Puerto Rico - Der schwulste Hotspot der Karibik

05.01.2011
 

Die koloniale Altstadt von San Juan, die Barcardi Rum-Destillerie, der tropische Regenwald El Yunque und die verführerischen Nightlife-Stadtviertel Condado und Santurce – Puerto Rico, die kleinste Insel der Großen Antillen, ist der beste Gegenbeweis für die These, dass auf einer typischen Karibikinsel für Schwule nichts geboten wird ...



Als schwules Paradies auf Erden gilt die Karibik ja nun wirklich nicht. Das Kuba des abgedankten Onkel Fidel will keine rosa Touristen und auf Jamaika muss man gar um sein Leben fürchten, will man seinen schwulen Lebensstil nicht auf Teufel komm raus verbergen. Aber es geht auch anders. In Puerto Rico zum Beispiel. Die kleinste Insel der Großen Antillen (Kuba, Jamaika, Haiti, Dominikanische Republik) ist deutlich toleranter und liberaler als die restliche Karibik. Zwar musste sich Puerto Ricos Ex-Gouverneur Anibal Acevedo Vila schon einmal mit einem Volksbegehren konservativer Christen herumschlagen, die per Verfassungszusatz die Homo-Ehe für alle Zeiten verbieten wollen. Doch schien Acevedo nicht sonderlich viel davon zu halten: „Ich habe den Kirchenführern gesagt, dass ich mir eher Initiativen wünsche, die die Menschen zusammenführt statt sie zu spalten.“

Puerto Rico ist seit 1952 Mitglied im amerikanischen Commonwealth. 1898 haben die Amerikaner am Ende des Spanisch-Amerikanischen Krieges den Spaniern die rund 9000 Quadratmeter große Insel weggeschnappt. In der Folgezeit war Puerto Rico mehrere Jahrzehnte die spanischsprachige Kolonie der USA. Erst 1952 fanden die ersten demokratischen Wahlen auf der Insel statt. Heute sind Puerto Rico und die USA eng miteinander verbündet: wie selbstverständlich flattern die Flaggen der USA und Puerto Ricos Seit an Seit vor öffentlichen Gebäuden, der Dienst beim Militär erfolgt auf Anweisung des Pentagons. Etwas skurril ist es dagegen bis heute auf der politischen Ebene: Zwar besitzen die Puerto Ricaner (und zwar mit ziemlich viel Stolz!) den US-amerikanischen Pass, bei den Wahlen dürfen sie aber nicht mitmischen.

Piña Colada für zwei Dollar? Da schmecken die Cocktails doch gleich doppelt so gut!

Und politisch neutral und unabhängig von den USA wollen die Puerto Ricaner auch nicht sein. Vor einiger Zeit gab es dazu eine Umfrage. 45% wollen alles beim Alten belassen, weitere 45% wünschen sich, als 51. Staat der USA anerkannt zu werden. Nur magere 4% wünschen die politische Autonomie. „Das ist ja auch kein Wunder. Im Vergleich zu den anderen Staaten in der Karibik geht es uns wirtschaftlich prächtig“, so Hector, 43, Reiseführer auf der Insel. Amerikanische Perfektion meets karibisches Flair, heißt es denn auch nicht selten. Dieses Flair bestimmt vor allem das kulturelle Leben Puerto Ricos. Es ist meilenweit vom „American Way of Life“ entfernt. Zum Beispiel in der Altstadt Old San Juan. Manches erinnert hier an Havanna. Die spanische Beschilderung, die engen Gassen, die kopfsteingepflasterten Straßen, die vielen Kirchen, Klöster und Bars - mit einem entscheidenden Unterschied: alles ist hier renoviert, blitzblank und sauber. Und den US-amerikanischen Kreuzfahrttouristen gehuldigt. Die Riesendampfer mit Tausenden Passagieren tuckern tagtäglich in den Hafen von San Juan. Manche bleiben nur ein paar Stunden, andere gleich ein bis zwei Tage. Unweit des Hafens findet man denn auch viele schicke Juwelierläden, illustre Mode-Shops und fliegende Händler, die allerlei Schnickschnack feilbieten. Unangenehm ist das aber nicht. Es gibt schließlich auch köstliche Cocktails. Piña Colada für zwei Dollar. Aufdringlich ist niemand, man kann sich unbeschwert durch die Straßen, Gassen und Plätze der Altstadt bewegen. Die beeindruckende Festungen El Morro und San Cristóbal, hinter der Altstadt gelegen, legen ein eindrucksvolles Zeugnis über die Geschichte der Insel ab. Jahrhunderte lang war die Festung das Bollwerk der Spanier gegenüber den einfallenden Schiffen aus England, Frankreich, Holland und den USA. Sie sind heute Weltkulturerbe.

Puerto Ricos Schwulenszene befindet sich im Stadtteil Santurce


Man kann die Altstadt von San Juan guten Gewissens in zwei Tagen abhaken. Sie ist hübsch anzusehen, man erfährt vieles über die Vergangenheit der Stadt. Aber wenig über das, was Puerto Rico heute ausmacht: seinen atemberaubenden Regenwald, seine feinen Sandstrände, sein schwules Nachtleben. Deshalb sollte man seine Unterkunft besser im Touristenviertel Condado buchen. Vor allem dann, wenn man nachts schwul ausgehen möchte. Die meisten Gay-Bars und –Clubs haben sich nämlich in Condados Nachbarschaftsviertel Santurce niedergelassen. Santurce ist ein buntes Sammelsurium aus Geschäfts-, Künstler- und Vergnügungsvierteln. Wer die schwule Szene entdecken will, kommt um dieses quirlige Viertel nicht herum.

Dreh- und Angelpunkt des schwulen Nachtlebens ist die Diskothek Krash. Ziemlich viele Prominente waren hier schon zu Gast, weshalb der Club weit über die Schwulenszene hinaus bekannt ist. Namen werden nicht genannt, jedenfalls nicht offiziell. Aber Puerto Rico hat bekanntlich schon einige internationale Stars und Sternchen hervorgebracht. Inhaberin Cindy (40), hetero, ist von mittwochs bis samstags persönlich anwesend: „Ich muss doch schauen, was meine Kinder so alles treiben“, erläutert sie mit einem verschmitzen Lächeln. Derzeit läuft der etwas in die Jahre geratene Laden vor allem mittwochs und donnerstags gut. Dann wird musikalisch Reggaeton, ein Mix aus HipHop, Reggae und Dancehall, gespielt. Das Publikum an beiden Tagen ist ziemlich jung. Kein Wunder, wer rechtzeitig kommt, zahlt keinen Eintritt und die 2-4-1-Regelung (2 Drinks zum Preis von einem) lassen sich die meisten Gäste nicht entgehen. Cindy ist eine sympathische und tüchtige Geschäftsfrau. Vor mehr als zehn Jahren hat sich die Kanadierin in San Juan niedergelassen. Obwohl sie den größten und prestigeträchtigsten Gay-Club der Stadt besitzt, ist sie recht einsilbig, wenn es darum geht, die Schwulenszene Puerto Ricos zu beschreiben. Sie sagt Sätze wie „Weißt du, jeder versucht das Beste aus seinem Laden zu machen.“ Ob sie nicht mehr über die anderen Bars erzählen kann oder will, ist schwer einzuschätzen. Seit Monaten heizt die Konkurrenz-Diskothek Starz dem Krash mächtig ein. Dort feiern nun freitags und vor allem samstags die Partyheuschrecken. Cindy äußert sich dazu nur am Rande, und dazu sehr diplomatisch: „Wir feilen gerade an einem neuen Konzept für den Samstagabend.“

Unter der Woche lässt es die Schwulenszene eher gemächlich angehen

David (44), ein Gast im Krash, sieht so aus als habe er schon so manche Party in seinem Leben mitgemacht. Er fuchtelt mit seinem riesigen Schlüsselbund herum, und schlürft anschießend die letzten Tropfen aus seinem Cocktailglas. David zuckt mit den Schultern. „Die Verbreitung des Internets ist auch nicht spurlos an der Schwulenszene in San Juan vorbeigegangen. Guck mal, was abends auf der Webseite bei Menhunt los ist“, nuschelt er und zieht dabei ein Gesicht als sehne er nichts mehr herbei als den Start ins Wochenende. „Hey, wenn du nachts richtig die Sau raus lassen willst, sehe zu, dass du samstags rausgehst. Unter der Woche ist es zwar auch okay, aber längst nicht so wie in Miami“.

Und die Erotik? Und der Sex? Bis Ende 2007 gab es in Old San Juan die Steamworks-Sauna. Das war der einzige schwule Hot Spot in der Altstadt. Sie ist mittlerweile geschlossen. Gerüchten zufolge suchen die Betreiber des Badehauses eine neue Location – in Santurce. Natürlich.

Wer auf Partys in der Nacht verzichten kann, sollte sich im Stadtteil Ocean Park ein Hotel nehmen

Wer in Santurce das für Puerto Rico typische Sommer-, Sonne- und Strandfeeling vermisst und am Touristenrummel in Condado keinen rechten Gefallen findet, muss nicht verzagen. Ocean Park lautet die Rettung. Das an Condado angrenzende alternative Strandviertel ist klein, und sogar ein wenig fein. Viele der dort betriebenen Hotels, Restaurants und Bars sind fest in schwul-lesbischer Hand – was allerdings nicht unbedingt heißt, dass sie sich als 100%-ige Gay-Locations präsentieren.

Man sollte es freilich tunlichst vermeiden, sich während des gesamten Urlaubs auf Puerto Rico tagsüber am Strand von Ocean Park zu räkeln und nachts Santurces Schwulenszene unsicher zu machen. Ein Abstecher in die Barcardi Rum Distellerie und ein Tagesausflug in den tropischen Regenwald El Yunque gehören auch auf die Agenda – mindestens. Der Tropenwald liegt nur gut eine Autostunde östlich der Hauptstadt San Juan. Dort kann man auf markierten Wegen durch grenzenloses Grün dem Baumfrosch El Coqui lauschen oder sich an den beeindruckenden Wasserfällen berauschen. Auf dem Rückweg vom El Yunque sollte man unbedingt noch einen Abstecher zum Belz Outlet Store machen. Calvin Klein, Tommy Hilfiger und Nike bieten echte (!) Markenartikel zu unschlagbaren Preisen.

Bei Bacardi (rund 20 Minuten mit dem Auto von Old San Juan) lernt man alles über den weltberühmten Rum: die jahrhundertealte Geschichte, die heutige Produktion – und den heutigen Geschmack. Eine große Bar lädt dazu sein, die köstlichen Cocktailkreationen persönlich zu goutieren. Auch wenn das Gros der Führungen morgens und mittags stattfindet, sollte man beherzt zugreifen. Dass man anschließend beschwipst nach San Juan zurückkehrt, nimmt einem niemand übel. Im Gegenteil. Die Puerto Ricaner sind ziemlich stolz auf ihren weltberühmten Barcardi-Rum. Wer angeheitert-begeistert über seinen Besuch bei Bacardi berichtet, den schließen die Menschen auf Puerto Rico besonders schnell in ihr Herz. Wetten, dass ...?

Anreise. Delta Air Lines fliegt in Deutschland von Frankfurt, Düsseldorf, München und Stuttgart, in Österreich von Wien und in der Schweiz von Zürich via Atlanta nach San Juan. Zu buchen sind Flüge auf der Webseite www.delta.com (ab 618 Euro, inklusiv Steuern und Gebühren). Auf der Homepage www.delta.com/gaytravel hat die Fluggesellschaft zudem zahlreiche interessante Infos für schwule Reisende zusammengestellt.

Unterkunft. Hotel El Convento, 100 Christo Street, Old San Juan, Tel. +1-787-723-9020, wohl das schönste und bekannteste Hotel der Insel, ehemaliges Kloster, im 17. Jahrhundert erbaut, wunderschöner Innenhof, leider recht kleine Zimmer, www.elconvento.com. Condado Plaza Hotel & Casino, 999 Ashford Avenue, Condado, jüngst renoviertes Design-Hotel, zentrale Lage in Condado, 24-Stunden-Casino, kostenloser Internetzugang auf den Zimmern, Fitness-Studio mit vielen Geräten, Dampfsauna, www.condadoplaza.com  Hotel Wyndham Rio Mar Beach Resort & Spa, 6000 Rio Mar Boulevard, Rio Grande, riesige Hotelanlage, ca. 40 Minuten von San Juan entfernt, Swimmingpool, Strand, Golf-Anlage und anspruchsvolle Wellness-Area, www.wyndhamriomar.com  Numero Uno Guesthouse, 1 Santa Ana, Ocean Park, charmantes 13-Zimmer-Gästehaus, schwul-lesbisch geführt mit gemischten Publikum, direkt am Strand gelegen, www.numero1guesthouse.com.