Dallas - In love with you

20.02.2011
 

Texas und schwul – das klingt auf den ersten Blick wie Spinat mit Lakritz. Denn der stramm konservative Bundesstaat im Süden der USA genießt alles andere als den Ruf, Hort einer lebendigen Schwulenbewegung zu sein. Das sieht man in Dallas, der drittgrößten Stadt des Bundesstaates, freilich ganz anders – zu recht!



Eines vorweg: Texas hat etwas, was viele andere Bundesstaaten in den USA nicht haben: den Mythos vom kerligen Cowboy. Zwar ist Texas im Jahre 2011 in Wahrheit einer der kosmopolischsten Staaten in den USA, und jede Region besitzt ihren eigenen Charakter. Houston, die megaheiße Wirtschaftsmetropole, San Antonio die mexikanische Enklave, Austin, die reichlich grün-alternativ angehauchte Studentenstadt und Dallas, das irgendwie von allen drei Städten etwas hat. Doch lässt sich das nicht zu beerdigende Texas-Image vom rauen Cowboy auf der anderen Seite auch gut vermarkten.

Eine zentrale Rolle in Dallas’ Gay Community spielt Michael Doughman. Er ist so etwas wie die gute alte Seele der Schwulenszene von Dallas. Früher jobbte er mal als Barkeeper im „Round-Up-Saloon“ (3912 Cedar Springs Road). Der Laden ist so etwas wie eine Goldgrube für jeden Kellner. Jeder Gast, der einen Drink ordert, lässt mindestens einen Dollar Trinkgeld zurück. Das ist in den USA gang und gäbe, davon lebt das Bedienungspersonal. Aber hier ist man besonders großzügig – 600 Dollar Trinkgeld pro Kellner an einem Abend sind keine Seltenheit. Am Wochenende ist der rund 500 Quadratmeter große Laden zum Bersten voll. Viele Kerle, die meisten jenseits der 30, tragen Cowboy-Hut und tanzen engumschlungen zu verträumter Country-Musik. Für viele ist das Texas pur. Nur eben in der schwulen Version.

Dallas' Schwulenszene zieht an einem Strang

Ja, das war eine tolle Zeit, als er noch selbst hinter der Theke stand, so Michael rückblickend: „Auch heute gehe ich noch mindestens einmal die Woche und schaue vorbei, was die Jungs so treiben“. Aber es ist nicht allein die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, die ihn heute noch herführt. Michael ist nämlich seit 2002 Präsident der Dallas Tavern Guild. Das ist die Vereinigung von rund 25 schwulen Cafés, Bars und Clubs in Dallas. Hotels und Einzelhandelsgeschäfte, und seien sie noch so schwul angehaucht, müssen draußen bleiben. Ziel der Vereinigung: „Presenting the positive image of the gay and lesbian community in Dallas“. Einmal in der Woche trifft man sich, bespricht gemeinsame Projekte, versucht Probleme zu lösen, die mit unangenehmen Gästen oder auch mit den städtischen Behörden auftreten könnten. In diesen Wochen und Monaten konzentriert man sich voll und ganz auf die Vorbereitung des Gay Prides, genauer gesagt des Alan Ross Texas Freedom Festivals. Angenehmerweise findet das in Dallas nicht zur typischen CSD-Hochzeit Ende Juni, sondern Mitte September statt. Unter großem Anteil der Bevölkerung! Bürgermeister Tom Leppert, Republikaner und bei den vorletzten Präsidentschaftswahlen Unterstützer von Präsident George W. Bush, mühte sich vor ein paar Jahren bei den Wahlen zum Bürgermeisteramt (pikanterweise siegte er in einer Stichwahl gegen den offen schwul auftretenden Politiker Ed Oakley) denn auch dezent um die Stimmen der Lesben und Schwulen. Gleichwohl begegneten Teile der Community dem neuen Rathauschef mit reichlich Bedenken. Zu nah erschien er ihnen bei den Konservativen politisch verwurzelt. Auf die Frage eines lokalen Gay-Magazins, ob er „gayfriendly“ sei, konnte er sich nicht zu einem Ja durchringen. Doch Leppert ist kein Mann der Worte. Er handelte. Nur einen Monat nach seiner Wahl ernannte er Chris Heinbaugh, einen offen lebenden Schwulen in Dallas, zu seinem Bürochef, nahm reichlich Einladungen aus der Lesben- und Schwulenszene an und fand dort die passenden Worte. Im September 2007 schließlich folgte der offizielle Ritterschlag, als er von Anfang bis zum Ende an der Gay Pride-Parade mit marschierte.

Das Gay Village der Stadt liegt im Stadtteil Oak Lawn, nördlich von Downtown. Es erstreckt sich auf einer Fläche von rund 31 Quadratkilometern – es gilt als wohlhabendes Wohn- und Ausgehviertel. Dreh- und Angelpunkt der schwul-lesbischen Szene ist die Cedar Springs Road. Mehr als zwei Dutzend schwule Bars, Clubs, Cafés und Shops findet man hier. Am wuchtigsten kommt der Dance-Tempel Station 4 (3911 Cedar Springs Road) daher. Auf zwei Ebenen finden sich vier Bars, ein Biergarten und ein Showroom, in dem mehrmals wöchentliche Kabarettisten und Drag Queens ihre neuesten Werke präsentieren. Freilich gilt das „Station 4“ als krönender Abschluss eines ausgiebigen Szeneabends. Vorher lockt beispielsweise das familiär daherkommende Woody’s (4011 Cedar Springs Road) und die Mega-Bar JR’s (3923 Cedar Springs Road), dessen Personal allerdings vom Erfolg ein wenig zu sehr verwöhnt worden scheint ...

Schrullig, ledrig, transig - die Schwulenszene hält für jeden Geschmack die passende Location bereit

Dies wiederum kann man nicht über das Buddies II (4025 Maple Avenue) sagen, einer recht schrulligen Bar mit trashigen Drag Queens auf der Bühne. Eintritt wird nicht verlangt, die Getränkepreise bewegen sich am unteren Ende und wer gern unprätentiös in Shorts und T-Shirts auftaucht, ist hier goldrichtig. Es ist eine, wie die Amerikaner gerne sagen, „Neighborhood Bar“ par excellence. Gemütlichkeit und Gastfreundschaft wird hier besonders groß geschrieben – was auf der anderen Seite nicht davor schützt, von einer angeheiterten Drag Queen spontan auf die Bühne bugsiert zu werden ...

Freunde der Leder- und Fetischszene müssen sich ins Auto setzen. Zwar fährt man nicht länger als zehn Minuten in die angesagte Eagle-Bar (2515 Inwood Road), doch sollte man es aus Sicherheitsgründen vermeiden, sich in der Nacht zu Fuß auf den Weg zu machen. Denn in den USA (es ist wirklich keine Besonderheit von Dallas!) kann es einem jenseits der Bar- und Kneipenstraßen in der Nacht durchaus passieren, von einer Gestalt ohne Gesicht angesprochen zu werden, die in einer heruntergekommenen Seitenstraße lauert und einem plötzlich die skurrile Frage stellt, ob man wisse, dass Jesus einen liebe ...

Zurück zum Eagle: Wie es sich für eine ordentliche Fetischbar gehört, wird an fast jeden Abend einer anderen Vorliebe gefrönt: montags kommen die Jock-, donnerstags die Bären- und samstags die Leder-Only-Freunde auf ihre Kosten. Eines sollte man allerdings bei seinem Szene-Hopping beachten: in Dallas geht man deutlich früher vor die Tür als bei uns. Ins Restaurant geht man gern um 19 Uhr, in die Bar um 21 Uhr und in den Club um 23 Uhr. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Schwulen in Dallas diszipliniert am nächsten Morgen früh aufstehen. Nein, die Nachtclubs unterliegen strengen gesetzlichen Auflagen. Neben einer rigiden Alterskontrolle (unter 21 Jahren wird kein Einlass gewährt) müssen die meisten Clubs um zwei Uhr ihre Pforten schließen. Nur wenige Clubs wie das Station 4 oder das Eagle dürfen ein bis zwei Stunden länger öffnen. Doch auch um zwei Uhr heißt es auch hier: „Letzter Alkoholausschank“. Na denn: Prost, Dallas!

Anreise. American Airlines fliegt täglich von Frankfurt/Main nonstop nach Dallas-Fort Worth. Der durchschnittliche Preis beträgt bei rechtzeitiger Buchung rund 650 €: www.aa.com!

Unterkunft. Hotel Warwick Melrose, plüschig-luxuriös kommt das mitten im Gay-Village gelegen 4-Sterne-Haus Warwick Melrose daher. Besonders hervorzuheben sind die großen Zimmer (insgesamt 184, davon 21 Suiten und eine Präsidentensuite), das vorzügliche Restaurant und das auf die schwulen Gäste bestens vorbereitete Personal. In der intimen, aber dennoch lässigen Library Bar lässt sich hervorragend der Abend einläuten – bis zur nächsten Gay-Bar ist es nur ein Katzensprung. Kontakt: 3015 Oak Lawn Avenue, Dallas, TX 75219. Tel. (+1) 214 521 5151, www.warwickmelrosedallas.com