Seattles rosa Refugium

13.07.2013
 
  • Seattles rosa Refugium
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Wer nach Seattle reist, denkt vielleicht zunächst an die Heimat von Microsoft und Boeing. Und erlebt eine Stadt, die nicht nur verdammt steil nach oben führen kann, sondern auch heute noch den Geist des ehemaligen Hippieparadieses kultiviert. Ein Streifzug durch das schwulste Stadtviertel im Nordwesten der USA ...


Mal Hand aufs Herz: Die Liste der Städte in den USA, die man Zeit seines Lebens einmal besucht haben will, scheint zuweilen unendlich. Blättert man in einem Reiseführer die USA-Seiten durch, erfüllt einen die tiefe Sehnsucht, einmal das ganze Land abzuklappern. Rauf und runter. Von Osten nach Westen. Doch dafür reicht bei Normalsterblichen meist weder das Geld noch die Zeit. Bleibt offenkundig nur eine Möglichkeit: Prioritäten setzen! Über New York, San Francisco, Miami und Los Angeles hört man viele aufregende Storys. Irgendwer aus dem Freundes- und Bekanntenkreis war schon mindestens einmal in DEN schwulen Hot Spots der USA gewesen – und hat es jedem mindestens einmal ungefragt erzählt …

Dabei gibt es jenseits der allseits bekannten Schwulenmetropolen Städte und Regionen in den USA, deren touristische Pfade längst nicht so abgelatscht und durchgelutscht sind. Seattle im nordwestlichen Bundesstaat Washington zum Beispiel. Die traditionell linksliberale Stadt an der Elliot Bay mit dem bilderbuchschönen Lake Washington im Osten und dem majestätischen, schneebedeckten Mount Rainier am Horizont bietet eine landschaftliche Lage der Güteklasse 1. Dabei galt die rund 570.000 Einwohner (Großraum: 1,8 Millionen) zählende Stadt im US-Bundesstaat Washington jahrzehntelang als langweiliger und behäbiger Außenposten im Nordwesten der USA. In Europa sprach niemand von ihr.

Seattle ist neben Portland der Place-to-be im Nordwesten der USA

Westküste der USA? Klar, Kalifornien. San Francisco, Los Angeles, vielleicht noch San Diego. Kennt man. War man sogar schon. Aber sonst? Mittlerweile ist das Schnee von gestern. Spätestens mit der Ansiedlung des Software-Riesens Microsoft und des Internet-Einkaufsanbieters Amazon erlebte Seattle einen wirtschaftlichen Aufschwung, der der Stadt eine wachsende Popularität beschwerte. Seattle ist heute neben Portland im benachbarten US-Bundesstaat Oregon der kulturelle Mittelpunkt im Nordwesten der USA und Sitz zahlreicher IT-Unternehmen. Sogar die Starbucks-Kette beglückte 1971 zuallererst die Seattler am Pike Place mit ihrem ersten Kaffee-Shop weltweit. Bekanntlich sollte es nicht der Einzige bleiben ...

Und auch die Gays schwirrten in immer größeren Scharen in die prosperierende Stadt. Schwule Neuankömmlinge zog es dabei zumeist in den rosa Stadtteil Capitol Hill. Was den Berlinern die Gegend um den Nollendorfplatz und den Kölnern das Territorium rund um den Rudolfplatz ist, ist den Schwulen Seattles das Stadtviertel Capitol Hill. Und „Hill“ darf man hier getrost wortwörtlich nehmen. Wer sich von Downtown zu Fuß in die Homo-Hochburg bewegen will, darf sich auf eine Kraxeltour gefasst machen, die man so schnell nicht vergisst: Straßen, die so steil nach oben führen, dass man in der Dunkelheit glaubt, zu den Sternen raufzukrabbeln. Auch wenn es im Knochengebälk anschließend nur so knirscht, die Mühe ist nicht vergeblich. Denn kaum ein Wunsch bleibt in Capitol Hill unerfüllt: einladende Restaurants, stylische Lounges, verruchte Leder- und Fetisch-Bars und teenieschwangere Disco-Tempel stehen in Reih und Glied parat und verheißen amüsante Nächte im schwulen Szenedschungel.

Die Straßen in Capitol Hill wirken wie ein Freilchtmuseum

Stephen (36) ist Stammkunde im Broadway Grill, einem ziemlich schwul daherkommenden Restaurant, mitten im Gay-Village, auf der Broadway East. Es ist Mittwochabend. Er sitzt auf der Außerterrasse und gönnt sich eine feurig-scharfe Bloody Mary. Im Hintergrund kann man den smarten Köchen beim Brutzeln der feilgebotenen Köstlichkeiten zuschauen. Auf der Straße wirkt das Viertel wie ein Freilichtmuseum, in dem jeder Paradiesvogel seinen Spleen tagtäglich aufs Neue kultiviert. Über Jahre hinweg haben sich Schwule und Lesben hier ein rosa Refugium erschaffen. Eine Insel der Seligkeit. Das hektische Downtown scheint meilenweit entfernt zu sein – und ist doch so nah.

Stephen schätzt die ungezwungene Atmosphäre Capitol Hills, wo Obdachlose und in die Jahre gekommene Hippies ebenso einkaufen wie uniformierte Büromenschen und Kassiererinnen im Supermarkt fette Piercings auf den Lippen tragen. „Der Geist der Hippies weht noch heute durch Capitol Hill. Die Kraft der Liebe, des Friedens und des Gemeinschaftsgeistes ist hier noch präsent. In anderen Gegenden der USA mag diese Geisteshaltung von Otto-Normal-Amerikanern verlacht werden, hier nicht. Schwule waren und sind dabei stets willkommen“, entfährt es ihm mit durchweg ernster Stimme. Ob sich die heutigen Bewohner des hippen Viertels an mehr als der Musik und den alternativen Ideen berauschen, verrät er freilich nicht. Aber in der Geburtsstadt von Rockröhre Jimi Hendrix, der 1942 in Seattle das Licht der Welt erblickte, ist das vermutlich gar nicht so abwegig ...

Auch in Seattle wird unter der Woche hart gearbeitet. Nicht so am Wochenende

Das sollte man am besten selbst herausfinden. Gelegenheit genug ist dazu da. Aber, und da unterscheidet sich Seattle nicht großartig von anderen Städten dieser Größe: Unter der Woche wird hart gearbeitet, gefeiert wird meist am Wochenende. Gut für karrierebewusste Yuppies, schlecht für erlebnishungrige Touristen. Am Freitag- und vor allem am Samstagabend präsentiert sich das Viertel dann aber von seiner hungrigen Partyseite. Wer sich eher dem jungen Szenepublikum widmen mag, darf um das mondän eingerichtete Neighbours keinen Bogen machen. Es ist die erste Adresse für die Teens und Twens der Stadt. Vor dem Eingang des Clubs, der unverschämt versteckt in einer Seitenstraße gelegen ist, stehen Seattler Kids, hetero und schwul gemischt, und qualmen munter vor sich hin. Drinnen herrscht nämlich striktes Rauchverbot. Da nicht wenige dem Tabakkonsum frönen, ist draußen mächtig was los. Die US-Boys sind überraschend jung, tragen breite weiße Gürtel und scheinen allesamt ihre besten Freundinnen im Schlepptau zu haben. Und nüchtern scheinen sie hier auch nicht angekommen zu sein. Irgendwie wirkt das alles sehr bekannt …

Da im Neighbours am Wochenende aber nur Euro-Dance und Pop gespielt wird, ist noch genug Platz für Konkurrenzschuppen, deren DJs andere Musikrichtungen bevorzugen: so zum Beispiel das R’Place, ein in die Jahre gekommener Tanztempel auf drei Etagen. Ganz oben findet sich der Dancefloor, auf dem DJ Riz fast ausschließlich R’n’B und HipHop spielt. Viele junge Afroamerikaner mit tief hängenden Schlapperhosen und mindestens so tief hängenden Cappys tanzen hier am Wochenende zu Beyoncé, 50 Cent und den Pussycat Dolls um die Wette. Richtige Kerle – oder zumindest jene, die sich dafür halten – meiden das R’Place und das Neighbours und marschieren schnurstracks Woche für Woche in den Cuff Komplex. Wie der Name schon erahnen lässt, findet man hier alles andere als eine Rumpelkammer mit angeschlossener Theke vor. Auf zwei großzügigen Ebenen trudeln überwiegend burschikose Kerl ab 30 ein und tanzen zu Techno- und Vocal-House. Wer sich im Cuff ein wenig das Publikum anschaut, gewinnt rasch den Eindruck, dass die äußere Schale den meisten Typen vergleichsweise wurscht ist; der stressige Style-Terror der Metropolen-Schwulen erst recht, die es für besonders hip halten, aus dem Tragen von teuren D & G und G-Star-Klamotten eigene Weltbilder zu zimmern. Besonders lauschig wird es hier im Sommer, wenn die Außenterrasse geöffnet ist. Denn ungeachtet der Tatsache, dass es in Seattle relativ wenige Sonnentage gibt, verbringen die Schwulen fast nirgendwo im Nordwesten der USA so gerne so viel Zeit im Freien. Und so verwundert es wenig, dass sich auf der Terrasse die Kerle Samstagnachts nur so stapeln ...

Tagsüber locken der Pike Place und das schicke Viertel Belltown

Wer sich am Wochenende im Seattler Szenedschungel ausgetobt hat, darf aber anschließend die zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Stadt nicht vergessen. Am Pike Place beispielsweise preisen auf dem ältesten Markt der USA Händler ihre frisch gelieferten Waren an. Verkäufer von Hummern, Krebsen, Blumen, exotischen Früchten und handverarbeiteten Souvenirs wetteifern um die Gunst der Kunden. Aber, Vorsicht: Wer hungrig auftaucht, gerät angesichts der angebotenen Leckereien ganz schön ins Trudeln. Anschließend sollte man sich über die eine Meile entlangziehende 1st Avenue durch das schicke Belltown bewegen. Mondän daherkommende Cafés, avantgardistische Galerien und stylische Modeshops geben sich hier die Klinke in die Hand. Wer keine Lust auf 0815-Outlet-Stores hat, dürfte in dem tagsüber beschaulich wirkenden Viertel so manch liebevolles Kleinod als Mitbringsel für die Daheimgebliebenen entdecken. Am Abend dagegen erwacht Belltown aus seinem Dornröschenschlaf und bietet mit zahlreichen (Hetero-) Bars, in denen Live-Musik geboten wird, eine spannende Alternative zum Schwulenviertel in Capitol Hill. Ältere Semester bezeichnen diese Viertel übrigens auch heute noch als „Denny Regrade“. Also nicht verzweifelt dreinschauen, wenn man sich nach dem Belltown District erkundigt und nicht enden wollende Lobeshymnen auf „Denny Regrade“ vernimmt …

Weiter geht’s Richtung Norden zum Seattle Center, das 1962 anlässlich der Weltausstellung „Century 21 Exposition“ zum kulturellen Zentrum Seattles avancierte. Das rund 30 Hektar große Gelände ist nicht nur die Heimat einiger Museen, sondern dient auch als Veranstaltungsort für Sport-Events, Festivals, Konzerte und andere öffentliche Aufführungen. Am auffälligsten und spannendsten ist freilich das Experience Music Project, das in einem reichlich verschrobenen Stahl- und Aluminiumbau untergebracht ist. Hier gibt es nicht nur rund 80.000 Objekte aus der Geschichte der Pop- und Rockmusik zu bestaunen. Bisher unentdeckte Talente haben hier die Möglichkeit, an Keyboards, Drums und Gitarren ihr eigenes Können unter Beweis zu stellen. In einem separaten Raum, in der Größe einer Telefonzelle, lässt sich sogar (auch zu zweit) an der eigenen Stimme feilen. Tipp: Den Disco-Hall mit der Mickey Mouse-Stimme mixen, die Stimme mächtig in die Höhe treiben und albern loskichern. Was das Ganze soll? Einfach mal ausprobieren, sich aber bitte anschließend nicht beschweren, man habe keine Warnung ob der eigenen Lachkrämpfe erhalten ...

Der Space Needle ist das Wahrzeichen der Stadt

Gleich nebenan ragt unübersehbar der Space Needle, Seattles Wahrzeichen, mit 180 Metern in die Höhe. Obschon der Turm bereits 45 Jahre auf dem Buckel hat, mutet er noch heute futuristisch an. Wessen Terminplan bei einem Besuch in Seattle eng gestrickt ist, sollte sich den Space Needle tagsüber sparen und stattdessen abends vorbeischauen. Dann kann man nämlich gleich nach oben düsen und es sich in dem um die eigene Achse drehenden Restaurant unter der Plattform bei einem formidablen Dinner gemütlich machen. Wetten, dass da das Abendessen gleich doppelt so gut schmeckt? Und nachdem man sich das Dessert hat munden lassen, kann man sich ja schon einmal den Stadtplan vornehmen und von hier oben die weitere Marschrichtung für den Abend planen. Lieber nach Belltown oder doch nach Capitol Hill? An Alternativen für eine unterhaltsame Nacht mangelt es in Seattle nun mal nicht ...

Anreise: United Airlines fliegt gemeinsam mit Star Alliance-Partner Lufthansa täglich von Frankfurt und München über Washington D.C., Chicago und San Francisco nach Seattle (ab 654,- Euro pro Person in der Economy Class), www.united.com

Unterkunft: Springhill Suites Seattle Downtown, 1800 Yale Avenue, Tel. +1-206-254-0500, sehr gepflegtes und schwulenfreundliches Hotel der Marriott-Gruppe, 4 Sterne, rund 10-15 Minuten zu Fuß vom Schwulenviertel Capitol Hill entfernt; ab 120,- Euro, www.marriott.com/property/factsheet/seadt  & Maxx, 620 Stewart Street, Tel. +1-206-728-6299, hippes Design-Hotel mit mehrfachen Auszeichnungen, jüngeres Publikum, inklusiv Übergabe einer phantasievollen Erotik-Box bei der Anreise, rund 20 Minuten zu Fuß bis Capitol Hill, ab 200,- Euro, www.hotelmaxseattle.com

Information: Die Internetseite www.capitolhilltravel.com/GayTravel.htm informiert den schwulen Touristen in Seattle über zahlreiche Hotels, Bars, Restaurants und Club, dazu Infos zu Sehenswürdigkeiten und Jahres-Events wie dem Gay Pride und dem schwul-lesbischen Filmfestival; Die Seattle Gay News veröffentlichen wöchentlich ihre aktuellen Nachrichten aus der Schwulenszene Seattles online unter www.sgn.org! Die Webseite www.visitseattle.org listet alle Sehenswürdigkeiten auf und gibt wertvolle Tipps und Hinweise für einen gelungenen Besuch in Seattle. Wer mehr im Bundesstaat Washington erleben will, kann sich auf der Homepage www.experiencewashington.com inspirieren lassen.