Die andere Seite des Schwarzwalds

16.04.2012
 
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Altbacken, langweilig und nicht gerade ein Ort, in dem sich Lesben und Schwule willkommen fühlen. Das war lange Zeit das Image des Schwarzwalds. Dass dem heute nicht mehr so ist, beweist das beschauliche Dorf Hinterzarten. Hier kann man schmale Pfade an steilen Felswänden hinaufsteigen, tiefe Schluchten durchkreuzen und gayfriendly übernachten. Und Freiburgs Szene ist gleich um die Ecke. 

 



Es ist warm, ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit, sogar noch jetzt, da sich der Tag dem Ende neigt. Der Himmel ist blau, genauso wie in den folgenden Tagen. Irgendwo, weit weg am Horizont, tummeln sich ein paar Wolken. Von Freiburg aus fahren wir rund 26 Kilometer die Berge hinauf, vorbei an Orten, die Namen wie Himmelreich und Hirschsprung tragen, und dann ist man endlich da: Hinterzarten. Früher hieß Hinterzarten "Hinter der Straß". Zwischen 1708 und 1750 tauchte die heutige Schreibweise "Hinterzarten" auf. Vermutlich gab der Bachnamen "Zartenbach" der Kirche und dem Ort den Namen.

Fast 900 Meter über dem Meeresspiegel liegt Hinterzarten, hat 2.656 Einwohner, ist 3.336 Hektar groß, davon 2.446 Hektar reine Waldfläche. Sehr grün und sehr beschaulich also. Das Dorf liegt an der Route Verte (Grüne Straße), die von Titisee-Neustadt bis Contrexville über 254 km führt – und ist, man kann es nicht anders sagen, ein Juwel. Schon mehrfach wurde Hinterzarten als "schönster Ort Baden-Württembergs" ausgezeichnet. Bei allen Kreiswettbewerben, an denen der Ort teilnahm, wurde er Sieger im Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden".

Das Parkhotel Adler ist das Vorzeigehotel im Ort

Am Ende des Dorfes, genauer gesagt am Fuß der berühmten Adler-Skisprungschanze, befindet sich das Parkhotel Adler, das Vorzeigehaus im Ort. 5 Sterne und Mitglied in der renommierten Hotelallianz „Small Luxury Hotels of the World“. Ein gayfriendly Haus, wie uns ein Freund verriet, der seit Jahren mit seinem Partner einmal im Jahr ein Romantik-Wochenende hier verbringt. Die resortartige Anlage mit eigenem Hubschrauberlandeplatz und einem vier Hektar großen Privatpark mit kleinem See und Wildgehege verfügt über 56 Zimmer, davon fünf Familiensuiten, 13 Junior-Suiten, zwei Suiten, eine Präsidentensuite und einen 1.200 qm großen Wellness-Pavillon. Seit 1446 ist das Haus in den Händen der Familie Riesterer, seit elf Jahren führt Katja Trescher in der 17. Generation das Zepter in der Hand. 2004 gab es für sie eine schöne Auszeichnung: „Hotelier des Jahres“, vom Deutschen Fachverlag verliehen.

Schnell ist das Hotel gefunden, der Ort ist übersichtlich. Links vom Haupteingang steht das zum Hotel gehörende, denkmalgeschützte Schwarzwaldhaus aus dem Jahre 1639, das das Restaurant „Adler-Wirtshus“ beherbergt. An der Rezeption gibt es kein Warten; Empfangschefin Susanne Beilharz ist gut gelaunt, ohne aufgesetzt zu wirken. Die häufig gestellte, unangenehme Frage an zwei Männer, ob man gern getrennte Einzelbetten im Doppelzimmer haben möchte, wird erfreulicherweise nicht gestellt. Gut, das mag der Vollständigkeit halber daran liegen, dass man bei der Buchung auf den Freund hinwies, der einem das Hotel so ans Herz gelegt hatte …

Die Messingschilder an den Zimmertüren erinnern an prominente Gäste

„Ich bringe sie jetzt ins Chris de Burgh-Zimmer“, sagt Frau Beilharz, während sie den Weg zum Zimmer im zweiten Stock des Haupthauses weist. Das Zimmer heißt wirklich so, denn an die Aufenthalte der prominenten Gäste erinnern Messingschilder an den Zimmertüren. Jedes Zimmer hat einen anderen Namen: Tina Turner ist da zu lesen, Tokio Hotel, Sven Hannawald, Alain Delon, Udo Jürgens, Johannes Rau und so weiter und so fort. Ob derzeit ein Prominenter im Hause ist, darüber hüllt sich das Personal natürlich in Schweigen. Diskretion ist für ein solches Haus Ehrensache.

Weniger schweigsam ist man, wenn es um den Stolz des Hauses geht, die neuen Zimmer nämlich. Nach 18 Monaten Arbeit wurde im April 2011 die Komplettrenovierung der Zimmer und Suiten abgeschlossen. Im Rahmen des Umbaus wurden sie vergrößert; die Gesamtzahl der Zimmer hat sich dabei auf 56 reduziert. In den Zimmern im Haupthaus fängt das helle Graublau der Wände nun sanft das Licht ein, das durch die weißen Holzfenster direkt in die Zimmer fällt – auf Voiles wird zugunsten des freien Blicks auf die idyllische Landschaft verzichtet. Neobarock-, Blumen- und Streifenmuster dominieren den Stil. Die Farben changieren von Rubin und Flieder über Goldgelb und Saphirblau bis hin zu Smaragdgrün. Jedes der 56 Zimmer ist individuell und in eigener Farbgebung eingerichtet. Die Möbel sind aus massivem Holz gearbeitet.

Hoteldirektor Olaf Galaburda begrüßt jeden Gast persönlich

Als wir wenig später auf Entdeckungstour durchs Hotel streifen und zunächst ein wenig orientierungslos im Foyer umherirren, eilt Hoteldirektor Olaf Galaburda herbei. Der 45-Jährige begrüßt jeden Gast persönlich, das ist ihm wichtig. Seine fachliche Kompetenz stellte er in mehreren leitenden Funktionen unter Beweis. Zuletzt war der in Mönchengladbach geborene drei Jahre als Operations Manager für fünf Boutique Deluxe Hotels der „Riad Lotus Gruppe“ in Marrakesch verantwortlich. Davor zählten Frankreich und die Seychellen zu seinen Stationen, unter anderem als General Manager der Trauminsel Frégate Island Private. Als Hotel- und Projekt-Manager war er auf dem Kreuzfahrtschiff Sea Cloud II unterwegs, nachdem er als Resident Manager in den amerikanischen Relais & Chateaux Hotels Stonepine im kalifornischen Carmel Valley und The Point in Saranac Lake, New York, gearbeitet hatte.

Als Galaburda einen Rundgang durchs Haus anbietet, sagen wir natürlich nicht nein. Stolz präsentiert er uns das komplette Adler-Ensemble, bestehend aus dem Schwarzwaldhaus, dem Haupthaus und dem modernen Wellness-Pavillon im japanischen Stil. Dieser ist besonders gelungen. Auf über 1.200 qm erstreckt sich der Wohlfühlbereich und bietet alle Anwendungen, die sich der gestresste Körper und Geist wünscht. Zu dem Pavillon gehören Beauty- und Massagekabinen, Einrichtungen für Licht- und Thallassobäder, ein Whirlpool, eine Vitaminbar, ein Saunaareal samt römischen Dampfbad mit aromatischen Blumendüften und Erlebnisduschen. Highlight ist das Schwimmbad mit direktem Zugang zum Hotelpark und einem Whirlpool mit Blick in den Sternenhimmel.

Im Spa wird man kompetent und charmant beraten

Seit dem Spätsommer 1999 ist Inge Cachemaille Herrin des Wellness-Pavillons, von langjährigen Gästen, die ihre Kompetenz zu schätzen wissen, auch ehrfürchtig Spagöttin genannt, wie wir später erfahren werden. Neben den klassischen Beautyanwendungen und Ayurveda bieten Cachemaille und ihr Team Körpertherapien wie Gesundheitsmassagen nach hawaiianischer Tradition oder Chakren-Balancierung an. „Wir erkundigen uns vorab telefonisch sehr genau nach den Wünschen und Befindlichkeiten unserer Kunden“, erläutert Cachemaille ihr Credo. Das sei sehr wichtig, um zum gewünschten Erfolg zu gelangen, sagt sie mit einer Stimme, die den Zuhörer schon nach wenigen Minuten in einen angenehmen Trance-Zustand versetzt, den man stundenlang fortgesetzt haben möchte ...

Eine Reise in die 30er-Jahre erlaubt ein Besuch des hoteleigenen Wiener Kaffeehauses „Diva“. Ob Kaffee der Edelmarke Azul, Schokolade, verschiedene Teesorten, Trüffel, Torten oder kleine herzhafte Speisen – das im Juli 2006 eröffnete und im Jugendstil eingerichtete Café ist ein herrliches Kleinod. Verglaste Wände, goldene Jugendstillampen aus Paris, prachtvolle Kronleuchter, Ledergarnituren, Samtverkleidung und dunkles Mahagoni-Holz lassen den Geist der 30er-Jahre neu erleben. „Obwohl hier alles im Wiener Kaffeehaus-Stil gehalten ist, darf natürlich eine echte Schwarzwälder Kirschtorte nicht fehlen“, erklärt Galaburda lachend.

Die Ravennaschlucht ist genau das Richtige für uns

Doch die wäre uns jetzt zu viel des Guten. Wir möchten lieber etwas erleben, die Gegend erkunden. Schmale Pfade an steilen Felswänden hinaufsteigen, Stege über wilden Wassern überqueren, tiefe Schluchten durchkreuzen und urwüchsige Pflanzen entdecken. Unsere Vorstellung vom Schwarzwald soll sich doch erfüllen! Das geht hervorragend an der Wutach und ihren Zuflüssen. Sie bilden die Kulisse für ein Naturerlebnis, wie es intensiver kaum sein könnte, lesen wir in einer Broschüre. Aber mehrere Kilometer wandern, gar den ganzen Tag? Puh! Wer es – so wie wir – eine Nummer kleiner mag, kann sich auch mit der hoteleigenen Limousine zum nur sieben Kilometer entfernten Hofgut Sternen kutschieren lassen.

Gleich am Wegbeginn unterqueren wir das beeindruckende Eisenbahnviadukt. Wow, mindestens 80 Meter hoch. Schnell drunter weg und schon erreichen wir den kleinen Ravennaweiher und danach beginnt auch schon der Schluchtabschnitt, durch den der Ravennabach zu Tal stürzt. Von dort geht es die Ravennaschlucht hinauf, auf engen Pfaden und vorbei an steilen Felswänden. Lehrreich ist es allemal: Wegen der zahlreichen durch Lehrtafeln erläuterten Schauobjekte am Wegrand, zum Beispiel die Klopfsäge, die Wassermühle und das Seiltriebwerk – kann man die Wanderung schon fast als Besuch eines Freilichtmuseum bezeichnen. Der Weg entlang am Wasser und durch die Schlucht endet abrupt am Waldrand, an den sich ein kleines sonnenbeschienenes Tal anschließt, rings vom Wald umgeben. Ein paar Häuser stehen hier, einsam und verlassen wirken sie – mit Ausnahme eines Cafés, das zu einem Zwischenstopp einlädt. Da sagt man als Großstädter doch nicht nein …

Freiburgs Szene ist nur dreißig Minuten mit dem Auto entfernt

Apropos Großstadt: Nach einem idyllischen Tag in der Natur und einer köstlichen Verkostung in der Schwarzwaldstube des Hotel Adlers verspüren wir den Drang, noch etwas von der Szene zu sehen. „Na, hier in Hinterzarten sieht es da etwas mau aus“, sagt Hoteldirektor Olaf Galaburda mit einem Schmunzeln. Wenn wir es etwas größer haben wollen, könnten wir nach Zürich fahren. Eine Stunde ist man unterwegs. Wenn es etwas kleiner sein darf, wäre vielleicht Freiburg das Richtige. Nur 25 Minuten mit dem Auto. Wir entscheiden uns für die kleine Variante.

Unsere erste, von Olaf Galaburda empfohlene Location, ist die Freiburg Bar. Das ist eine Bar, ein Restaurant und ein Tanzclub in einem. Drei Security-Kräfte am Eingang sorgen für ein mulmiges Gefühl. Ob es hier gern handfest zur Sache geht? „Nein, nein, ganz und gar nicht“, klärt uns Freiburg-Chef Bernd Winkler auf. Wir treffen ihn an der Theke, es ist Samstagabend, 23 Uhr, der Laden brummt. „In unserem Tanzclub wollen wir kein all zu junges Publikum haben. Eher Frauen und Männer ab 30“, erläutert er. Die Musik, die zu hören ist, unterstreicht das: Tina Turner trällert „Simply the best“, Ace of Base „All that she wants“. „Habt's noch Hunger?“, fragt Bernd Winkler und reicht uns die Speisekarte. Lammragout Provencal mit Gnocci, Paprika und Bärlauchpesto und Kotellette vom Milchkalb mit Feldkircher Spargel und Sauce Hollandaise lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen …

Doch bevor wir uns zum zweiten Mal an diesem Abend den Magen vollschlagen, ziehen wir weiter in die SonderBar – man glaubt es kaum, Freiburgs einzige Lesben- und Schwulenbar. Sie liegt versteckt in der Salzstraße, in einer unscheinbaren Passage, die man nachts nicht betreten würde, wenn man nicht genau weiß, wohin sie führt. Vor der SonderBar stehen ein kalkweißer Plastiktisch und ein paar Holzstühle. Die Außendekoration der Bar ist ungewöhnlich: Ein Modeshop hat die Fläche gemietet und legt dort seine Klamotten aus.

Viele Gäste blicken ehrfürchtig zu Bernd Winkler herüber. Man kennt ihn sehr gut, schließlich war er zwölf Jahre Chef der SonderBar. „Im Oktober 2010 habe ich mich aus der schwulen Gastronomie Freiburgs verabschiedet“, erzählt Bernd. Ja, es war eine schöne Zeit. Viel hat er über die Szene in Freiburg gelernt: „Die Szene der Stadt war schon immer sehr alternativ. Viele Lesben und Schwule haben einen großen Bogen um die Szenebars gemacht. War ihnen wohl zu kommerziell“, sagt Bernd und trinkt dabei einen Gin Tonic. Ob er darüber angesäuert oder amüsiert ist, verrät sein Gesichtsausdruck nicht.