Arizona - Sun City und Grand Canyon

16.08.2010
 

San Francisco, L.A., New York und Miami – sie alle stehen in der Gunst der schwulen Urlauber in den USA ganz weit oben auf der Besucherliste. Arizona dagegen fristete bisher ein bescheidenes Dasein. Zu Unrecht. Denn die Millionenstadt Phoenix und der Grand Canyon-Nationalpark versprechen spannenden Begegnungen abseits des US-Mainstreams ...


Die Sonne brennt an diesem April-Tag unerbittlich vom blauen Himmel, kaum ein Baum spendet Schatten, die Luft flirrt in dem Park. Don Hamill muss tief Luft holen. Schon morgen beginnt der Phoenix Pride, das größte schwul-lesbische Festival Arizonas. Don ist Vize-Präsident und Organisator des Events, sein Arbeitspensum ist heute enorm. Unablässig klingelt sein Handy, und nebenbei fragen die Heerscharen der Aufbauhelfer ständig nach dem Weg. Nein, man möchte hier und heute nicht in seiner Haut stecken. „Hey, großartig, dass wir in diesem Jahr Besuch aus Deutschland haben“, begrüßt er uns freudig. Schwule Besucher aus Europa sind in Phoenix nicht aller Tage zu Gast, berichtet er schmunzelnd."Der CSD in Phoenix ist ideal, um einen Einheimischen kennenzulernen"So ganz nachvollziehen kann er das freilich nicht. Arizona sei im Gegensatz zu einer offenbar weit verbreiteten Meinung überhaupt kein konservativer Staat. Und seine Heimatstadt Phoenix schon mal gar nicht. Mit der ehemaligen Gouverneurin Janet Napolitano habe man in Arizona eine großartige Politikerin an der Spitze gehabt, die stets ein offenes Ohr für die Belange von Lesben und Schwulen habe. „Im Gegensatz zu unserem Nachbarstaat Kalifornien ist es bei uns im übrigen weniger laut, weniger gefährlich und weniger teuer. Wir sind stolz auf unsere Lebensqualität.“ Don muss es wissen. Er kennt alle Zahlen rund um Phoenix aus dem Effeff. „85 Prozent der Besucher des Phoenix Prides kommen aus Arizona. Also, wenn du mal einen netten Einheimischen kennen willst, dann ist unser Festival ideal dazu“, verrät er uns mit einem Augenzwinkern. Na, das hört sich doch vielversprechend an ...Don Hamill und seine Mitstreiter können stolz sein. Der Phoenix Pride hat in den letzten Jahren enorm zugelegt. Tummelten sich Mitte der neunziger Jahre nur Tausende während der Parade auf der Straße, so waren es in diesem Jahr schon 250.000 Besucher. Seit 2005 hat man das Festival sogar verlängert, auch der Sonntag steht jetzt ganz im Zeichen des Regenbogens. Das Gros der Besucher aber reist bedauerlicherweise nur am Samstag zur Parade und zum Festival im Indian School Park an. Der Sonntag ist im Gegensatz dazu eher bescheiden besucht. Kostenlos ist der Fun zum Pride allerdings nicht zu haben. Im Gegensatz zu den CSDs in Europa ist der Park nämlich komplett durch einen Zaun abgeschirmt, ein Hauch von Heiligendamm umweht das Gelände. 15 Dollar pro Tag oder 25 Dollar fürs komplette Wochenende müssen die Besucher zahlen, wenn sie auf das Gelände wollen. Dafür werden aber ordentliche Show-Acts geboten: Taylor Dayne, die Village People und En Vogue traten in den letzten Jahren während des Pride-Festivals auf.

Wer seinen Personalausweis beim Ausgehen vergisst, ist aufgeschmissen

Und noch ein Unterschied zu den hiesigen CSDs: Wer Alkohol auf dem Gelände trinken will, muss sich mit dem Personalausweis legitimieren und erhält anschließend ein buntes Bändchen um das Handgelenk. Unter 21 Jahren geht gar nichts. Darauf achtet man sehr streng in Arizona. Das gilt bedauerlicherweise auch für Bars und Discotheken, die zuweilen den Eintritt nur mit Reisepass (!) erlauben. Auch Darin Simmer, Geschäftsführer der populären Gay-Tanzbar „BS West“ im benachbarten Scottsdale bedauert das: „Wir können es nicht ändern, das Gesetz verlangt es von uns“. Darins Bar gehört zweifelsohne zu den Highlights in der Schwulenszene des Großraum Phoenix. Vor allem mittwochs brummt der Laden, schon ab 22 Uhr ist es hier zum Bersten voll. Besonders angenehm: im Gegensatz zu Deutschland ist die Schwulenszene in Phoenix altersmäßig sehr gemischt, jung und alt feiern zusammen. Der sonst stets gegenwärtige Jugendwahn scheint an Phoenix vorbeigezogen zu sein ...

Obwohl Scottsdale eine eigenständige Stadt mit rund 240.000 Einwohnern ist, schlagen es nicht wenige Phoenix zu. Gigantisch groß ist der Ballungsraum nämlich. Die Städte Phoenix, Mesa, Glendale, Scottsdale und die Studenten-Hochburg Tempe gehen fast übergangslos ineinander über, mehr als vier Millionen Menschen leben hier. Phoenix ist heute bereits die sechstgrößte Stadt der USA. Sie gilt sicherlich nicht als eine der schönsten Städte der USA, doch die wirtschaftlichen Bedingungen hat sie für viele Menschen in den vergangenen Jahren attraktiv gemacht. Touristen schätzen vor allem das Wetter. Wer im Sommer in die „Sun City“ reist, darf sich vor allem auf eins gefasst machen: Backofen pur. Zwischen Juni und August sinkt die Temperatur selten unter glühend heißen 35 Grad. Hitzeempfindliche reisen dagegen eher im Frühjahr an, dann liegt die Temperatur häufig bei angenehmen 25 Grad. Im April zum Beispiel. Dann, wenn praktischerweise der Phoenix Pride gefeiert wird ...

Phoenix durch? Dann auf nach Tucson und Flagstaff

Wer sich ein paar Tage in Phoenix umgeschaut und ausgetobt hat, hat anschließend die Qual der Wahl zwischen den beiden anderen großen Städten Arizonas: Tucson und Flagstaff. Beginnen wir mit dem Wüstenparadies Tucson im Süden des Landes, nur rund 100 Kilometer von der Grenze zu Mexiko entfernt. Zwei Tage reichen kaum, um die 750.000 Einwohner zählende Stadt und ihre Umgebung zu erkunden: den Kakteenwald des Saguaro National Park, das spannende Arizona-Sonora Desert Museum, das Tucson Museum of Art oder die Kulissen der Filmstadt Old Tucson. Und dank der rund 35.000 Studenten bietet die Stadt sogar ein mehr als akzeptables Nachtleben!

Im Norden Arizonas lockt das muntere Städtchen Flagstaff – wohl der schönste Ort des Staates. Viele Besucher schauen sich die Stadt nur kurz an. Sie sind auf dem Weg zum Grand Canyon – eines der wenigen Weltwunder, die wohl jeder Mensch einmal in seinem Leben gesehen haben möchte. Dennoch sollte man mindestens eine Nacht in Flagstaff verbringen. Das Zentrum der Stadt erinnert wie keine andere an den guten alten Wilden Westen. Passend dazu dampfen mehrmals täglich unter lautstarkem Getöse die Züge auf den Gleisen der Santa Fe Railroad mitten durch den Ort. Das urige Bed and Breakfast-Gästehaus The Inn 410, nur rund fünf Minuten zu Fuß vom Stadtzentrum entfernt, bietet eine herzliche und familiäre Gay-Unterkunft. Die Inhaber Gordon und Kimball kümmern sich rastlos um ihre Gäste und haben so einige amüsante Anekdoten aus dem Städtchen parat, die garantiert in keinem Reiseführer zu finden sind ...

Grand Canyon? Ein Muss in Arizona!

Unumstrittener Höhepunkt in Arizona ist zweifelsohne der rund 100 Kilometer von Flagstaff beginnende Grand Canyon. Die für die Touristen angebotenen Aktivitäten sind vielfältig: zu Fuß hinunter in die Schluchten steigen, Rafting-Touren auf dem Colorado River, Zelten in der Einsamkeit - oder sich einfach nur am Anblick ergötzen. Kein Foto der Welt vermag die atemberaubende Schönheit dieses Naturspektakels zu vermitteln. Die Schluchten, mehr als 1.500 Meter tief und bis zu dreißig Kilometer breit, vermitteln dem Besucher ein Gefühl der Ohnmächtigkeit angesichts dessen, was Mutter Natur hier vor Millionen von Jahren geschaffen hat. Und seit ein paar Monaten gibt es sogar eine neue Touristenattraktion: den 30 Millionen Dollar teuren "Skywalk" im Reservat der Hualapai-Indianer. Er ragt knapp 25 Meter weit über den Rand des Grand Canyon hinaus. Durch den gläsernen Boden des „höchsten Balkons der Welt“ kann man rund 1.300 Meter in die Tiefe blicken. Definitiv nichts für schwache Nerven. Aber man will ja auch anschließend nicht meckern, es sei langweilig in Arizona gewesen ...

Anreise. Mit United Airlines bestehen täglich mehrfache Verbindungen von Deutschland nach Phoenix. So ist Phoenix hervorragend an die vier Nonstop-Flüge ab Frankfurt (3x) und München (1x) nach Washington D.C. angebunden. Flüge ab Deutschland nach Phoenix werden ab 880,- Euro (inklusive Steuern) offeriert. Infos und Buchung im Internet unter www.unitedairlines.de

Unterkunft. Hotel Indigo, 4415 N. Civic Center Plaza, Phoenix, Tel. +1-480-941-9400, 4-Sterne-Boutique-Hotel im Herzen Scottsdales, mit Fitness-Raum und Starbucks-Café, www.scottsdalehiphotel.com, ab 65,- Euro
The Royal Elizabeth Bed & Breakfast Inn, 204 S. Scott Avenue, Tucson, Tel. +1-520-670-9022, schwul geführt, intim und hübsch im Zentrum von Tucson, ab 120 Euro, www.royalelizabeth.com.

Inn at 410 Bed and Breakfast, 410 N. Leroux Street, Tel. +1- 928-774-0088, , schwul geführtes Bed & Breakfast-Gästehaus mit neun Zimmern, plüschig und familiär, ab 120,- Euro, www.inn410.com.

Speisen. Restaurant Taggia, FireSky Resort, 4925 N. Scottsdale Road, Scottsdale, Tel. +1-480-424-6095, wunderschönes Innenhof-Restaurant mit Blick auf üppige Flora, www.fireskyresort.com.
Restaurant El Charro Café, 311 N. Court Avenue, Tucson, Tel. +1-520-622-1922, mexikanisches Restaurant mit langer Tradition, günstige Preise, www.elcharrocafe.com.

Ausgehen. Bar BS West, 7125 E 5th Avenue, Scottsdale, doppelstöckige Bar mit Dancefloor, zwei Außenterrassen, sehr populär am Mittwochabend, www.bswest.com.
Bar Padlock, 998 East Indian School Road, Phoenix, Tel. +1-602-266-5640, düstere Jeans-, Leder- und Fetischbar, Publikum ab 30 aufwärts Bar Amsterdam, 718 North Central Avenue, Phoenix, Tel. 602-258-6125, schicke Bar um sehen und gesehen zu werden, am Wochenende recht junges Publikum, www.amsterdambar.com.
Woody’s, 3710 North Oracle Road, Tucsons populärste Schwulenbar, täglich ab 12 Uhr mittags bis nachts um 2 Uhr geöffnet, www.woodysbar.com.

Infos. Die Internetseite www.gayarizona.com informiert den schwulen Touristen in Arizona über zahlreiche Hotels, Bars, Restaurants und Club, dazu Infos zu Sehenswürdigkeiten und Jahres-Events wie dem Gay Pride. Die Webseite www.arizonaguide.com listet alle Sehenswürdigkeiten auf und gibt wertvolle Tipps und Hinweise für einen gelungenen Besuch im „Grand Canyon State“.