Stockholm: Schön, aber schüchtern

01.07.2010
 
Stockholm: Schön, aber schüchtern Foto: Ola Ericson

Berlin, London, Barcelona – die derzeit angesagtesten schwulen Hot Spots in Europa können ganz schön schlauchen: Sightseeing und Schwulenszene gönnen einfach keine Pause. Doch atemberaubende Architektur und aufregendes Gay-Nightlife-Clubbing findet sich auch in der schwedischen Hauptstadt – nur eben viel entspannter. Und dass die Stockholmer Schwulen wohlerzogen und verdammt gut angezogen sind, wissen langjährige Besucher nur zu gut zu berichten. Wer sich selbst davon einmal überzeugen möchte, sollte Ende des Monats zum Pride-Festival nach Stockholm reisen ...


Was haben die Macher des Stockholm Prides im Sommer 2008 auf diesen Moment hingearbeitet: Die große EuroPride-Parade 2008 sollte es allen in Europa zeigen: Seht her, Stockholm, aus guter alter sozialdemokratischer Tradition liberal und weltoffen, ist die heimliche Schwulenhauptstadt des Kontinents. Wie ließe sich das besser dokumentieren als mit einer fulminanten Euro-CSD-Parade? Bereits in den vergangenen Jahren kratzte das Massen-Happening der schwedischen Lesben, Schwulen und Drag Queens regelmäßig an der 500.000-Zuschauer-Grenze. Das ist für eine Stadt, die gerade einmal knapp 800.000 Einwohner zählt, verdammt viel. Zum EuroPride 2008 wollte man denn auch klotzen, nicht kleckern.

Die Busse der Stadt sind mit Regenbogenflaggen bestückt

Hinter den Kulissen glucksten die Veranstalter schon freudig, man werde möglicherweise den Kölner Rekord aus dem Jahre 2002, als mehr als eine Million Menschen die Straßen säumten, brechen. Die Voraussetzungen waren exzellent: Das Fremdenverkehrsamt und die Stadtspitze lasen den EuroPride-Machern im Vorfeld des Euro-Events jeden Wunsch von den Lippen ab, die Hotels der Stadt sorgten mit attraktiven Pride-Angeboten für einen bezahlbaren Aufenthalt und die örtlichen Verkehrsbetriebe entschlossen sich kurzerhand dazu, erstmals in der Geschichte der Stadt sämtliche Nahverkehrsbusse mit je zwei flatternden Regenbogenfähnchen durch die City kurven zu lassen.

Einer aber spielte an diesem Tag nicht mit: Petrus. Wochenlang erlebte Stockholm einen traumhaften Sommer. Die Sonne strahlte auf die Stadt unablässig herab, die Temperaturen bewegten sich zumeist bei angenehmen 25 Grad. Das viertägige Pride-Park-Festival war täglich ausverkauft. Zur großen EuroPride-Parade kam dann aber alles anders: Es schüttete unablässig wie aus Kübeln. Doch Stockholm wäre nicht Stockholm, würde aus der EuroPride-Sause eine verregnete Trauerparade werden. Tapfer marschierten die mehr als 100 Gruppen und Wagen kreuz und que(e)r durch die City und wurden dabei von (immerhin) 450.000 Zuschauern am Straßenrand frenetisch bejubelt.

Auf dem CSD tummeln sich auffallend viele Heteros

Dabei unterscheidet sich die Stockholmer Parade deutlich von Lesben- und Schwulenumzügen in vielen anderen Städten Europas: Trotz ihrer enormen Größe ist sie keineswegs – wie man vielleicht vermuten könnte - ein einziges Party-Happening. Vielmehr nehmen überdurchschnittliche viele politische Gruppen an der Parade teil, und am Straßenrand erblickt man erstaunlich viele Heteros, die mit Kind und Kegel den Lesben und Schwulen zujubeln. Man mag Stockholm aus Unkenntnis für eine behäbige skandinavische Stadt halten, in Sachen Akzeptanz von Schwulen und Lesben macht ihr aber niemand ein X vor ein U. Sogar die christlichen Parteien haben ihren Frieden mit der gesetzlichen Gleichstellung von lesbischen und schwulen Paaren in Schweden gemacht. Das Land war weltweit eines der Vorreiter, damals Anfang der 90er-Jahre. Wenn man so will, ist Schweden das beste Beispiel für die These, dass homofreundliche Gesetzesänderungen positive Auswirkungen auf die Akzeptanz von Lesben und Schwulen haben. Kaum jemand dreht sich heute noch um, wenn schwule Paare Hand in Hand durch die Stadt flanieren ...

Allerdings sind die Stockholmer, so wie übrigens viele Schweden, recht schüchtern im Umgang mit öffentlich zur Schau getragener Zuneigung. Eine schwule Darkroom- oder Saunenkultur, wie beispielsweise in Paris oder Berlin, gibt es hier nicht. Viele sagen, das passe überhaupt nicht zum Image des braven, wohlerzogenen schwedischen Schwulen, der sich selbst in der Schwulenszene so verhält, als stünde stets seine Mutter hinter ihm. Sich vordrängeln an der Bar, sich alkoholisiert gehen lassen oder gar laut im betrunkenen Zustand gröhlen? Nicht so der typisch schwedische Schwule!

Bis der typische Schwede auf einer Party bereit zum Flirt ist, dauert es ...

Allerdings gehört auf der anderen Seite das ungehemmte Flirten nicht zu seinen Stärken. Roland (28), Verkäufer, der vor fünf Jahren aus der schwedischen Provinz in die Hauptstadt gezogen ist: „Wenn dich in der Disco mal jemand länger als eine Sekunde anschaut, darfst du davon ausgehen, dass er dich verdammt attraktiv findet. Aber niemals darfst du erwarten, dass er auf dich zukommt und dich anspricht. Das machen die schwedischen Jungs einfach nicht.“ Doch der smarte Blonde hat einen Trick parat: „Du findest im Vergleich zu anderen Städten auf den Stockholmer Schwulenpartys ziemlich viele Heteros, die mit ihren schwulen Freunden unterwegs sind. Unterhalte dich einfach mit einer der Frauen. Die meisten Schwedinnen sind in den Schwulenbars sehr locker drauf und stellen dir gern ihre schwulen Freunde vor.“

Dabei geht es recht trinkfreudig zu. Obwohl der Alkohol in Schweden exorbitant teuer ist (Flasche Bier 5-6 Euro, Wodka-Red Bull 10-14 Euro), prostet man sich hier gerne einen Cocktail nach dem anderen zu. Böse Zungen behaupten gar, die Schweden trinken am Wochenende nur deshalb so viel, um ihre Schüchternheit schneller abzulegen und anschließend schneller mit dem Auserwählten ins Gespräch zu kommen. Wer als Deutschsprachiger zu zweit oder gar in einer Clique nach Stockholm reist, sollte sich freilich all zu offene Kommentare verkneifen: Überraschend viele Schweden sprechen und verstehen recht gut Deutsch ... Apropos Sprache: Wer sich schon einmal in Spanien oder in Frankreich über die mangelnden Englisch-Kenntnisse der Einheimischen geärgert hat, findet in Schweden nahezu paradiesische Verhältnisse vor. Viele der Stockholmer Schwulen sprechen ein ausgezeichnetes Englisch.

Den Schlabberlook vom letzten Berliner CSD lässt man besser zu Hause ...

Die kosmopolitische Eloquenz korrespondiert eng mit dem Kleidungsstil der Stockholmer: elegant, stylisch, stets up-to-date. Ralph Lauren-Hemd statt Nike-T-Shirt, G-Star-Jeans statt Schlabber-Army-Hose! Wer in der CSD-Zeit in Stockholm ist, braucht sich denn auch nicht zu wundern, dass so ziemlich jeder Modeshop, der was auf sich hält, die (derzeit vermeintlich) schwulsten Partyklamotten, garniert mit unzähligen Regenbogenfähnchen, in der Schaufensterdekoration parat hält ...

Doch Stockholm Pride und Schwulenszene sind wahrlich nicht die einzigen Highlights, die einen Besuch im Sommer lohnen. Die Stadt selbst ist ein Traum: Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Stockholm eine der schönsten Städte der Welt ist: goldgelbe Renaissancegebäude, unzählige Open Air-Cafés und saubere Parkanlagen machen einen Stadtrundgang zu einem unvergesslichen Erlebnis. Lustgarten und Labsal für die schwedische Seele ist vor allem die Altstadt (Gamla Stan) mit ihren und kopfsteingepflasterten Plätzen und pittoresken Gassen. Dreimal darf man nun raten, wo sich das Gros der Stockholmer Schwulenbars niedergelassen hat ...


Anreise. Die skandinavische Airline SAS fliegt täglich mehrmals im Codeshare mit der Lufthansa von allen großen deutschen Flughäfen nach Stockholm: www.flysas.com (für ca. 200 Euro einschl. Steuern und Gebühren)! 

Unterkunft. Das im minmalistischen Design à la Schweden eingerichtete Nordic Light Hotel mit 175 Zimmern lässt für den Gay-Reisenden keine Wünsche offen: zentrale Lage, sehr schwulenfreundliches Personal, Spa-Bereich, Frühstücksbuffet bis 11.00 Uhr und Late-Check-Out bis 14.00 Uhr am Wochenende! Das Hotel gehört außerdem zu den ersten Hotels Stockholm, das sich ganz offiziell vom Tourismusamt der Stadt das Prädikat "gayfriendly" verliehen ließ. Für Lesben und Schwule hält die Hotel-Webseite sogar eine eigenen Bereich parat: www.nordiclighthotel.se/gay!

Event. Der Stockholm Pride findet in diesem Jahr vom 26. Juli bis 1. August statt. Detaillierte Informationen über das diesjährige Programm finden sich auf der Webseite www.stockholmpride.org.

Infos. Allgemeine touristische Informationen hält die Webseite www.visitsweden.com und www.stockholmtown.com für den Besucher bereit. Über die schwule Szene informiert ausführlich die Online-Ausgabe des Stockholmer Schwulen- und Lesbenmagazin QX: www.qx.se!