Easy going auf Key West

26.05.2013
 
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Der südlichste Flecken der USA ist immer noch ein Top-Reiseziel für Schwule: Karibik-Feeling, gepaart mit Toleranz und Leichtigkeit. Gästehäuser, in denen Cruising erlaubt ist. Schwulenbars, die allesamt fußläufig zu erreichen sind. Key West ist ein Paradies – für alle, die das nötige Kleingeld in der Tasche haben …


Jens, ein Freund von mir aus München, kann ganz schön biestig werden, wenn man mit ihm über die besten Reiseziele der USA diskutiert. Einen Besuch in New York zum Beispiel bezeichnet er als überflüssig wie ein Kropf. „Da zahlst du 15 Dollar für einen Wodka-Energy, um den blasierten Schwulen aus Chelsea in ihren viel zu engen Muskel-T-Shirts beim Lästern zuzuhören.“ San Francisco ist ihm zu ausgetreten, und in Chicago es ist ihm immer zu kalt. Palm Springs, die Schwulenoase in der Wüste Kaliforniens, sagt ihm auch nicht zu: „Da ist kein Meer.“ Gar nicht so einfach mit ihm. Spricht man ihn allerdings auf Florida an, strahlen seinen Augen. Besonders Key West hat es ihm angetan. Seit sieben Jahren fliegt er nun schon einmal im Jahr dorthin. „Sooooo entspannt dort. Und Spaß hatte ich auch immer“, verrät er mit einem schelmischen und vielsagenden Lächeln im Gesicht.

Das sehen viele Lesben und Schwule auch so. Key West ist seit Jahrzehnten ein Gay-Hot-Spot. Rund 25.000 Menschen leben hier, über vier Millionen Besucher verzeichnet die Insel jährlich. Wie viele davon Lesben oder Schwule sind, das weiß man natürlich nicht so genau. Was man weiß, ist, dass es rund ein Dutzend Gästehäuser für Schwule gibt. In den meisten von ihnen sind ausschließlich Männer erlaubt, und es gilt die Kleiderregel „Clothing optional“. Das heißt, man kann problemlos im Adamskostüm durch die Hotelanlage schlendern. Tag und Nacht. Eines dieser Resorts ist das „Island House“. Es befindet sich auf der Fleming Street – und damit ein wenig abseits vom Trubel der wuseligen Duval Street, wo sich tagsüber die Touristen der Kreuzfahrtschiffe stapeln und nachts die Schwulen die Gay-Bars unsicher machen.

Zum Bear Fest erwartet die Besucher ein bunt gestricktes Programm

An diesem Nachmittag brennt die Sonne gnadenlos vom Himmel, wie so oft auf Key West. Ein lauer Wind streicht um die Pool-Bar im „Island House“, aus den Musikboxen schallt ein alter Schinken von Whitney Houston. Die meisten Gäste gönnen sich einen Cocktail, Bloody Mary scheint bei vielen angesagt zu sein. Die Anlage ist an diesem Wochenende proppevoll, kein Zimmer ist mehr frei. Das hat einen Grund: Key West feiert das Key West Bear Fest – Dutzende Bären sind an diesem verlängerten Wochenende angereist, um mit Gleichgesinnten ein haariges Happening zu feiern.

Die Veranstalter haben sich alle Mühe gegeben, ein attraktives Programm für die Gäste zusammen zu zimmern: Es gibt eine „Bärenkäfig-Lederparty“ im „Saloon One“, Pool Partys im „Bourbon Pub“ und im „Island House“ sowie jeden Abend ein gemeinsames Dinner in eines der angesagten Restaurants auf Key West. Es ist eine recht entspannte Veranstaltung. Soziale Kontakte zu anderen Bären stehen bei den meisten Touristen im Vordergrund. Um Sex geht es weniger. „Ich habe hier schon tolle Männer kennengelernt. Viele von ihnen sind heute noch meine Freunde, und einige von ihnen treffe ich jährlich auf Key West zum Bärenfest“, berichtet John. Der 54-Jährige kommt aus Boston, zweimal im Jahr ist er auf Key West. Seinen Lebensgefährten hat er vor 20 Jahren auf Key West kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick, sagt John. Und auch die Liebe zu Key West sei bis heute unerschütterlich …

Das Island House ist weiterhin das Maß aller Dinge

Wer zum Bear Fest im Oktober im „Island House“ übernachten will, sollte sich zeitig um eine Reservierung bemühen. Während der Gay-Events und in der Hochsaison, die von Januar bis April dauert, ist das Resort häufig ausgebucht. Das liegt nicht nur an den guten Bewertungen, die das „Island House“ bei vielen Gästen im Internet (bei TripAdvisor ist es z.B. auf Platz 2 aller sonstigen Unterkünfte) und von Reisejournalisten erhält. Auch die Tatsache, dass es sich um das größte Resort für Schwule handelt, scheint die Gays anzulocken wie die Motten das Licht. Das Schöne: Nicht nur Resortgäste haben Zutritt. Auch Tagesgästen ist der Eintritt erlaubt. Es gibt ein kleines Fitnessstudio und eine Sauna, die vor allem nachts von Einheimischen und Gästen anderer Resorts aufgesucht wird. „Mein Freund Sam aus Atlanta sucht auf Key West vor allem ein Abenteuer, darum schläft er immer hier“, verrät John.

Am Nachbartisch sitzen Joe und Tim, beide noch recht jung, Mitte 20 vielleicht. „Ja, ganz nett hier, aber für ein Paar, das eine monogame Beziehung führt, vielleicht nicht das Richtige“, sagt Tim, während er das Treiben im Pool verfolgt. Die beiden Jungs kommen aus Salt Lake City, sie sind zum ersten Mal auf Key West. „Sehr entspannt hier, wir kommen bestimmt nächstes Jahr wieder. Aber eher, wenn CSD ist“, sagt Joe. Dass an diesem Wochenende ein Festival für Bären stattfindet, davon wussten sie nichts. „Nicht unser Geschmack, aber Key West ist ja groß genug“, sagt Joe lachend.

Auto? Nö, nicht notwendig. Auf Key West läuft man oder benutzt das Fahrrad

In der Tat: Wer sich nicht den ganzen Tag in den Gay-Resorts tummeln möchte, kann alternativ prima zu Fuß auf Entdeckungstour gehen. Im Gegensatz zu vielen anderen amerikanischen Städten geht man auf Key West zu Fuß oder mietet sich ein Fahrrad. Die schönen viktorianischen Häuser sind bei den Touristen ein begehrtes Fotomotiv, kaum einer kann sich ihrem Charme entziehen. Doch aufgepasst: Man muss achtgeben, dass man sich nicht in die Insel verliebt. Denn von der „keys disease“ befallen zu werden, geht ganz schnell. Davon wissen die Bewohner von Key West ein Lied zu singen: In den vergangenen Jahren sind die Immobilienpreise in astronomische Höhen geschnellt, für viele Bewohner wird es immer schwerer, mit ihrem Einkommen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Viele Einheimische machen dafür vor allem die Kreuzfahrtschiffe verantwortlich, die im Tagesrhythmus ihre Anker vor der Insel anlegen und Tausende Tagestouristen an Land spülen. Die meisten von ihnen sind gutbetucht – und entscheiden sich spontan dazu, sich nach ihrer Rückkehr eine Immobilie auf der Insel anzulegen. „Die Preise sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Alles hier auf Key West ist teurer geworden“, weiß Jim, ein Verkäufer auf der Duval Street zu berichten. Wegziehen, das möchte er allerdings nicht: „No other place in the U.S. is like Key West“, sagt er seufzend. Das ist auch in den späten Abendstunden zu spüren. Auf der Duval Street tobt das Leben, in der Hauptsaison ist kaum ein Platz in den angesagten Bars zu ergattern. Auch weit nach Mitternacht sinkt die Temperatur selten unter 20 Grad.

Go-go-Tänzer sorgen nicht nur für Kurzweil ...

Die meisten Schwulen zieht es in den Bourbon St. Pub (801 Duval Street). In der Mutter aller Schwulenbars auf Key West gibt’s eine große Bar mit vielen Hockern und reichlich Platz. An der Bar gegenüber tanzen Go-go-Tänzer auf den Tresen, knapp bekleidet, die meisten von ihnen tragen lediglich eine weiße Badehose. All zu lasziv sollte man ihnen keine Blicke zuwerfen, denn schon wenige Minuten nach ihrer Tanzeinlage umgarnen sie interessierte Gäste. Vornehmlich die älteren. Zwischendurch sieht man einen der jungen, muskulösen Go-go-Tänzer mit einem Gast nach hinten verschwinden. Neugierig wie man ist, macht man sich auf Entdeckungstour und findet heraus, dass es noch noch eine Open-Air-Bar gibt. Auch einen Pool gibt es – für die Gäste des Resorts, denn das Bourbon ist eine Bar mit angeschlossenem Gästehaus. Oder umgekehrt, so genau weiß das vermutlich niemand. Von dem Go-go-Tänzer und dem Gast jedenfalls ist an der Bar und am Pool nichts mehr zu sehen ...

Anreise. Lufthansa und Air Berlin fliegen nonstop von Deutschland nach Miami (z.B. von Düsseldorf). Der Flug ist bei rechtzeitiger Buchung ab 600 Euro zu haben. Von Miami entweder mit dem Mietwagen oder dem Bus weiter nach Key West. Wer mit British Airways oder American Airlines fliegt, kann auch von Miami mit dem Propellerflugzeug weiter nach Key West.

Übernachtung. Neben dem Island House empfiehlt sich das Equator Guesthouse (818 Fleming Street, Tel. +1 305-294-7775), unweit der Duval Street in einer ruhigen Seitenstraße gelegen. In dem Gästehaus für Schwule geht es herrlich entspannt zu, es gibt einen Pool, eine tägliche Happy Hour und kostenloses W-Lan. Auch hier gilt „Clothing optional“. Die Zimmerpreise beginnen ab rund 210 US-Dollar für ein Doppelzimmer in der Nebensaison. Mehr Infos und Buchung auf
www.equatorresort.com. Informationen.

Weitere Informationen erteilt das Fremdenverkehrsbüro von Key West: The Florida Keys & Key West, c/o Get It Across Marketing, Neumarkt 33, 50667 Köln, Tel. 0221 2336 451,
www.fla-keys.de