Ranthambhore - Auf Tuchfühlung mit dem Tiger

30.08.2011
 
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Indien ist ein buntes, feuriges, ungeheuer aufregendes Reiseland, das sich Lesben und Schwulen als Reiseland empfehlen möchte. In unserem ersten Artikel über die gayfriendly Oasen des Landes haben wir vor zwei Wochen an dieser Stelle die quirlige Metropole Delhi vorgestellt. Nun geht es in die Provinz, genauer gesagt in den Nationalpark Ranthambhore – wo man nicht nur friedlichen Leoparden, Streifenhyänen und Lippenbären begegnet, sondern auch ganz schön dreisten Affen ...



New Delhi Railway Station, 14 Uhr am Nachmittag. Im Eingangsbereich und auf den Bahnsteigen geht es extrem wuselig zu. Menschenmassen strömen in alle Richtungen, Geschäftsleute, Gruppen von Kids, offenbar Schulklassen, und Obdachlose, die sich mit ihren Habseligkeiten auf dem Boden niedergelassen haben. Mittendrin einige Touristen, die meisten mit Reiseführer, die tapfer den Weg zum richtigen Gleis suchen. So auch wir. Die Orientierung dauert eine Weile, denn Delhis Bahnhof ist nicht der von Castrop-Rauxel. Der Zug, der uns nach Sawai Madhopur zum Nationalpark von Ranthambhore im Bundesstaat Rajasthan bringen soll, kommt uns gefühlte Kilometer lang vor – bis wir unseren Waggon erreicht haben, vergehen rund zehn Minuten. Die exakte Nummer des Sitzplatzes ist draußen am Waggon handschriftlich auf einem Blatt Papier vermerkt. Nichts wie rein, denn es gibt in Indien schönere Momente, als auf dem Bahnhof stundenlang auf den nächsten Zug warten zu müssen. Für die rund 370 Kilometer lange Strecke nach Sawai Madhopur benötigt der Zug viereinhalb Stunden.

Für Raucher öffnet der Schaffner während der Fahrt gern die Zugtür

Wir haben Glück, unser Abteil befindet sich in der sogenannten AC-Klasse, die über eine Klimaanlage verfügt – zwar überraschend kühl, aber besser als weiter hinten. Denn in den Wagenklassen ohne Klimaanlage ist es drückend heiß. Aber immerhin lassen sich dort die Fenster öffnen, was bei uns nicht möglich ist. Auch gibt es im gesamten Zug Ventilatoren; die sind zwar laut, leisten aber gute Arbeit, so dass es auch im Hochsommer im Zug immer stets angenehmer ist als auf dem Bahnsteig. Das Rauchen ist in den Zügen offiziell verboten, aber wer zwischen den Waggons raucht, muss sich nicht vor dem Schaffner fürchten. Eher davor, dass er aus Höflichkeit während der Fahrt (!) die Zugtür öffnet, um den Rauchenden ein wenig frische Luft zukommen zu lassen …

Ankunft pünktlich zum Abendessen. Praktischerweise liegt der Bahnhof von Sawai Madhopur nicht weit von den Hotels, die sich fast ausnahmslos in der Nähe des Nationalparks befinden. Berühmt ist der Park vor allem für seine Tiger. Jährlich pilgern Zehntausende Touristen in die Gegend, in der Hoffnung, eine der Raubkatzen zu sehen. Weltweit bekannt wurde der Ranthambore-Nationalpark, als Ex-US-Präsident Bill Clinton dort zwei Tiger erblickte. Bei kaum einer Pauschalreise zwischen Delhi, dem Taj Mahal, Udaipur und Jaipur fehlt ein Stopp in Ranthambore. Die Begegnung mit den Tigern reduziert sich zwar oft auf Spuren im Sand, das Naturerlebnis ist trotzdem überwältigend, wie wir in den nächsten Tagen feststellen sollten …

Das Aman-i-Khás ist ein Resort der Spitzenklasse

Unsere Unterkunft ist das Aman-i-Khás - ein ideales Wildniscamp für Reisende, die die Natur und das dörfliche Leben Rajasthans erleben möchten. Den Managern des Hauses muss man zu Gute halten, die gesamte Klaviatur der Vorurteile der Mitteleuropäer gegenüber Indien schnell vergessen zu machen. Gegen die Angst vor Armut, Dreck, fauliges Wasser, Menschenmassen und was immer der Europäer sonst noch assoziiert, setzen sie auf Opulenz, Luxus, klinische Hygiene, extrem freundliches Personal und Gartenanlagen, die mit dem Rasiermesser gepflegt zu werden scheinen. Mit nur zehn Zelten ist das Aman-i-Khás ein kleines Hotel und dennoch so exklusiv, dass es sogar einen eigenen Kräuter- und Gemüsegarten unterhält, um den kulinarischen Ansprüche seiner Gäste zu genügen.

Die zehn Zelte sind alle identisch und dem Stil der Reisezelte aus der Moghul-Zeit nachempfunden. Kein Camping im eigentlichen Sinn: Jedes Zelt misst üppige 108 Quadratmeter und bietet einen abgegrenzten Eingangs- und Wohnbereich mit Sessel, Tisch und Stühlen. Auf dem befestigten Außendeck bieten sich ebenfalls Sitzgelegenheiten an. Im Zentrum des Zeltes befindet sich unter dem sechs Meter hohen Zeltdach das Tagesbett, weiterhin finden sich der Schlaf- und der Badebereich und zwei Schreibtische, um die Erlebnisse des Tages festzuhalten.

Tiger, wo bist du nur?

Mit Wohnbereichen, die durch Stoffwände voneinander getrennt sind, spiegeln die klimatisierten Gästezelte einen edlen Moghul-Stil wider. Cognacfarbenes Holz, lederbezogene Sessel und cremefarbene Naturstoffe dominieren ihr Interieur auf mehr als 100 Quadratmeter Wohnfläche. Dining- und Spa-Zelte, eine Lagerfeuerstätte, Lounge, Bibliothek und ein großer Pool vervollkommnen das Luxuscamp. Ein Zelt für die Mahlzeiten, eine Lounge sowie eine Feuerstelle für die romantischen Abende mit Sitzkissen im Moghulstil sorgen für eine gelungene Atmosphäre.

Das Hideaway ist sieben Monate im Jahr von Oktober bis Ende April geöffnet. Dies ist die beste Zeit, um die Tiere im Nationalpark zu beobachten – darunter Affen, Leoparden, Wüstenluchse und Gazellen. Aber die interessieren uns nicht besonders. Wir wollen einen Tiger sehen. In freier Natur. Schon immer. Und jetzt sind wir schon am zweiten Tag im Nationalpark und haben noch keinen einzigen Tiger entdeckt. Am nächsten Morgen sollte es schon weiter gehen. Unser Fahrer hält während unserer Jeeptour durch den Park ein letztes Mal, mucksmäuschenstill sollen wir sein. In Ranthambore trifft man tagsüber häufiger und mehr Tiger als in jedem anderen Park oder Schutzgebiet. Sie haben hier die Furcht vor dem Menschen verloren und lassen sich durch seine Gegenwart überhaupt nicht mehr stören.

Irgendwann überkommt jeden Besucher die Faszination der Monotonie

Wir warten. Es ist dieser Moment, in dem einen die Faszination der Monotonie überkommt. Die Weite des Himmels, in der Ferne das Grün der riesigen Bäume und sonst nichts als die still und scheinbar endlos vor sich hin dösende Natur. Es herrscht Schweigen. Dabei ist es nicht nur der tiefe Respekt vor der Natur und der Wunsch, durch die Stille vielleicht einen Tiger zu erblicken. Alle, ja selbst unser Fahrer, der schon Dutzende Male hier umher getuckert ist, spüren die Magie des Parks. Der Blick schweift in die Ferne. Trockene Felsgebiete, einige Seen und kleinere Wasserläufe werden von Trockenwäldern gesäumt. Ein altes Fort aus dem 10. Jahrhundert erhebt sich majestätisch über dem Park. Jeder ist ergriffen von der Einsamkeit in der menschenleeren Gegend. Alle Sinne sind jetzt wach. Aber einen Tiger sehen wir nicht. Es sollte nicht sein …

Auf dem Rückweg dann aber eine Begegnung mit anderen Bewohnern des Parks, die unseren Tiger-Frust schnell vergessen machen. In dem Park leben Tausende Affen; auch sie haben die Scheu vor dem Menschen gänzlich verloren. Dafür haben sie oft Hunger: An einem der Gates, die den Zugang zum Park erlauben, stauen sich die Touristenjeeps. Als die Insassen eines Jeeps in einem Moment der Unachtsamkeit ihre Tüten unbeobachtet lassen, stürzen sich die Affen in den Wagen und knabbern in alle Ruhe genüsslich die Kekse auf – Schadenfreude der übrigen Touristen inklusive ...

Anreise. British Airways fliegt von Berlin-Tegel, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart über London-Heathrow zweimal täglich nach Neu-Delhi. Flüge sind ab circa 650 Euro zu haben: www.ba.com! Von Delhi geht es weiter mit dem Zug nach Sawai Madhopur.

Übernachtung. Aman-i-Khás, Fünf-Sterne-Luxus-Resort, Ranthambhore, Rajasthan, India, Tel. (91) 7462 252 052, E-Mail: aman-i-khas@amanresorts.com, Website: www.amanresorts.com/amanikhas. Das Management des Hauses spricht Deutsch.

Veranstalter. Gayfriendly Reiseangebote durch Indien bietet die Agentur SITA. Derzeit hat sie eine Rundreise durch Nordindien („The Highlights of North India – gayfriendly") und durch Südindien ("Highlights of South India - gayfriendly") im Angebot.