Brighton - Englands rosa Seebad

21.06.2010
 
Brighton - Englands rosa Seebad

London hat die größte und aufregendste Gay-Szene Großbritanniens. Wenn es aber um die Zahl der Lesben und Schwulen in Bezug auf die Einwohnerzahl geht, gilt das gar nicht so beschauliche Brighton als unschlagbar. Das mondäne Seebad an der Südküste Englands ist gleichermaßen Refugium für erholungsbedürftige Londoner wie für partysüchtige Nachtschwärmer aus ganz Großbritannien ...



Für Londons Schwule ist Brighton ein Traum: Stressfrei, entspannend und ziemlich schwul – weshalb die Stadt mit einigem Stolz sich selbst den Spitznamen „London by the sea“ verpasst hat. Stolz ist man darauf, eine der homofreundlichsten Citys auf der Insel zu sein – keine andere Gemeinde in Großbritannien hat prozentual so viele schwule und lesbische Einwohner wie Brighton. Das lässt sich besonders gut im alternativen Szenestadtteil Kemp Town beobachten. Coffee- und Gift-Shops sowie grün angehauchte Öko-Food-Läden geben den Gay-Bars und Restaurants die Klinke in die Hand. Läge der Stadtteil in einer deutschen Großstadt, die Grünen könnten sich in diesem Umfeld einer satten Mehrheit sicher sein. Die Londoner (und nicht nur sie!) lieben das Viertel.

Brighton als Refugium eines alternativen Lebensstils für die Hauptstädter

Dennoch gibt es nicht wenige in Brighton, die ob des touristischen Ansturms - halb begeistert, halb irritiert - behaupten, ihre Stadt wurde zum Synonym für den Kick, den die Hauptstädter suchen, und zum Refugium eines alternativen Lebensstils, den man in London bitter teuer bezahlen muss. Der herangeschwemmte Kosmopolitismus ließ und lässt das Leben in der Stadt jedenfalls nicht preiswerter werden. Das Gros der Szene hat sich rund um die St. James Street niedergelassen. Die Gegend mit ihren prachtvollen Regency-Bauten ist das rosa Epizentrum der Stadt. Kein Friseurladen oder Modeshop, der hier was auf sich hält, kommt ohne den Regenbogen-Aufkleber aus. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten ist die aufgeklebte Solidaritätserklärung nicht allein dem Profit gehuldigt.

Brighton ist aus guter alter Tradition liberal und tolerant, es muss sich dafür gar nicht erst erklären. Manche sagen, Lesben und Schwule gehören hier zum Alltag wie der Big Ben zu London. Das kann Brian Snow nur bestätigen. Vor neun Jahren verließen sein Partner Tom Geary und er London und eröffneten die Bed & Breakfast-Pension Avalon. Mitten in Kemp Town, versteht sich. „Wir waren es leid in dem Moloch London. Brighton ist erfrischender, sauberer, freundlicher und kleiner. Du kannst zur Arbeit laufen, vorher oder nachher noch zum Strand. Und irgendwie fühlen wir uns auch heute noch so als seien wir hier im Urlaub“, resümiert er. Ihre Pension ist an den Wochenenden stets gut gefüllt. Zum diesjährigen Summer Pride ist bereits jetzt kein Zimmer mehr zu haben. „Viele lesbische Paare haben schon frühzeitig gebucht. Die Frauen planen sorgfältiger als die Schwulen“, berichtet er schmunzelnd.

Der CSD ist eines der Highlights im Veranstaltungskalender Brightons

Die große CSD-Feier ist der Höhepunkt im schwul-lesbischen Jahreskalender Brightons. Mehr als 300.000 Zuschauer werden in diesem Jahr erwartet. Eine große Parade zieht durch die Stadt, im Preston Park findet anschließend ein Festival mit Bühnen, Open-Air-Tanzflächen, Infoständen und Imbissbuden statt. Damit ist der Brighton Pride nach London und Manchester das drittgrößte Homo-Event auf der Insel. Und weil das schwul-lesbische Event die Massen so sehr anzieht, gibt es seit fünf Jahren nun auch eine Winter-Edition. Im Gegensatz zur partyschwangeren Sommer-Ausgabe steht beim Winter Pride die Kultur im Mittelpunkt. Theateraufführungen, Kleinkunstdarbietungen, Lesungen, Galerieausstellungen und Konzerte stehen überwiegend auf der Agenda.

Wer sich weder im Sommer noch im Winter für die CSDs erwärmen mag, muss in Brighton aber nicht Trübsal blasen. Die Stadt bietet für Touristen ausreichend Sightseeing-Highlights und eine spannende Szene am Abend und in der Nacht. Architektonischer Blickfang Brightons ist der altehrwürdige Royal Pavilion, der Anfang des 19. Jahrhunderts (1815-1822) vom Prinzen von Wales Georg IV. erbaut wurde und aufgrund seines ungewöhnlichen Aussehens an einen Mogulpalast in Indien erinnert. Seitdem Barbara Streisand in dem Royal Pavilion Anfang der 60er Jahre den Film „On a clear day you can see forever“ drehte, ist der Palast bei den Schwulen der Stadt einfach nur Kult: „Barbara ist ja eh ein großer Star bei den Schwulen, zumindest in der älteren Generation. Und dann ist mitten in diesem plüschigen Palast zu sehen. Einfach herrlich“, schwärmt Brian.

Ein Muss: Ein Abstecher zum Brighton Pier

Wahrzeichen der Stadt ist aber der Brighton Pier (offiziell Brighton Marina and Palace Pier); er ragt 500 Meter weit ins Meer hinein und dient heute als Vergnügungsmeile. Man kann sich im „Palace of Fun“ an Dutzenden Spielautomaten verausgaben oder einfach nur die für die Stadt typischen „Brighton Rock“ (Zuckerstangen) vernaschen. Westlich des Rummel-Piers findet sich der West Pier. Der 1866 erbaute Pier ist seit 1975 geschlossen. Wer sich dem vor sich dahin rostenden Bau nähert, weiß auch warum. Zwei Brände und mehrere Stürme haben ihm heftig zugesetzt und so recht scheint sich niemand Solventes zu finden, der ihn wieder aufpäppeln will. Immerhin steht der Pier unter Denkmalschutz, und wenn Mutter Natur denn will, dürfte er auch in Zukunft den Einheimischen wie Touristen zumindest noch die Erinnerung an vergangene glorreiche (Pier-) Zeiten wach halten.

Nur weniger Hundert Meter von den Piers entfernt findet man die Puppenstuben-Idylle der Lanes wieder. Dort ist alles, wie es sich die Konsumfreudigen unter den Homosexuellen wünschen: Enge Gassen, kurze Wege, gepflegte Häuschen, bunte Souvenir-Shops, kitschige Modefummelläden mit reichlich angeschwultem Personal und Galerien mit Kunst, die man sofort mitnehmen möchte. Wer typisches Shopping-Gedränge am Samstagnachmittag liebt, ist im siebten Himmel. Und wem nach einer ausgiebigen Tour kreuz und quer durch die Lanes anschließend der Sinn nach einer Verschnaufpause ist, sollte das Viertel nicht verlassen. Viele der Cafés und Restaurants besitzen eine Außenterrasse, auf denen sich das bunte Treiben vorzüglich beobachten lässt. Und so mancher Flirt dürfte dabei nicht ausbleiben ... 

Amüsiermeile für die Schwulen und Lesben ist allabendlich die Marine Parade

Am Abend und in der Nacht stürmt alles, was in der schwulen Partyszene Rang und Namen hat, Richtung Marine Parade. Das Hotel und Restaurant Amsterdam ist dort seit Jahrzehnten so etwas wie der Fels in der Brandung. Früher freilich war es DER Hot Spot schlechthin. Heute weht der ehrwürdigen Stube eine steife Brise entgegen – allerdings nicht vom Meer. Denn der Konkurrenzkampf auf der schwulen Partymeile Marine Parade wird mit harten Bandagen ausgetragen. Happy Hour in der Charles Street Bar, verbilligter Eintritt im Revenge bis Mitternacht, gratis bis 23 Uhr gar im Legends Club – die örtlichen Homo-Postillen kommen kaum noch nach, wenn es darum geht, die günstigsten Besäufnislokalitäten akkurat für jeden Wochentag aufzulisten.

Denn Brighton Szene ist trinkfreudig. Da, wo es am günstigsten Hochprozentiges gibt, ist es garantiert zum Bersten voll. England, eine der trinkfreudigsten Nationen Europas, macht auch in Brighton ihrem Ruf alle Ehre. Aber das muss kein Ärgernis sein. Am besten, man gibt sich dem Treiben zwanglos hin. Sind die Engländer einmal in Schwung geraten, gibt es kein Halten mehr – gegenüber den Deutschen erst recht nicht ...

Anreise. Will man nach der Landung nicht Stunden nach Brighton unterwegs sein, empfiehlt sich der Anflug auf den südlich von London gelegenen Flughafen Gatwick. Vom Flughafen aus benutzt man am besten die zuverlässigen und sauberen Busse von National Express (rund 17 Euro für die Hin- und Rückfahrt) nach Brighton!

Unterkunft. Bed & Breakfast Avalon, 7 Upper Rock Gardens, Kemp Town, + 44-1273-692344, familiär und schwul geführte Pension mit exzellentem Frühstück (very british), Inhaber Brian und Tom sind stets behilflich bei der Tages- und Abendplanung!

Ausgehen. Charles Street Bar & Club, 8-9 Marine Parade, täglich geöffnet, Café, Bar und Diskothek in einem, am populärsten in den Abendstunden (zwischen 21 und 00 Uhr), am Wochenende zum Bersten voll, Lesben und Schwule gleichermaßen vertreten. Legends Bar, 31-32 Marine Parade, gemischtes Publikum, die Bar mit leicht trashigem Touch, der im Untergeschoss untergebrachte Dance-Club dagegen renoviert und im High-Tech-Stil, Publikum ab 22 aufwärts! Bulldog Bar, 31 St. James Street, mit 27 Jahren auf dem Buckel bereits Urgestein der Brightoner Szene, unprätentiös daherkommendes Publikum, jung bis alt gemischt, zuweilen 24 Stunden am Tag geöffnet, recht cruisig-düster! Revenge Club, 32-34 Old Steine, größter und populärster Gay-Dance-Club, ein wenig in die Jahre gekommen, junges bis sehr junges Publikum (18-25), Dancefloor 1 mit Pop & RnB, Dancefloor 2 House-Music only!

Infos. Die Internetseite
www.realbrighton.com informiert den schwulen Touristen in Brighton sehr ausführlich (mit aktualisierter Wochenübersicht und brandneuen Party-Fotos) über die Szeneaktivitäten, Events und Partys; Die Webseite www.brightonpride.org listet alle wichtigen Infos rund um den Sommer und Winter Pride! www.visitbrighton.com ist die offizielle Homepage des örtlichen Tourismusverbandes!