Eine Hütte voller Drag Queens

13.01.2010
 

Wenn man mit seinen schwulen Freunden einen Ausflug in die Wildnis von British Columbia unternimmt, dann kann es einem passieren, dass man in der Abgeschiedenheit über die gesellschaftliche Situation der Schwulen im eigenen Land sinniert. Charles Montgomery nahm sich die Muße ...




Die Trucks ließen wir am Ende der Holzfällerstraße stehen, mitten in British Columbias Küstenbergkette. Durch Weidenröschen und Blaubeersträucher stapften wir in den Wald. Ein später Sommerregen begann, und der Pfad wurde sumpfig. Da wir aber das waren, was manche „richtige Kerle“ nennen, machte uns der Matsch und das Gewicht unserer Rucksäcke nichts aus – die immer schwerer wurden, je mehr die Reifröcke, Perücken und High Heels darin durchweichten.

„Geh wieder ins Bett, Sohn.“

Wir erreichten die Waldhütte bei Einbruch der Dämmerung. Aus dem Regen wurde Schneeregen. Das Wasser ergoss sich in silbernen Bächen von dem blechernen Hüttendach. Die Berggipfel und Gletscher über uns verschwanden fast vollständig in Nebel und Sturm. Gefahren und Möglichkeiten lagen in der Luft – das Universum vibrierte förmlich. Wir marschierten hinein, setzten unsere Campingkocher in Betrieb und wärmten Suppe auf – wie es Bergmänner eben tun, wenn sie irgendwo unterkrochen. Wir packten die tragbare Stereoanlage aus, schälten uns aus unserer Thermo-Unterwäsche und schlüpften in Cocktailkleider, Reifröcke, Smokings und High Heels. Der Männlichste von uns mixte eine Runde Martinis. Als der Klang von „Boogie Wonderland“ von den Wänden hallte, und Wodka und Wermut ihre Wirkung zeigten, vernahmen wir eine kleine, klare Stimme vom Dachboden: „Papi, warum haben diese Männer Kleider an?“ Dann eine tiefere Stimme: „Geh wieder ins Bett, Sohn.“

Die Zeiten sind vorbei, in denen es das Richtige war, die Röcke zu raffen

Gesittete Schwule können sehr verunsichert werden, wenn sie mitten in ihren natürlichen, instinktiven Ritualen von Heteros unterbrochen werden. Natürlich haben Heterosexuelle das Recht, in den Bergen herumzuwandern und ihren Kindern beizubringen, wie sie ihre jugendlichen Fantasien mit Messern, Ferngläsern, Gewehren und billigem Bier ausleben können. Es ist ein freies Land. Aber es ist doch abgefahren, wenn sie damit so schamlos und offen umgehen, direkt vor den Anderen. In diesen stürmischen Zeiten ist es für einen kanadischen Schwulen mit Selbstwertgefühl nicht leicht, sich richtig zu verhalten. Die Zeiten sind vorbei, in denen es das Richtige war, die Röcke zu raffen und kreischend in die matschige Tundra davon zu rennen, aus lauter Angst um unser blankes Leben. Die Kanadier erwarten etwas mehr Anstand von uns, etwas mehr … wie soll ich das sagen? Normalität. Heutzutage denken alle immer gleich, dass eine Hochzeit gefeiert wird, wenn eine Gruppe von Schwulen Party macht.

Unsere Stars und Helden haben sich geoutet

Wie viel sich in 40 Jahren verändert hat, seit Premierminister Pierre Trudeau erklärte, dass der Staat in den Schlafzimmern des Landes nichts zu suchen hat. Wir können heute Händchen halten – oder uns zusammen einen runterholen – ohne verhaftet zu werden. Die Polizei hat es im Großen und Ganzen aufgegeben, Razzien in unseren Schwulenbars und Massagesalons durchzuführen. Unsere Stars und Helden haben sich geoutet. Der Olympia-Schwimmer Mark Tewksbury. Rick Mercer, der Witzbold der Nation. Der oberschwule Schnulzensänger Rufus Wainwright. Die Superheteros, die uns einst zu Tode geängstigt haben, haben uns inzwischen als einein Stoff, aus dem die Kultur besteht, akzeptiert und integriert. Dieses „Liebesfest“ wurde mit einer musikalischen Umarmung vor einer Dekade besiegelt, als der heterosexuelle Wegelagerer Stompin’ Tom Connors seine Hand über den Gender-Bender-Graben hinüber reichte. Toll!

Das ist der Teil, der den Champagner schal werden lässt

Und dann ist da das Heiraten. Ich war stolz auf meine Freunde Dawn und Elis, als sie sich 2003 in einer schwulen Freunden je getan hatte. Das Paar war eines von einer schnatternden Horde, die gemeinsam für die Homo-Ehe kämpften, bis hinauf zum Obersten Gerichtshof. Inzwischen hat die kanadische Regierung gleichgeschlechtliche Ehen anerkannt, und unser Land ist die Welthauptstadt der rosa Hochzeit geworden. Und so soll es auch sein. Aber all diese guten Nachrichten bringen auch Herausforderungen für die Schwulen in Kanada mit sich. Denn, und das ist der Teil, der den Champagner schal werden lässt: Mit den Rechten kommen auch die Pflichten. In der guten alten Zeit war es so: Wenn ein männlicher Single 40 Jahre alt wurde, nahmen die Leute einfach an, dass er schwul war und übten keinen Druck mehr auf ihn aus, solide zu werden. Diese Zeiten sind vorbei. Von uns wird nicht nur erwartet, dass wir heiraten, von uns wird auch erwartet, dass wir mithelfen, Kanadas schwindende demographische Zahlen nach oben zu korrigieren, indem wir Babys mit unseren Freunden machen oder sie aus entlegenen Entwicklungsländer adoptieren. Die konservative Mehrheit – mit der ich unsere Mütter, Väter und Geschwister meine – möchte, dass wir Minivans fahren, an Elternabenden teilnehmen, in die Vororte ziehen und uns Rasenmäher kaufen, genau wie sie. Sie möchten, dass wir keinen Spaß mehr haben. Sie murmeln nur, dass sie um acht Uhr im Bett sein müssen.

Wir stellen die besten Spaßtanten

Sie haben damit Erfolg gehabt. Man nehme nur die boomenden „Gaybourhoods“ in Toronto, Ontario, Montréal, Québec und in Vancouver, British Columbia, wo ehemalige Partygänger Pampers-beladenen Kinderwägen schieben, die Gesichter grotesk von Babysprache verzerrt. Man bitte diese erwachsen gewordenen Schwulen einmal, den Kinderwagen bei der Omi stehen zu lassen und einen drauf zu machen - sie werden alle nur schüchtern murmeln, dass sie um acht Uhr im Bett sein müssen. Nur die Wenigsten, Stärksten widerstehen diesem Irrsinn. Eine wachsende Bewegung unter Kanadas Schwulen antwortet mit einem großen, fetten Nein auf diese tückischen Bemühungen, uns dazu zu zwingen, erwachsen zu werden. Wir haben einen ganzen Lebensstil darauf aufgebaut, die besten Partys der Nation zu schmeißen, dienen als Vertrauenspersonen für unsere Übermutti-Geschwister und stellen die besten Spaß-Tanten und -Onkel für die Kinder dieser Nation. Wir haben uns vor langer Zeit dazu verpflichtet, jederzeit für Shopping, Kaffeeklatsch und Wochenenden in Montréal oder Banff (Alberta) verfügbar zu sein. So etwas Unwesentliches wie der Sieg der Menschenrechte wird uns nicht dazu bringen, diese historischen Pflichten zu vernachlässigen.

Sie rückten befangen ihre Perücken zurecht

Es war genau dieser edelmütige Widerstand, der zehn von uns in diese Berghütte führte, mitten in einem späten Auguststurm. Wir waren da draußen. Wir waren stolz. Und wir würden nicht zulassen, dass dieser Mann uns davon abhielt, unsere Gore-Tex-Schühchen zu Earth, Wind and Fire zu schütteln. Und trotzdem – als die Stimme des kleinen Bengels vom Dachboden purzelte, wurden wir blass vor Schock. Die Tänzer ließen sich auf den hölzernen Bänken nieder, rückten befangen ihre Perücken zurecht und setzten ihre Martinigläser ab. Irgendjemand drehte die Anlage leiser. Der Raum wurde ganz still. Wir fühlten die Schwere der neuen Erwartungen der Nation. Eine Schneelawine rutschte vom Hüttendach und traf den Boden mit einem Bumps. Wir schauten zum Dachboden hinauf, ängstlich, trotzig. Ein kleiner Kopf streckte sich aus dem Schatten. Ein Paar Augen schauten in das Licht unserer Scheinwerfer. Sie sprangen hin und her, huschten über die Szenerie, erfassten unsere Büstenhalter, die Perücken, die Smokings und die Partyhütchen, und sie weiteten sich. „Darf ich spielen gehen?“, fragte das Kerlchen mit einem breiten Grinsen. „Oh Gott“, kam die gedämpfte Stimme des Vaters. Entspannung machte sich breit: Erwachsene oben mit verstöpselten Ohren. Kinder unten mit Tanzhausschuhen. Die Musik setzte wieder ein. Das Erwachsenwerden war abgewehrt. Die Nacht war wiedergeboren, und die Zukunft der Nation funkelte wie Pailletten in frischgefallenem Schnee.

Charles Montgomery ist Schriftsteller und Journalist aus Vancouver, British Columbia. Sein erstes Buch, „The Last Heathen”, international unter dem Titel „The Shark God“ veröffentlicht, bekam den Charles-Taylor-Preis als bestes literarisches Sachbuch 2004. www.charlesmontgomery.ca

Hinfliegen. Lufthansa bietet sieben Flüge in der Woche zwischen Frankfurt und Vancouver an. Die tägliche Verbindung wird von einem Airbus A340-300 bedient und bietet 266 Sitzplätze in der Economy und Business Class an. Der Flug startet um 12:30 Uhr ab Frankfurt und erreicht Vancouver am selben Tag um 13:50 Uhr Ortszeit. Die Flugdauer beträgt 10,5 Stunden. Zubringerflüge von allen deutschen Airports. Der Preis in der Economy beträgt ab 682 Euro (inkl. Steuern).

Airport Transfer. Seit August 2009 verbindet die neue Skytrain-Verbindung den Flughafen mit Downtown Vancouver in 25 Minuten. Die Bahnen fahren alle 8-12 Minuten, die einfache Fahrt kostet 5,- CAD (ca. 3,40 Euro). Einige Hotels haben Courtesy Shuttles!

Unterkunft. Pacific Palisades Hotel, 1277 Robson Street @ Jervis, Tel. +1-800-663-1815, helle, freundliche Atmosphäre, sehr zentral gelegen zum Shoppen und zur Schwulenszene, bei TripAdvisor auf Platz 18 von 104 Hotels in Vancouver (Stand: Januar 2010), ab 119 kanadische Dollar pro Nacht pro DZ, www.pacificpalisadeshotel.com

Weitere Informationen.
Die Internetseite www.gayvancouver.net informiert den schwulen Touristen in Vancouver über zahlreiche Hotels, Bars, Restaurants und Club, dazu Infos zu Sehenswürdigkeiten und Jahres-Events wie dem Gay Pride Vancouver. Die Homepage www.hellobc.com ist die offizielle Seite des Fremdenverkehrsamts von British Columbia.