Languedoc-Roussillon: Fluchtpunkt der Savoir-vivre-Fans

18.10.2013
 
  • Languedoc-Roussillon: Fluchtpunkt der Savoir-vivre-Fans
  • Languedoc-Roussillon: Fluchtpunkt der Savoir-vivre-Fans
 

Cruisen in den Dünen, Sonnenbaden am Strand oder sich auf lauschigen Plätzen in Montpellier herumlümmeln – im Languedoc-Roissillon findet jeder schwule Urlauberwunsch seine Erfüllung. Tom on Tour hat sich im La Petite Camargue und in Montpellier umgesehen.



Ganz einsam liegt er da, nur der Wind schaut hin und wieder vorbei, touchiert den Sand, sortiert die Körnchen, formt manchmal einen neuen Pfad zwischen die Dünen. Ab und zu lassen Böen die Überreste eines Schirms vorbei tanzen, spielen mit einem angeschwemmten Stück Tau. Mit der betörenden Stille am Strand ist es aber schnell vorbei. Gegen 9 Uhr morgens trudeln die ersten sonnenhungrigen Schwulen herbei, hier am Plage de l’Espiguette in der Nähe von Le Grau du Roi. Der rund 8.000 Einwohner zählende Ort im Départment Gard in der Region Languedoc-Roussillon ist bekannt wie in bunter Hund in Frankreich – in den 60er- und 70er-Jahren erlebte Le Grau du Roi einen touristischen Boom, als an seinem Südende der Hafen Port Camargue gebaut wurde.

Der Ort zehrt noch heute davon: Die Gegend – viertgrößte Tourismusregion Frankreichs – zählt jährlich mehr als 15 Millionen Besucher. Der Strand von Espiguette beherbergt am Ende einen FKK-Abschnitt, die Schwulen kommen im Sommer gern hierher. Es ist der Schwulenstrand schlechthin in der Region. Das finden auch Michael und Frederik aus Rotterdam, die schon früh morgens ihr Territorium am Strand abstecken. Seit Jahren verbringen die Jungs, beide Mitte 30, hier ihren Urlaub: „Im Sommer ist es richtig schön warm hier, 35 Grad sind keine Seltenheit. Du kannst im Meer baden oder in den Dünen cruisen gehen“, verrät Michael mit einem Augenzwinkern. „Ab fünf Uhr, wenn sich die Einheimischen hinzugesellen, sind sowieso alle in den Dünen. Dann hast du den Strand ganz für dich“, ergänzt Frederik fachmännisch.

Die Dünen sind meterhoch - die cruisenden Schwulen lieben es 

Man kann hier ziemlich einsam sein, wenn man denn will. Das gesamte Gebiet von Espiguette steht seit 1930 unter Naturschutz und wurde so vor den hässlichen Auswüchsen des Massentourismus bewahrt. Landschaftlich ist es traumhaft beschaulich: Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Küstenabschnitt durch das Zusammenspiel von Wind und Meeresströmungen geformt – eine wüstenähnliche Landschaft war die Folge. Die weißen Dünen können eine Höhe von zwölf Metern erreichen und bilden so einen angenehm-cruisigen Schutzwall vor neugierigen Voyeuren. Man kann hier locker eine Woche jeden Tag vor sich hindösen, doch außer Strand und Dünen hält die Gegend keine schwulen Angebote bereit. Und die von Touristen und langweiligen Ramschläden überzogene Promenade in Le Grau du Roi muss man sich nicht unbedingt ansehen.

Aber die Rettung ist nicht weit: Montpellier, die stolze Hauptstadt des Languedoc-Roussillon, ist nur zwölf Kilometer von der Küste entfernt und bietet eine für die Größe der Stadt überraschend große Schwulenszene. Der Grund liegt auf der Hand: Für den lebendigen Pulsschlag in der Nacht sorgen die Studenten, rund ein Viertel der 245.000 Einwohner sind an der Universität eingeschrieben. Das ist eine ganze Menge – und macht sich täglich im Stadtbild, in den Gassen auf den lauschigen Plätzen in der Altstadt bemerkbar. Die Atmosphäre in der Altstadt ist das größte Pfund Montpelliers: Der Flieder verzaubert im Juni mit seinem Duft, himmelhohe Bäume sorgen für schattige Plätzchen vor den honigfarbenen Fassaden der Hôtel particulier mit ihren roten Ziegeldächern. Attraktive Jungs knattern auf ihren Vespas durch das Gassenlabyrinth, in dem man als Ortskundiger ohne Stadtplan hemmungslos verloren geht.

Das Wohnzimmer wird im Sommer auf die Straße verlagert 

Aber warum auch nicht? Es macht am Abend sogar einen Heidenspaß durch die Gassen zu tingeln, und anschließend auf einen neuen Platz zu stoßen, auf dem sich Tapas-Bars und Jazzkneipen die Klinke in die Hand geben. Das Leben in den Sommermonaten spielt sich ausschließlich draußen ab; zuweilen gewinnt man den Eindruck, halb Montpellier verlagert sein Wohnzimmer auf die Plätze. Die Schwulen machen dabei keine Ausnahme. Auf der mediterranen Außenterrasse des Café de la mer am zentralen Marché aux Fleurs lässt sich stundenlang verweilen und das Geschehen beobachten: Junge Schwule, gerade volljährig geworden, die mit ihren besten Freundinnen die ersten Ausflüge in die Szene wagen, am Nachbartisch die Bären- und Lederfreunde, die sich zum wöchentlichen Stammtisch auf ein gutes Glas Rotwein treffen. Der Platz ist aber auch – natürlich, man ist schließlich in Frankreich - Laufsteg der lokalen Jeunesse dorée, die mit Eleganz und stolzer Brust den neuesten Fummel von D&G präsentiert. Vom Café de la mer aus lässt sich par excellence das schwule Nachtleben erkunden; sämtliche Bars sind nur einen Katzensprung entfernt, alles ist in herrlicher Fußmarschnähe zu erreichen.

Von den Vorzügen des adretten Platzes ist übrigens auch Montpelliers Bürgermeisterin Hélène Mandroux (72) überzeugt. Die seit 2004 amtierende Sozialistin ist der Schwulenszene eng verbunden; jährlich lässt sie sich beim Lesbian & Gay Pride Montpellier blicken. Gern wird in der Szene über eine Anekdote berichtet, als die rüstige Politikerin wichtige Termine in Paris hatte, aber alles daran setzte, den letzten TGV-Zug Richtung Heimat zu bekommen – mit Erfolg! Sie wollte unbedingt am nächsten Mittag bei der Gay-Parade dabei sein. Rund 300.000 Besucher lockt der Umzug jährlich an, das Publikum ist ziemlich jung und alternativ – wen wundert es angesichts der vielen Studenten? Um auch den Rest Europas zu zeigen, wie ausgelassen man hier feiern kann, hatte Montpelliers Lesben- und Schwulenszene sich für 2014 viel vorgenommen: Dann sollte nach dem Willen der CSD-Organisatoren der EuroPride in die Stadt geholt werden. Das hat leider nicht geklappt – am Ende machte Oslo das Rennen. Aber, und da ist man sich in Montpellier ganz sicher, lange wird es nicht mehr dauern, bis die Stadt Gastgeber des EuroPrides sein darf.
Infos:


Anreise:
Ryanair fliegt viermal die Woche von Frankfurt-Hahn nach Montpellier, www.ryanair.com 

Übernachtung: An der Küste bietet sich die schwul geführte Ferienanlage Secrets de Camargue an, deren Puppenstuben-Häuschen eine heimelige Atmosphäre versprühen: Secrets de Camargue, Route de l’Espiguette, Le Grau du Roi, Tel. +33-4 6680 0800, www.yellohvillage-secrets-de-camargue.com!
In Montpellier ist erste Adresse das gayfriendly Hotel le Guilhem, ein Doppelhaus aus dem 16. Jahrhundert, 35 Zimmer, wunderschöne Frühstücksterrasse im ersten Stock mit Blick auf die Kathedrale, nur 10 Minuten zu Fuß bis zum Marché aux Fleurs: Hotel le Guilhem, 18 Rue Jean-Jacques Rousseau, Tel. +33-4 6752 9090, www.leguilhem.com!

Mehr Infos: Ausführliche Informationen über das touristische Angebot über die gesamte Region hält die Webseite www.destinationsuddefrance.com bereit, während sich auf der Homepage www.montpelliergay.com alle Informationen zum Pride finden lassen.