Andalusien - In der Hitze der Nacht

28.09.2013
 
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Sevillas geradezu süchtig machender Zauber erfasst jeden, der zu Fuß durch die pittoresken Straßen und Gassen der Altstadt unterwegs ist: der unvergleichliche Duft der Orangenblüten, die traumhafte Architektur, der herzzerreißende Flamenco - und natürlich die charmanten Männer. Davon gibt’s auch in Torremolinos eine ganze Menge – wenngleich eine Nummer trashiger! Ein Streifzug durch die Schwulenszenen von Sevilla und Torremolinos ...




„Hola, Chicos“ ruft die schillernde Transe, immer wieder. „Hola, Hola“, beschwipst nach dem vierten Glas Prosecco, ihre Stimme heiser von den zwischenzeitlich dargebotenen Gesangseinlagen und den unablässig rauchenden Zigaretten. In einer Pause die Augen halb geschlossen, den Rücken angestrengt nach oben gerückt, sitzt sie auf dem Plastikstuhl auf der Straße und ordert das nächste Glas bei ihrer Freundin. Die nimmt sie augenblicklich nicht wahr, sie klatscht zum Rhythmus der Musik aus dem mp3-Player, in einem Takt, der sich selbst zu überschlagen scheint. Und nicht wie in unseren Gefilden am Abend, sondern erst in der Nacht. Und Nacht ist hier wörtlich zu nehmen. Vor ein Uhr herrscht hier gähnende Leere auf den Straßen. Das ungeschriebene Partygesetz Spaniens, vor ein Uhr nicht vor die Tür und vor drei Uhr nicht in eine Disko zu gehen, gilt auch in Sevilla unerbittlich.

Der Stadtteil El Arenal, gleich neben der Brücke Puente de Trjana am Fuße des Flusses Rio Guadalquivir, gehört den jungen Schwulen, den Studenten und Jugendlichen. Gleich wird es drei Uhr sein und die Gay-Szene ist bereit für die Nacht. Für die meisten Twens und Teens gehört es zum guten Ton, am Wochenende bis in die „madrugada“ (frühen Morgenstunden) die Puppen tanzen zu lassen. Besonders die Teens, deren Geldbeutel in der Regel nicht so prall gefüllt ist, treffen sich nach Mitternacht auf den Straßen und Plätzen El Arenals, stets versorgt mit Hochprozentigem. Whisky-Cola und Wodka-Energy stehen bei ihnen hoch im Kurs.

Im Stadtteil Alameda de Hércules trifft sich die Szene auf einen Drink 

Wer noch ein paar Euro übrig hat, macht sich anschließend auf in die rund zehn Minuten zu Fuss entfernte Diskothek „Itaca“ (C/Amor de Dias 31). Seit mehr als 25 (!) Jahren dominiert der düstere Tanztempel (inklusive populärer Darkroom-Area) an den Wochenenden die schwule Partyszene Sevillas. Das ist eine verdammt lange Zeit. Erst recht in Sevilla, wo Bars und Clubs normalerweise mit erstaunlicher Geschwindigkeit öffnen und auch wieder schließen …

Das „Itaca“ grenzt an den alternativen Stadtviertel Alameda de Hércules – der Name stammt von der gleichnamigen Hauptstraße des Viertels, die durch einen staubigen, rund 400 Meter langen parkähnlichen Abschnitt getrennt ist. Für den Besucher ist das Viertel leicht auszumachen. Am südlichen Ende der Straße ragen zwei riesige Statuen in den Himmel: die von Herkules und Julius Caesar. Früher galt das Viertel unter den Einwohnern Sevillas lange Zeit als terra incognita. Prostituierte, Zuhälter und Drogendealer beherrschten lange Zeit die Szenerie in dem Viertel. Seit den 90er Jahren aber gilt es in der Alternativ- und in der Schwulenszene als „place to be“. Zahlreiche Cafés, Bars und sogar ein sehr hübsches Hotel (Santa Ana) wurden liebevoll restauriert - und machen die Gegend heute zu einer der attraktivsten Ausgehmeilen der Stadt. Gleich um die Ecke liegt die bei Bären populäre Cruising-Bar „M2M“. Apropos Bären: Sevilla ist in Spanien bekannt für seine quirlige Bärenszene. Im Oktober findet sogar ein Bären-Wochenende statt, das ganz schön viele haarige Gay-Touristen aus ganz Europa anzieht …

Urlaub in Torremolinos ist günstiger als auf Ibiza, in Sitges & Co.

Weniger bärenlastig, dafür aber ganz schön trashig und quirlig präsentiert sich der zweite große Gay Hot Spot Andalusiens: Torremolinos, rund 220 Kilometer südöstlich von Sevilla gelegen. Vor allem in den 70er und 80er Jahren tobte in Torremolinos der Bär: Für schwule Touristen aus England, Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Benelux-Staaten und Skandinavien war die ganz auf den Massen-Tourismus fokussierte Stadt eine willkommene, da äußerst preisgünstige Alternative zu den hochpreisigen Destinationen Ibiza, Sitges, Mykonos & Co. Dabei spiegelte die Stadt so gar nicht das allseits beliebte Klischee vom schicken und stylischen Urlaubsort für den schwulen Mann wider: Viele behaupteten gar, Torremolinos sei einfach nur eine hässliche Betonwüste, in der sich gleichwohl in der Nacht freizügig wilde Party-Orgien feiern ließen.

In den 90er Jahren musste Torremolinos Szene eine lange Durststrecke überwinden, die Szene fristete nur noch ein trauriges Dasein, sie war damals nur noch ein Schatten ihrer selbst. Das war zum Teil dem ermatteten Engagement der schwulen Gastronomen, zum Teil aber auch dem allgemeinen Niedergang Torremolinos geschuldet. Die Stadt hatte sich einfach zu sehr auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht, während die Konkurrenz drum herum, allen voran der Nachbarort Benalmádena mächtig aufholten.

Das Freedom Festival gilt als eines der Highlights im Event-Kalender Torremolinos 

In den vergangenen Jahren aber hat Torremolinos bei den schwulen Travellern – und zwar vor allem bei den Einheimischen aus Spanien - ein Comeback hingelegt. Einen erklecklichen Anteil an der Wiedergeburt geht auf das Konto der Macher des schwulen „Freedom Festivals“, das jährlich im August lokale wie auswärtige Schwulen anlockt. Das zweitägige Event, überraschend unbekannt in unseren Breitengraden, ist das Gay-Highlight schlechthin an der Costa del Sol. Los geht’s Freitagabend mit einem Open-Air-Konzert am Strand von Torremolinos. In der Regel treten spanische Stars und Sternchen auf, weshalb sich ein Besuch vor allem für jene lohnt, die – zumindest ein wenig – mit der hiesigen Popszene vertraut sind. Das Publikum ist äußerst gemischt - wer ein reines Schwulen- und Lesbenfestival erwartet, dürfte enttäuscht sein. Gleiches gilt für den zweiten Höhepunkt am Samstagabend: eine spanisch-rosa Version der Mayday in Dortmund im Convention Center von Torremolinos. Tausende Schwule, Lesben und Freunde tanzen bis in die frühen Morgenstunden zu Techno und House.

Im Gegensatz zu Sevilla, dessen Schwulenszene in den mörderheißen Sommermonaten nicht besonders stark frequentiert ist, erfreut sich Torremolinos vor allem im Juli und August recht großer Popularität. Die schwule Partyzene, die fest in spanischer Hand ist, trifft sich dann spätabends in der – zugegebenermassen bis heute recht heruntergekommenen - Passage La Nogalera im Zentrum, nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt. Rund 20 Bars und zwei Diskotheken weist der aktuelle Gay-Guide Torremolinos’ derzeit auf – dagegen wirkt das schwule Szeneangebot der 600.000 Einwohner zählenden Großstadt Malaga (bequem in rund 25 Minuten mit der Bahn erreichbar) mit zwei Gay-Bars richtig popelig. Kein Wunder, dass am Wochenende die Schwulen aus Malaga in schöner Regelmäßigkeit in das 30.000 Einwohner Städtchen Torremolinos einfallen ... 

Anreise. Lufthansa und Air Berlin fliegen nonstop von Deutschland nach Malaga und Sevilla, www.lufthansa.de & www.airberlin.de 

Übernachtung.  Hotel Casa Sacristia de Santa Ana, Alameda De Hércules 22, Tel. +34 - 954 915 722, 3-Sterne-Hotel in einem restaurierten Haus aus dem 18. Jahrhundert, gayfriendly, mitten im Schwulen- und Künstlerviertel Alameda de Hércules. Preis ab 150 Euro für DZ/pro Nacht, www.sacristiadesantaana.com

Hotel Cervantes, Las Mercedes S/n, Tel. +34 - 95 238 4033, 4-Sterne-Hotel am Rande der Fußgängerzone in Torremolinos, 400 Zimmer, durch Nähe zur Gay-Szene beliebt bei vielen Schwulen, über Veranstalter z.T. deutlich günstiger: Preis ab 700 Euro pro Person für sechs Nächte im DZ (Übernachtung mit Frühstück, inkl. Flug) auf der Webseite www.neckermann.ch!

Weitere Informationen erteilt das Spanische Fremdenverkehrsamt, Grafenberger Allee 100 - Kutscherhaus, 40237 Düsseldorf, www.spain.info