München: Gay Sunday im Bräurosl-Zelt

07.09.2010
 
München: Gay Sunday im Bräurosl-Zelt

Servus, Gruezi und Hallo: Wenn am 18. September das 177. Oktoberfest eröffnet wird, gibt es kein Halten mehr in München. Mehrere Millionen Besucher stürmen bis zum 4. Oktober die Wiesn. Und auch Lesben und Schwule haben ihr Territorium fest abgesteckt …


Es ist 10 Uhr am Sonntagmorgen, die Kellner flitzen mit den Maßkrügen von einem Tisch zum nächsten, die ersten Sitzbänke verwandeln sich in Tanzzonen und hinten in der Ecke knutschen bereits zwei Lederkerle ungehemmt miteinander herum: Willkommen in der „Bräurosl“ zum Gay Sunday! Am ersten Wiesn-Sonntag ist das riesige Festzelt (rund 8.000 Gäste passen rein) auf dem Münchner Oktoberfest fest in schwul-lesbischer Hand.

Anfangs traf sich die Szene auf der Galerie - weit weg vom (Hetero-)Fußvolk

Vor rund 25 Jahren war das in dem Zelt noch ein Aufreger, da traf sich die Szene nur oben auf der Galerie, weit weg vom gemeinen Fußvolk. Der Münchner Löwen-Club (MLC), ein Leder- und Fetischverein, hatte in den 80er Jahren begonnen, für seine Mitglieder und Freunde regelmäßig am ersten Wiesn-Sonntag in der „Bräurosl“ Tische zu reservieren. Im Laufe der Jahre wurde das Happening in der Community immer populärer – weit über die Fetischszene hinaus.

Jens und Martin, beide Ende 40, sind für den Gay Sunday extra aus Nürnberg angereist. Sie haben Glück und können abends mit dem Zug nach Hause fahren. Viele andere Besucher müssen dagegen erst einmal eine Unterkunft finden – die aber ist während des Oktoberfests verdammt schwer zu finden, und dazu noch recht hochpreisig: „Wir sind schon um 6 Uhr aufgestanden, damit wir vor 9 Uhr im Zelt sind“, berichtet Martin. Wer sich jetzt, um kurz vor halb elf, von der Empore aus die Menge anschaut, weiß auch warum: Das Zelt ist proppevoll, die Security schließt bereits vorübergehend die ersten Eingänge.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Draußen begehren noch hunderte Schwule und Lesben Einlass. Ärgerlich für jene, die von weit her anreisen und nicht wissen, wie früh das Zelt voll ist, sagt Jens: „Letztes Jahr flossen draußen schon so manche Tränen“. Sein Partner Martin hat einen Tipp: „Meistens hilft dann nur gutes Zureden mit der Security. Einige sind okay und lassen dich dann noch rein.“ Die Chance besteht durchaus, Feierabend ist nämlich erst um 23 Uhr. Erfahrungsgemäß sind einige Besucher um die Mittagszeit schon so betrunken, dass sie den Heimweg antreten (müssen). Manch einer bekommt es sogar nicht mehr mit, wenn um 12 Uhr die Blaskapelle feierlich ins Festzelt einzieht.

Nach dem Einzug der Blaskapelle sorgt eine zelteigene Jodlerin mit bayrischem Urgesang für Bombenstimmung. Zur Wiesnzeit hört sie auf den Namen "Bräurosl", zu Ehren von Rosi Pschorr, der Tochter des Brauerei-Besitzers Pschorr. Populär zur musikalischen Einstimmung sind die Songs „Servus, Gruezi und Hallo“ oder der Evergreen „Heidi“.Das Publikum ist recht international, man hört überraschend viele US-amerikanisches Englisch sprechen. „Der Gay Sunday ist für viele US-Amerikaner ein Muss. Die sparen Jahre dafür, dass sie mal mit dabei sein können“, weiß Hans aus München zu berichten, der es sich oben auf der Empore in einer Ecke gemütlich gemacht hat. Der Bräurosl-Balkon ist auch heute noch fest in der Hand der Leder- und Fetischliebhaber. Hier fing alles an, erinnert er sich: „Anfangs waren wir hier oben noch unter uns, aber dann wurde das gesamte Zelt von Jahr zu Jahr schwuler, bis es schließlich fest in unserer Hand war.“

"Prost, du Sack", schallt es im 30-Minuten-Takt durchs Zelt

Das MLC-Kartenpaket für das Oktoberfesttreffen wird im Sommer im Internet und im Münchner Gay-Shop Spexter verkauft. Es kostet 95 € und enthält neben der Eintrittskarte für den Löwen-Brunch und dem Zutritt zum Balkon am Gay Sunday (inkl. drei Maß Bier, einem Verzehrgutschein in Höhe von 15 € und einem halben Hendl) zahlreiche Gutscheine von Wirten und Shops aus der Münchner Szene. Die harten Lederkerle lassen sich natürlich nicht lange bitten, wenn der Kapellmeister im gefühlten 10-Minuten-Takt in die Menge ruft: „Prost, ihr Säcke!“ und die angeheiterte bis betrunkene Menschenmenge zurück schreit: „Prost, du Sack“. Es folgt das obligatorische gemeinsame Anstoßen zum Lied „Ein Prosit der Gemütlichkeit“. Zwischendurch spielt die Kapelle einen bunten Mix aus bayerischer Marschmusik und später dann auch (ab 18 Uhr) traditionelle Schlager wie „Anton aus Tirol“, „Viva Colonia“ oder „Die Hände zum Himmel“.

Um 23 Uhr ist dann Zapfenstreich, die letzten Besucher werden aus dem Zelt gebeten. Wer nach dem bierseligen Beisammensein noch nicht genug hat, braucht nicht zu verzagen: Acht Tage später gibt’s die "Prosecco-Wiesn", den zweiten Höhepunkt im schwul-lesbischen Oktoberfest-Kalender - im Festzelt „Fischer Vroni“. Das Zelt ist zwar deutlich kleiner (rund 4.000 Gäste passen rein), dafür aber um so münchiger … kaum Touristen, viele Einheimische!