Zürich - Swissness, aber nicht nur moneyminded

18.03.2011
 

„Little big city" war eine Zeit lang der Slogan von Zürich. Die größte Stadt der Schweiz ist voller Gegensätze. Zwinglis reformatorische Strenge existiert in distanzierter Zweisamkeit neben einem vielseitigen Nachtleben, Konsumverweigerer sitzen im gleichen Café wie urbane Trendsetter und konservative Wirtschaftsbosse. Und seit 2009 ist eine lesbische Frau Stadtpräsidentin. Von Michael Noghero



Unbescheiden ist der aktuelle Slogan Zürichs: „downtown switzerland“. Zwar ist die Stadt nicht das geografische Zentrum der Alpenrepublik, aber durchaus das wirtschaftliche und kulturelle. Unbestritten ist auch die Top-Platzierung unter den lebenswertesten Städten der Welt. In Zürich erschien bereits in den 1930er-Jahren eine schöngeistige und politische Zeitschrift für Homosexuelle, deren Abonnentenverein „Der Kreis“ in den Nachkriegsjahren die Homosexuellenbewegung Europas und sogar Nordamerikas beeinflusste. Auch eine der ältesten Schwulenbars Europas, die „Barfüsser-Bar“ ist in Zürich beheimatet. Regiert wird die Stadt Zürich heute von der lesbischen Sozialdemokratin Corine Mauch. Die 50-jährige Agrarökonomin ist in der Schweiz und den USA aufgewachsen. Mit ihrer langjährigen Lebenspartnerin, einer Musikerin, lebt sie im Zürcher Quartier Unterstrass. Selbst die konservativen Kreise unter den Züricher Bürgern konnte die sympathische Frau für sich einnehmen und viele Initiativen und Einrichtungen sehen in ihr eine wichtige Fürsprecherin für gleichgeschlechtliche Themen.

Die Schwulenszene hat ihr Territorium in der Altstadt abgesteckt

Die meisten der rund 20 Lokalitäten der schwul-lesbischen Szene befinden sich in der Altstadt am östlichen Ufer der Limmat. Zürichs Kernstadt hat nur 380.000 Einwohner, zusammen mit dem Umland sind es 1,1 Millionen. Trotz der noch überschaubaren Größe der Stadt kann es das schwul-lesbische Leben mit dem anderer bekannter europäischer Großstädte aufnehmen. So finden etwa die größten Gaypartys der Schweiz in Zürich statt. Seit dem Jahr 2000 bereichert das schwul-lesbische Filmfestival Pink Apple den Kulturkalender der Stadt. Das Zurich Pride-Festival ist das größte seiner Art in der Schweiz und findet zusammen mit der CSD-Parade entlang des Zürichseeufers im Frühsommer statt. Teilweise auf der gleichen Strecke verläuft auch die Street Parade, jährlich am zweiten Samstag im August. Die Technoparade und Demonstration für Liebe, Freiheit, Friede, Toleranz und Großzügigkeit lockt fast eine Million Menschen in die Stadt. Auch viele Schwule und Lesben feiern dann auf den bebenden Dancefloors auf den Plätzen der Stadt und anschließend bei den rund 100 Partys – von Megaevents mit Zehntausenden bis zu kleinen Underground-Gigs.

Pfennigfuchser dürften beim Shopping weniger auf ihre Kosten kommen

Neben kulturellen Highlights in Oper, Theatern, Galerien und Museen locken natürlich die unzähligen Shoppingmöglichkeiten. Allerdings sollte die Brieftasche gut gefüllt sein, denn die „little big city“ ist nicht nur der größte Goldumschlagplatz der Welt, sondern auch ein recht teures Pflaster. Zürich ist mit dem zweifelhaften Attribut „moneyminded“ belegt, das von den rund 350 in der Stadt ansässigen Banken und den unzähligen Unternehmensberatungen und Investmentgesellschaften herrührt, die vornehmlich entlang der Limmat residieren. Die 1,4 Kilometer lange Bahnhofstraße zwischen dem 1874 eröffneten Hauptbahnhof und dem Bürkliplatz am Zürichsees ist auch heute noch eine der international teuersten Einkaufsstraßen, auch wenn sich hier in den letzten Jahren einige Filialen niedrigpreisigerer Marken niedergelassen haben. „Swissness“, die für Präzision und Zuverlässigkeit steht und häufig durch das weiße Schweizerkreuz auf rotem Grund symbolisiert wird, hat eben ihren Preis. Am oberen Drittel der Bahnhofstraße liegt der Paradeplatz mit dem ältesten und nobelsten Hotel der Stadt, dem Savoy Baur en Ville und dem Café Sprüngli, in dem die Gäste einen Kaffee ebenso zelebrieren wie ein Glas Champagner („Cüpli“). Die Bürkliterrasse markiert seit 1887 den Endpunkt der Bahnhofstraße. Von hier aus hat man bei klarer Sicht einen wundervollen Blick über den Zürichsee und die auch im Sommer häufig noch schneebedeckten Gipfel der Alpenkette im Hintergrund. Heinrich Wölfflin ist es zu verdanken, dass an dieser Stelle der gleichgeschlechtlichen Liebe bereits 1952 ein Denkmal gesetzt wurde. Da es in Zürichs Stadtraum an Männerbildnissen fehle, gab der Kunstprofessor Anfang der 1940er-Jahre einem Plastiker den Auftrag, eine „Figur von zuchtvoller Schönheit“ zu schaffen, einen Ganymed. Der Jüngling ist dargestellt mit dem Göttervater Zeus, der ihm in Gestalt eines Adlers erscheint und ihn als Mundschenk in den Olymp entführt. Hier ist Ausgangspunkt für eine Rundfahrt auf dem Zürichsee – insbesondere in den Abendstunden mit der Stadtsilhouette im Abendrot eine hochromantische Angelegenheit!

In Zürich-West kann es einem schon mal flau im Magen werden


Aussichtsreich ist ein Besuch auf dem Uetliberg. Den kann man auch dann problemlos absolvieren, wenn die Wandersachen im Koffer keinen Platz mehr fanden: die Uetlibergbahn (S-Bahnlinie S10) fährt vom Tunnelbahnhof im Hauptbahnhof in einer halben Stunde zur Bergstation des Züricher Hausbergs (869 Meter). Von dort aus sind es keine zehn Minuten gemütlicher Spaziergang zum Gipfel mit Aussichtsturm. Einen malerischen Blick über die Ufer der Limmat bietet auch der Lindenhof in der Altstadt. Archäologische Funde belegen, dass dieser Hügel mitten in der Stadt bereits 1500 v. Chr. besiedelt war. Schwindelfrei sollte man sein, wenn man ein relativ junges Wahrzeichen Zürichs besucht, das voraussichtlich nur vorübergehend an dieser Stelle bestehen bleiben darf. Im boomenden Stadtteil Zürich-West, einem ehemaligen Industriequartier, hat die trendige Marke für Taschen und Accessoires aus Recycle-Materialien „Freitag“ ihren Flagshipstore in 17 ausrangierten Frachtcontainern untergebracht. Diese türmen sich 26 Meter hoch mit einer Aussichtsplattform an der Spitze: bei einer leichten Brise wird es hier oben merklich wackelig und dem Besucher daher auch leicht flau in der Magengegend. Nebenan entsteht mit dem Prime Tower derzeit das höchste Gebäude der Schweiz. Auch dieses wird einen weiten Blick über die Stadt bieten. Eine 500 Meter lange Einkaufs- und Gewerbemeile mit anschließender Markthalle bereichert seit 2010 die Nachbarschaft: in den Bögen eines Eisenbahn-Viadukts haben sich 64 Geschäfte, Galerien und Cafés niedergelassen. Ein Kontrastprogramm zur Bahnhofstrasse, das einmal mehr deutlich macht, dass Zürich eine Stadt der charmanten Gegensätze ist.

Anreise.  Die Fluggesellschaften Swiss, Lufthansa und Air Berlin nutzen den Flughafen, der als einer der besten der Welt gilt, als Drehkreuz. Zürich ist mit 120 Destinationen direkt verbunden. Flüge sind ab folgenden Preisen erhältlich (Preise für Hin- und Rückflug, inkl. aller Steuern und Gebühren): Germanwings ab 58 €, Air Berlin ab 60 €, Lufthansa ab 99 €, Austrian Airlines ab 119 €.

Unterkunft. G-Hotel Goldenes Schwert, Marktgasse 14, 8001 Zürich, Tel.: +41 44 250 70 80, www.g-hotel.de, info@g-hotel.ch. Das 3-Sterne-Hotel mit dazugehörigem Gästehaus liegt in der Altstadt in unmittelbarer Nähe zu vielen Lokalitäten der schwul-lesbischen Szene und ist seit über zwei Jahrzehnten mehr als nur gayfriendly. Ruhesuchende sollten allerdings ein anderes Quartier wählen, denn die Gay-Discos „Club T&M“ und „Club AAAH!“ sowie die Schlagerbar „Pigalle“ befinden sich im gleichen Gebäude. Das macht das Haus wiederum bei Nachtschwärmern äußerst beliebt.

Informationen. Die Seite www.gay.ch informiert in fast 20 Rubriken umfassend über Locations und Termine in der ganzen Schweiz. Auf der Webseite des Züricher Schwulenmagazins www.display-magazin.ch findet man insbesondere Partytermine. Auf der offiziellen Seite von Zürich Tourismus www.zuerich.com gibt es auch Tipps für Schwule und Lesben.