Alicante - Heiße Sonne, heiße Kerle

14.08.2012
 

Sei es ein pittoresker Blick am Tag über Stadt und Strand, ein entspanntes Sonnenbad am Beach oder eine lange Partynacht in den Bars und Clubs: Alicante ist für alles gut. Die Küstenstadt bietet eine stattliche Auswahl an Schwulenbars und -Clubs, die allesamt fußläufig zu erreichen sind. Es muss nicht lange gerätselt werden, was noch einen unwiderstehlichen Charme ausübt. Von Marcel Weyrich



Die Kastagnetten klappern, ein buntes Kleid zischt spürbar an den Zuschauern vorbei. Die Zuschauer sind braungebrannte Männer, kühles Getränk in der Hand, ein paar Frauen schauen auch zu. Trotz untergegangener Sonne ist es angenehm warm in der versteckten Strandbar am Alicante Gay Beach. Nicht etwa eine spanische Bauchtänzerin ist es, die Klappern und Kleider schwingt. Der Strandbarbesitzer - eigentlich ein betagter Hotelier - bietet diesen Tanz persönlich. Jeden Abend geht das so. Nach Lust und Laune legt er einen Tanz hin, manchmal zwei oder drei. Alle sind gut drauf, der Spaßfaktor ist hoch. Flirten ist in dieser Atmosphäre kinderleicht, Überwindung kostet es keine. Später lerne ich: Was für diese Bar gilt, gilt für ganz Alicante.


Schwule in Deutschland mögen Alicante nicht gerade als die erste Gay-Destination Spaniens im Kopf haben. Wer eine Großstadt mit riesigem abgesteckten schwulen Bereich als Bedingung für einen gelungenen Urlaubstrip setzt, sollte auch nicht unbedingt auf die Stadt setzen. Was für Männer, die auf Männer stehen, dafür einen besonderen Reiz ausmacht, ist die Verbindung, mittags an tollen Stränden zu entspannen und ein für die Stadt beachtliches kulturelles Angebot nutzen zu können. Zusätzlich sind schwule Ausgehmöglichkeiten für jeden Geschmack zu finden - inklusive einer Flirtatmosphäre, die so allgegenwärtig und selbstverständlich ist, dass man einen Flirt oft erst merkt, wenn schon man sich schon längst mittendrin befindet …

Erster Anlaufpunkt ist das Pikadura, Alicantes Drehscheibe der schwulen Welt. Hier kann unter der Woche günstig zu Mittag gespeist werden, nachmittags ein Kaffee und abends ein Bier zur Einstimmung auf den Abend getrunken werden. Abends, das heißt in Spanien - und vor allem in Alicante - ab 21 Uhr. Früher startet der Partyabend nicht. Keine Bar öffnet vor 21 Uhr, kein Club vor 3 Uhr morgens. Das Pikadura ist alles ein bisschen. Miguel, der süße 35-jährige Barkeeper, erzählt mir, dass auch das Pikadura es seit kurzem mit Karaoke-Battles und anderen Events auch abends Publikum anzieht. Um 23 Uhr. „Ah, doch schon“, denke ich. Gerade weil es abends so spät losgeht, ist das auch sehr praktisch. Nachmittags oder abends Leute kennenzulernen und sie fragen, wo es am Abend noch hingeht ist auch fast obligatorisch. Das geht im Pikadura wie auch im Manhatten, das um die Ecke ist. Auch wenn letzteres ein nicht nahezu so großes und breites Publikum anzieht.

Eine schwule Sehenswürdigkeit, die man nicht verpassen sollte, ist das El Forat. Sie ist die älteste - und mit Abstand schrulligste - Schwulenbar der Stadt. Blaue Kacheln an den Wänden, kitschige Blumendekoration und skurrile Raumaccesoires wie Wasserbecken unter Bildern der heiligen Maria machen die Bar zum Hingucker. Natürlich neben den vielen jungen Kerlen, wobei das Altersspektrum sehr gemischt ist. Vor allem Touristen, die in der Heimatstadt schwule Schlager-Kneipen sympathisch finden, werden sich im El Forat pudelwohl fühlen. Bis ein Uhr nachts lauft traditionelle spanische Musik, bevor in der Vortrink-Zeit von ein Uhr bis drei Uhr auf Chart-Hits umgestellt wird. Um drei Uhr schließt die Bar. Dann haben nur noch Clubs geöffnet.


Wer ohne Charts den Abend nicht beginnen kann, sollte dafür ohne Umwege ins Divina steuern. Bei Popmusik und Wodka-Energy geschwängerter Luft ist hier ein sehr junges Publikum anzutreffen. Von gerade so erlaubt, eine Bar betreten zu dürfen, über Azubis und Studenten bis hin zu einer Gruppe, die an solchen interessiert ist. Aber allesamt cute. Auch wenn der Alkoholpegel bei einigen schon um Mitternacht in erstaunlichen Höhen scheint.

Clubs gibt es in Alicante zwar nicht zahlreich, dafür sind die Dimensionen beachtlich. Wer nachts um drei Uhr von den Bars in einen der Clubs weiterzieht, wird vom Z Club erstaunt sein. Vom Erdgeschoss eines eigentlich unauffällig wirkenden Hauses führt eine Treppe in eine Basement-Location, die einer kleinen Fußballhalle locker Platz bieten könnte. Nicht weit von der großen Bar aus ist eine Reling, die einen großzügigen Ausblick auf die Tanzfläche gibt. Leicht wird man an jene im Babylon-Club aus Queer as Folk erinnert, wenn man auch einen direkten Vergleich wohl nicht ziehen sollte.

Die hippste Location für Twens ist im Moment dafür eher der Club Byblos. "Ich bin ab vier da, alle meine Freunde kommen auch", zwinkerte mir am späten Nachmittag ein spanischer Twen im Manhatten zu. Einen ahnungslosen Touristen spielen, der wissen will, wo am Abend die gute Party steigt, war meine Taktik. Ohne Spanischkenntnisse ist es zwar leicht frustrierend, fünf Personen anzusprechen, die alle nur händeschüttelnd bedeuten, dass sie ebenso kein Wort Englisch sprechen. Doch wer unter den Spaniern der ungewöhnlichen, ausländischen Sprache mächtig ist, zeigt dafür gleich umso mehr Interesse für exotische Ausländer und ist dabei auch gerne mal direkt. Meine Strategie: Einfach Leute ansprechen und sich nicht von Abfuhren entmutigen lassen. In so ziemlich jeder Bar scheint sich in Alicante ein flirtwilliger Spanier finden, für jeden Geschmack. Ohne Schirm, aber mit Charme und (Wasser-)Melone.