Delhi - Wenn Indiens Metropole ruft

17.08.2011
 
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Höllenlaute Motorrikschas und Kühe, die seelenruhig auf der Fahrbahn pausieren: Delhi kann einem beim ersten Besuch einen gehörigen Kulturschock verpassen. Doch wer sich auf die Stadt einlässt und den richtigen Reiseführer dabei hat, erlebt einen faszinierenden Einblick in die riesige Metropole – Begegnungen mit anderen Lesben und Schwulen inklusive. Teil eins unserer dreiteiligen Serie über gayfriendly Indien.


Morgens um 9 Uhr, Ankunft in der 11-Millionen-Einwohner-Metropole Delhi: Die ersten Flieger aus Europa sind am Indira Ghandi International Airport gelandet, aber dennoch geht es ruhig am Ausgang des Terminals zu. Die wenigen Touristen, die orientierungslos aus dem Gebäude taumeln, werden von Dutzenden Taxifahrern umlagert: „Come to me. Very cheap“, buhlen sie um die Gunst der Anreisenden. Wir bleiben verschont. Unserer Betreuer Sanjay von der Reiseagentur SITA hat uns bereits in Empfang genommen und schirmt uns souverän ab: „Kommt bitte mit zum Parkplatz. Der Fahrer unseres Kleinbusses wartet dort auf uns“, erklärt er in lupenreinem Deutsch. Das Abenteuer Indien kann beginnen. Halt, nicht ganz. Erst einmal ist frisch machen angesagt. Vom Flughafen steuern wir ins Hotel Taj Ambassador. Fünf Sterne hat es. Tripadvisor platziert es auf Platz 39 von 512 Hotels in Delhi. Es liegt nur etwa dreißig Minuten mit dem Auto vom Airport entfernt in einem denkmalgeschützten Gebäude aus den 40er Jahren. Wie bei allen Hotels in Indien im gehobenen Segment müssen wir als Besucher aber erst einmal den Sicherheitscheck durchlaufen: Kontrolle des Wagens, ob sich auch keine Bombe unter der Karosse befindet. Ein Portier in grauer Filzkutte eilt herbei und kümmert sich ums Gepäck. Anschließend Durchleuchten des Koffers und des Rucksacks. Rund ein halbes Dutzend Sicherheitskräfte tummelt sich im Eingangsbereich. Die Lobby präsentiert sich nüchtern, das Frühstücksbuffet opulent - und heiß ... Ernüchternd präsentiert sich die Lobby: Das Hotel scheint ein wenig in die Jahre gekommen zu sein, eine Renovierung stünde dem Haus nicht schlecht zu Gesicht. Geradezu enttäuschend ist der Balkon auf dem Zimmer, der einen Blick auf einen heruntergekommenen Hinterhof bietet. Erleichterung macht sich darüber breit, dass wir nur zum Duschen und zum Frühstücken gekommen sind. Letztgenanntes kommt überraschend opulent daher: Herzhafte, frittierte Teigringe mit scharfer Soße und Gemüseeinlage, mit Kartoffeln gefüllte Samosa, Linsen-Eintopf namens Sambar, Kokosnuss-Chutney, das Fladenbrot Naan in allen möglichen Variationen und Butter Chicken (!). Schnell lernen wir: Frühstücken in Indien ist eine äußerst großzügige und herzhafte Angelegenheit ...Derart gestärkt kann die Sightseeing-Tour durch Delhi beginnen. Als Sitz der indischen Regierung ist die Stadt überwiegend Verwaltungszentrum – und äußerst gepflegt. Die Straßen sind blitzsauber. Das gesamte Stadtgebiet von Delhi umfasst eine Fläche von rund 1.400 Quadratkilometer, der Anteil von Neu-Delhi beträgt dagegen nur bescheidene 42 Quadratkilometer. Großzügig angelegte Alleen mit Kolonialarchitektur und Parks bestimmen die Szenerie. Das Stadtbild des alten Delhi dagegen wird von orientalischer Architektur dominiert. Enge Gassen, Moscheen, Tempel und Basare zeugen von Jahrhunderten muslimischer Herrschaft. Eine Kuh mitten auf der Straße ist in Indien keine Seltenheit Auf den Straßen von Delhi geht es deutlich turbulenter als in Neu-Delhi zu. Hier regiert das Recht des Stärkeren: Einige Fahrer blockieren stur die äußeren Fahrstreifen, jeder Überholversuch muss lautstark mit der Hupe angekündigt werden. Mittendrin zwängen sich Tausende Mofas und Motorrikschas, die einen Höllenlärm verursachen. Hier und da macht es sich auch eine Kuh auf der Straße bequem. Sie darf das. Schließlich ist die Kuh in Indien heilig. Es wäre geradezu töricht, sie grob von der Straße zu scheuchen. Das dicht gedrängte Kuddelmuddel aus Menschen, Tieren und Fahrzeugen schiebt sich an zahllosen Läden und Verkaufsständen vorbei. Nach zwei Stunden sind wir ausgelaugt von den vielen Eindrücken. So fühlt sich wohl ein Kulturschock an.Obwohl Delhi mehr als 11 Millionen Einwohner hat und wir uns ausschließlich im Zentrum der Stadt bewegt haben, sind uns keine Schwulen oder Lesben auf der Straße begegnet – jedenfalls nicht solche, die wir nach westlichen Maßstäben – rein äußerlich - dafür halten. Dafür sehen wir viele Männer, die Hand in Hand über die Straßen gehen. Das hat aber nichts zu bedeuten, erläutert unser Guide Sanjay: „Das nennt man in Indien yaari, es handelt sich um eine Männerfreundschaft, die keinerlei sexuellen Bezug hat“. Aha. Und wo sind sie nun, unsere indischen Brüder und Schwestern?400 Lesben und Schwulen tummeln sich samstags auf der Boyzone-Party Eine Antwort darauf gibt Manish Sharma. Der 33jährige ist einer der wenigen Vorzeigeköpfe in der indischen Schwulen- und Lesbenbewegung. Hauptberuflich ist er Manager des Rajdhani Gästehauses, nebenbei organisiert er in Delhi die Szeneparty Boyzone. Rund 400 Lesben und Schwule tummeln sich jeden Samstag auf seiner Party, die in wechselnden Locations in der ganzen Stadt verteilt stattfindet. Wir treffen ihn vor unserem Hotel, er hat einen Chauffeur mitgebracht. Chic gekleidet ist er, ganz Yuppie, sehr eloquent und wohlerzogen wirkt er. Man könnte ihn für die indische Ausgabe von Philipp Rösler halten. Er möchte uns die Gay Hot Spots von Delhi zeigen, während der Autofahrt können wir ja Fragen stellen, sagt er. Machen wir gern. Wenn wir denn dazu kämen. Unablässig klingelt sein Handy. Es ist Samstag, am Abend steigt seine Party. „Hello. Who are you?“, fragt er meist. Wieder erkundigt sich jemand nach der Party-Location heute Abend. Meist ärgert er sich, dass wildfremde Personen seine Handynummer besitzen. Er sagt, er frage schon gar nicht mehr, wer sie weitergegeben habe. Die meisten Anrufer verweist er auf seine Infoseite auf Planetromeo, so nennen Schwule in Indien Gayromeo. Ja, es gibt auch eine Fanseite auf Facebook, aber da sei nicht so viel los, sagt er. Schwule in Indien sind vorsichtig, man registriert sich lieber bei Planetromeo, da ist es anonymer.Flip-Flops und Shorts haben auf Delhis Schwulenparty nichts zu suchen„How old are you?“, fragt er den nächsten Anrufer. 22? Ja, kein Problem, du kannst kommen, aber registriere dich auf eine unserer Seiten bei Planetromeo oder bei Facebook. „Wir lassen nur registrierte User auf unsere Partys“, erläutert er. Und was ist mit Touristen? „Wenn die Gäste gut gekleidet sind und äußerlich zu unserem Publikum passen, kommen sie natürlich auch rein“, so Manish. Flip-Flops oder Shorts sollten also im Hotel bleiben. Offenbar ist Indiens Schwulen- und Lesbenszene zweigeteilt, merken wir schnell. Solche, die sich Szenepartys leisten können und solche, die besser draußen bleiben sollten … Nach dreißig Minuten kommen wir an unserem ersten Hot Spot an. Pepper's heißt der Laden. Wir hatten eine angesagte Gay-Bar erwartet. Das trifft es aber nicht ganz. Vielmehr trifft sich hier seit rund zehn Jahren jeden Dienstagabend die Lesben- und Schwulenszene von Delhi, sagt Manish. Nur dienstags? "Ja, leider nur dienstags. Dafür lernst du hier aber sehr nette Jungs und Mädels kennen", verrät Mansih mit einem Augenzwinkerns. Wer Delhi besucht und am Dienstag in der Stadt ist, sollte also unbedingt einmal vorbeischauen, denn besonders groß ist die Schwulenszene von Delhi noch nicht: Es gibt zwei Partys am Samstagabend, jeden Dienstag das Happening im Pepper's und zwei, drei Cruising-Treffpunkte in Parks. Cruising-Parks gibt es, Sex im Gebüsch nicht Indiens Schwulen- und Lesbenszene steckt noch in der Kinderschuhen. Nur langsam gewinnt sie an Fahrt. Erst seit 2008 gibt es einen CSD in Delhi. Das hat vor allem politische Gründe: Der Gerichtshof in Delhi hat erst vor zwei Jahren entschieden, dass die Strafbarkeit von Homosexualität gegen die Verfassung verstößt. Dagegen haben die Konservativen Berufung eingelegt, jetzt muss der Oberste Gerichtshof darüber entscheiden. Niemand im Land zweifel aber daran, dass das Verfassungsgericht das Urteil bestätigen wird. Seit dem Urteilsspruch wird in Indien niemand mehr wegen seiner Homosexualität vor Gericht gezerrt. Die Zeiten sind vorbei. Indien steht, wenn man so will, gesellschaftlich heute da, wo die Bundesrepublik 1969 stand: am Beginn der Entkriminalisierung des Schwulseins. Zwar ist auch heute noch der Aufschrei in einer indischen Familie groß, wenn sich die Tochter oder der Sohn outet, gegenüber Fremden ist Indiens Gesellschaft aber ausgesprochen liberal. Offene Anfeindungen oder homophobe Attacken gibt es in dem Land nicht.Rund einen Kilometer vom Pepper's entfernt befindet sich der Nehru Park. In der Gegend befinden sich viele Botschaften. Am Eingang des Parks stehen zwei Polizisten Spalier. Grimmig schauen sie aus. Der Park ist nicht besonders groß, hat etwa die Fläche eines Fußballfelds. Hier treffen sich vor allem am Sonntagabend viele Schwule, berichtet Manish. Aber nicht zum Cruising, wie man es in Westeuropa tut. Vielmehr läuft man herum, setzt sich auf eine Bank und flirtet. Wenn man sich sympathisch findet, tauscht man seine Handy-Nummern aus oder geht woanders hin. Sex im Gebüsch ist streng verboten und somit tabu.Das Aman Hotel New Delhi ist ein Juwel - privater Plunge Pool inklusive ... Am Abend dann die erste Begegnung mit dem, wofür Indien in der ganzen Welt bekannt ist: Seine wunderbaren Hotels. Wir checken im Aman New Delhi ein, ein traumhaftes Luxus-Hotel. Es gehört zur Gruppe der Amanresorts, die in der Welt der Fünf-Sterne-Hotellerie als Ikonen des erlesenen Stils und der Exklusivität gelten. Durch ihr einzigartiges Konzept läuteten sie mit der Gründung des Flaggschiffs Amanpuri auf der thailändischen Insel Phuket im Jahre 1988 eine neue Ära im Markt der First-Class-Resorts ein. Mit ihren bahnbrechenden Neueröffnungen setzt die Gruppe ihre Entwicklung unter ihrem visionären Gründer Adrian Zecha bis heute fort. Die Resorts spiegeln auf unverwechselbare Weise ihre Umgebung an den weltweit begehrenswertesten Schauplätzen wider – darunter Berglodges in Bhutan, Villenresorts in Indonesien, Strandpavillons in der Karibik, ein Luxuszeltcamp im indischen Rajasthan und ein koloniales Herrenhaus im Fort von Galle auf Sri Lanka. Doch so prächtig die Amanresorts die Reichtümer ihres Umfelds auch bündeln, so schlicht ist ihre Philosophie, die dem Gast nichts weniger als ein Gesamtkunstwerk aus Raum und Zeit verheißt – und ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt.Das Aman New Delhi ist das erste City-Refugium, das die Gruppe in Indien eröffnete. Vor zwei Jahren war das. Es liegt inmitten der geschäftigen Hauptstadt – in der Nähe befinden sich berühmte Stätten wie das Fort Purana Qila und der mittelalterliche Nizzamuddin-Komplex – und ist doch eine wahre Oase der Ruhe. Zu seinen Erholungs- und Freizeiteinrichtungen gehören ein Spa, ein riesiger Pool, Tennis- und Squashplätze. In direkter Nachbarschaft liegt der Delhi-Golfplatz. Fast alle Suiten des aus mehreren Gebäuden bestehenden Resorts verfügen über private Plunge Pools – ein einzigartiges Feature in einem City-Resort. Das Interieur besticht durch ein zeitgenössisches Flair, für das lokale Materialien wie Khareda-Stein und handgewebte Teppiche sowie traditionelle Jaali-Abschirmungen verwandt wurden.Viel Zeit zum Entdecken des fulminanten Resorts bleibt uns nicht, denn am späten Abend ruft die Boyzone-Party. Gastgeber Manish steht am Eingang, das Handy fest in der Hand. Er hält sich dezent zurück, seine Jungs kümmern sich um die Gästeliste und die Security. Die meisten Besucher kommen in Cliquen, selten taucht jemand allein auf. Gern würden wir ein paar Partyfotos knipsen, doch Kameras sind auf der Party nicht erlaubt. „Einige unserer Gäste sind noch nicht geoutet“, erläutert Manish. In Sachen Klamottenstil, Musik und Durchschnittsalter unterscheidet sich die Boyzone kaum von einer westeuropäischen Party; junge Männer, die meisten von ihnen unter 35, tragen enge T-Shirts, Markenjeans und gepflegte Sneakers, und tanzen zu House-Versionen der aktuellen Hits von Lady Gaga und Britney Spears. Das kommt einen doch irgendwie bekannt vor ...

Anreise. British Airways fliegt von Berlin-Tegel, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart über London-Heathrow zweimal täglich nach Neu-Delhi. Flüge sind ab circa 650 Euro zu haben: www.ba.com!

Unterkunft. Aman New Delhi, Lodhi Road, New Delhi 110003, Indien, Tel. (94) 777 743500, E-Mail: reservations@amanresorts.com, Website: www.amanresorts.com/amannewdelhi.

Restaurant. Zing Restaurant im Metropolitan Hotel, Bangla Sahib Road , Neu Delhi 110001, Indien Tel. (91) 11 42500200, exzellentes Restaurant zum Frühstücken und Abendessen (Büffet), internationale Küche, nette Atmosphäre. www.hotelmetdelhi.com/zing.

Ausgehen. Tuesday Night @ Pepper's, Chanakya Lane, Behind Akbar Bhawan Chanakyapuri, Delhi, 110021, Hot Spot für Lesben und Schwule in Delhi jeden Dienstag ab 20 Uhr, proppevoll und sehr beliebt.
Boyzone Delhi, verschiedene Locations, populäre Party am Samstagabend, House, Pop und R'n'B. www.planetromeo.com/boyzone_delhi

Veranstalter. Gayfriendly Reiseangebote durch Indien bietet die Agentur SITA. Derzeit hat sie eine Rundreise durch Nordindien („The Highlights of North India – gayfriendly") und durch Südindien ("Highlights of South India - gayfriendly") im Angebot.