischen Gay-Sommerurlaub, der Sonne, Strand, Party und erotische Abenteuer miteinander verbinden soll. Da können in Spanien allenfalls noch Maspalomas auf Gran Canaria und Ibiza mithalten.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Sitges zum Refugium für Künstler, Intellektuelle und Schwule. Das Weiß der heruntergekommenen Häuser, das Grün der Innenhöfe, das Blau des Meeres und die Toleranz der Bewohner zogen seinerzeit allerlei schräge Vögel aus ganz Europa an. Nirgendwo sonst an der Küste Kataloniens ließ sich das Bohemeleben so unkompliziert kultivieren. Man war unter sich. Das ging Jahrzehnte so weiter. Sogar in der Zeit der Franco-Diktatur, als Katalonien ziemlich heftig den Hass der Machthaber in Madrid zu spüren bekam, war Sitges Ort der künstlerischen Gegenbewegung.

Viele der oppositionellen Künstler, Freischaffenden und der unter Franco ebenfalls verhassten Schwulen zogen ganz nach Sitges oder kauften sich eine Immobilie für den Zweitwohnsitz. Seit Jahrzehnten zieht das heute 25.000 Einwohner zählende Städtchen schwule Touristen an; in der Gegenwart allerdings weniger die künstlerisch Interessierten, sondern jene, die in dem adretten und – man muss es so sagen – hochpreisigen Städtchen ihren Sommerurlaub verbringen wollen. Sitges ist heute vieles – der Aldi an der spanischen Küste aber mit Sicherheit nicht. Vielmehr ist die Stadt eine der teuersten Gemeinden Spaniens, weshalb auch ein erklecklicher Teil der ehemaligen Einwohner wegzog. So kommt es, dass heute viele reiche Einwanderer aus allen Teilen Europas die Stadt bewohnen. Singulär ist diese Entwicklung freilich nicht: Da, wo Künstler und Schwule ihr Territorium abstecken, steigen Lebensqualität und Immobilienpreise merklich an. Das war und ist in den Schwulenvierteln von London (Soho), Paris (Marais) und Madrid (Chueca) nicht anders. Auch in Ibiza-Stadt kann man davon ein Lied singen.

Urlaub in Sitges: Billig ist anders

Wahr ist aber auch: Für die stolzen Übernachtungs-, Restaurant- und Diskothekenpreise bekommt der Urlauber ein qualitativ hochwertiges Produkt. Im Gegensatz zu manch anderem Touristenort an der spanischen Küste finden sich in Sitges keine hässlichen Hotelbunker und sonstige den Urlaub vermiesenden Begleiterscheinungen des Massentourismus. Stattdessen kann man sich an den zahlreichen Kolonial- und Jugendstilbauten sowie den prachtvollen Villen im Ort und an der Strandpromenade ergötzen. Die Inhaber der schwulen Lokalitäten sehen das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sicher, ein Verkauf ihrer vor Jahren erworbenen Immobilie verspräche heute eine satte Rendite. Auch ihr vor zehn oder fünfzehn Jahren abgeschlossener Mietvertrag veranschlagt allenfalls die Hälfte der Kosten, die heutzutage bei einem Vertragsabschluss zu zahlen wären – und das bei weiterhin ordentlichen Umsätzen.

Doch die könnten höher sein, ist allenthalben in den Gassen der Altstadt zu vernehmen. Noch vor wenigen Jahren reichte die Hochsaison von Mitte Juni bis Ende September. Freie Hotelzimmer gab es bei Zeiten keine mehr und auch die Besitzer der schwulen Bars und Clubs hatten keinerlei Anlass zur Klage. Ihre Lokalitäten waren eine einzige Goldgrube. Doch das touristische Angebot für Schwule hat sich geändert, nicht nur auf dem spanischen Markt. Gran Canaria zum Beispiel ist zu einem ernsten Konkurrenten um die Gunst der Gay-Traveller aufgestiegen. Das war wegen des ganzjährig milden Wetters im Winter sowieso schon immer so. Damit gab man sich in Maspalomas aber nicht zufrieden. Geschickt platzierte man vor einigen Jahren mit kräftiger Unterstützung des örtlichen Fremdenverkehrsamtes und der Hotellerie in dem früher touristisch eher mauen Monat Mai den Maspalomas Pride – und zieht mittlerweile Tausende, vor allem junges, partyfreudiges Publikum, auf die Insel.

Die Schwulenszene von Sitges ist fest in der Hand eines Schweizers ...


Doch Sitges wäre nicht Sitges, würde es sich nicht ständig neu erfinden. Die Personifikation des Wandels ist Luis Enriquez Blanco. Der heute 42-jährige Schweizer kam im jungen Alter von 24 zum ersten Mal nach Sitges. Anlass für seinen Besuch in Katalonien waren die Olympischen Spiele in Barcelona, im Sommer 1992 war das. Vom nahe gelegene Schwulenmekka an der Costa del Garraf wusste er schon damals, und so machte er sich für vier Tage mit dem Zug vom Bahnhof Placa de Catalunya auf dem Weg nach Sitges: „Damals war ich noch jung und knackig, heute bin ich nur noch knackig“, berichtet er lachend. Ihm hat es gleich sehr gut in Sitges gefallen. Selbstbewusst und neugierig erkundschafte er die Szene und lernte dabei Helmut, den Besitzer des damaligen Hotels Los Globus kennen. Die beiden schlossen Freundschaft und sahen sich in den Folgejahren mehrmals, so oft fuhr Luis immer wieder nach Sitges. Dass der Schweizer Bursche ein Talent zum selbstständigen Geschäftsmann hat, blieb Helmut nicht verborgen und so bot er Luis 1998 den Kauf der damaligen Diskothek Playboy an.

Luis zögerte eine Weile, schließlich war er in Zürich Inhaber eines florierenden Unternehmens in der Tiernahrungsbranche. Doch den Verlockungen des schwulen Urlauberparadieses konnte auch er nicht widerstehen: Im August 1999 erwarb er gemeinsam mit zwei Mitstreitern den in die Jahre gekommenen Club, renovierte ihn und eröffnete wenig später in den Räumlichkeiten die Gay-Diskothek Organic – bis heute die angesagteste Schwulendisko der Stadt. Es war rückblickend der Auftakt eines einzigartigen Gastronomenaufstiegs: Heute gehören Luis das Tages- und Abendcafé Parrots Terrace, das Parrots Sitges Hotel und Restaurant und der Club Privilege. Außerdem organisiert er von Juli bis September jeden Dienstag die Mega-Open-Air-Veranstaltung Gay Beach Party im Atlantida Club: Tausende Schwule schwirren herbei und feiern unter freiem Himmel, direkt am Meer, eine House-Party, die ihresgleichen sucht. Seine Diskothek Organic lässt er dienstags geschlossen: „Dann sind eh alle im Atlantida“.

Manche sprechen ehrfürchtig vom Paten 

Doch beschränkt sich „der Hans Dampf in allen Gassen“, wie er von vielen Deutschen und Österreichern in Sitges beschrieben wird, längst nicht auf seine gastronomischen Lokalitäten wie  z.B. der schwule Stadtplan, den er 2001 zum ersten Mal auf Papier brachte. Wenn man so will, hat er seit 1999 die Schwulenszene von Sitges geradezu revolutionär umgekrempelt. Dabei waren seine ersten Maßnahmen geradezu banal: „Als ich 2001 das Café Parrots Terrace kaufte, habe ich sofort die Sonnenschirme in Regenbogenfarben bemalen lassen. Die Umsätze stiegen anschließend um 30 Prozent“, erläutert er, halb grinsend, halb über sich selbst erstaunt. Sein Erfolg und sein selbstbewusstes Auftreten löst jedoch nicht nur Begeisterung aus. Hinter vorgehaltener Hand wird er von einigen Konkurrenten als zu mächtig, zu einflussreich kritisiert. Wenn sie über ihn reden, sprechen manche gar ehrfürchtig vom „Paten“, mit dem man es sich besser nicht verscherzen sollte. Luis ist das nicht verborgen geblieben. Er sieht jedoch Fehlentwicklungen und Versäumnisse in der Vergangenheit: „Wer vor zehn oder 15 Jahren in Sitges war, weiß wie es hier aussah. Viele Bar- und Clubbesitzer entwickelten keine Kreativität mehr, Investitionen wurden auf die lange Bank geschoben – und das trotz exzellenter Umsätze. Man ruhte sich einfach nur auf den Erfolg aus. Das läuft heute nicht mehr, die Konkurrenz anderenorts schläft schließlich nicht.“

Auch in Sitges nicht mehr. Der Kampf um die Gunst der schwulen Touristen ist mittlerweile allabendlich in den Gassen der Altstadt zu beobachten. Topless umherschwirrende Flyer-Verteiler hier, Happy-Hour-Drinks („Drink 2, pay 1“) dort. Dem Besucher bieten sich unzählige Gelegenheiten, den Abend und die Nacht beschwingt zu feiern. Allerdings verläuft die abendliche Tour durch die Bars und Kneipen nach festen Ritualen. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, erlebt behäbige Tristesse und gähnende Leere. Darum sollte man folgendes beachten: Ab 22 Uhr erscheint man am besten im Parrots Terrace (Place Indústria, 2) und zelebriert das - besonders im August, wenn viele Franzosen in der Stadt sind - Sehen und Gesehen werden. Das Café mit der großzügigen Außenterrasse im Herzen der Altstadt erlaubt das ungenierte Begutachten der vorbeiziehenden Massen bis zum Abwinken.

Wer vor drei Uhr in der Früh in der Diskothek auftaucht, ist selber schuld

Wer zum günstigeren Preis großzügigere Cocktails serviert bekommen mag, schaut in der Carousel Terrace Bar (Joan Tarrida, 14) vorbei. Anschließend zieht man weiter in die Bars – je nach Gusto steht mehr als ein Dutzend zur Verfügung. Bärenliebhaber steht die Bears Bar (Bonaire, 17), Leder- und Jeanskerlen das XXL (Joan Tarrida, 7) offen. Partyfreunde, die eher jüngeres Publikum bevorzugen, finden im Privilege (Bonaire, 15) ein glücklich machendes Refugium. Vor drei Uhr schließlich braucht man in keiner der Diskotheken aufzutauchen – im Organic (Bonaire, 15)  werden erst um diese Zeit die Pforten geöffnet.

Tagsüber hat man in Sachen Strand die Qual der Wahl: Sitges bietet drei mehr oder weniger schwule Strände: Am zentralsten, aber leider auch am vollbepacktesten ist der Playa de la Bassa Rodona im Zentrum der Stadt. Böse Zungen behaupten, hier lägen meist die Schnapsdrosseln vom Vortag, deren körperliches Befinden den langen Marsch zum schönen Strand außerhalb der Stadt nicht mehr zulässt ....

Der cruisigste Schwulenstrand heißt Playa del Muerto

Wer lieber FKK mag, zieht rund 700 Meter weiter zum Playa de las Balmins, wo sich allerdings auch zahlreiche Heteros unters die Nackedeis mischen. Zweifelsohne am reizvollsten ist der Playa del Muerto-Strand. Er liegt, wie so viele andere Schwulenstrände auf der ganzen Welt auch, weit ab vom Schuss. Zu Fuß ist man rund 50 Minuten unterwegs. Schneller geht es mit dem Taxi; es fährt für rund zehn Euro bis zum Atlantida Club, von wo man noch rund zehn Minuten Fußmarsch bis zum begehrten Beach absolvieren muss. Man kann sich recht einfach an den Gleisen orientieren - bis zur linken Seite der Strand auftaucht. Aber, Achtung: Neulinge sollten beachten, dass – trotz Regenbogen-Beflaggung des ersten – der zweite Strand der eigentliche Gay-Beach Playa del Muerto ist. Und dort lässt es sich den ganzen Tag vorzüglich aushalten. Neben der Abgeschiedenheit schätzen viele abenteuerlustige Besucher die umliegende Flora, die sich nach Überquerung der Bahngleise (Vorsicht, Zugverkehr!) bietet: Einsame Wege, opulente Bäume, eng miteinander verwachsende Büsche und Sträucher, zwischen denen sich Dutzende Männer den sonnigen Tag vertreiben. Ein Schelm, der dabei Unanständiges denkt ...

Weitere Informationen:

Gay Pride Sitges: 8.-12.Juni 2017 ! Hier bei uns im Gay City Guide http://bit.ly/SitgesGAY findest du alle Infos zu Gay Sitges und dein Hotel buchst du am besten bei :