Massachusetts - Leben und leben lassen

07.01.2014
 
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Die quirlige Ostküsten-Stadt Boston und das reichlich schwul-lesbisch daherkommende Urlaubsrefugium Provincetown bilden zusammen eine unschlagbare Melange. Wie kaum an einem anderen Ort in den USA lässt sich so herrlich Großstadt-Feeling und Meeresidylle miteinander verbinden. 



Die Bewohner Bostons sind glücklich. Glücklich, dass ihre Stadt nicht das gleiche Schicksal ereilt hat wie New York in den vergangenen Jahren. So manch Einheimischer spricht über den südlichen Nachbarn wie über einen Ort, der von bösen Geistern regiert wird: die gigantisch hohen Preise, die Immobilienknappheit, die überfüllten Restaurants und Clubs, das Verkehrschaos, ja und dann noch dieses typische New Yorker „attitude“, diese Mischung aus Arroganz und Versnobtheit – all das ist in Boston nicht zu erleben, freuen sich die Einheimischen mit der Fröhlichkeit eines Glückseligen. Die Lebensqualität in der mit rund 600.000 Einwohner (Großraum: 4,4 Millionen) größten Stadt Neuenglands war freilich schon immer mindestens einen Tick besser als in New York.

Die beiden Städte verbindet denn auch heute herzlich wenig miteinander. Stets beobachtet man sich mit Argusaugen. Und Boston denkt gar nicht daran, angesichts des weltberühmten Nachbarn klein beizugeben. Muss es auch gar nicht. Mit seinen Museen und Galerien von Weltrang, seinen prächtigen viktorianischen Bauten, der stets gegenwärtigen Geschichte und einer äußerst selbstbewusst auftretenden Schwulenszene gehört die wohlhabende Stadt in das Pflichtprogramm eines jeden Gay-Reisenden, den es in die USA verschlägt.

Boston kommt sehr europäisch daher 

Einen besonders prägnanten Eindruck von Boston bekommt man im noblen Stadtteil Beacon Hill, für viele US-Amerikaner einer der schönsten Orte des Landes. Aufgrund seiner Nähe zur Massachusetts Bay und zum State House, von wo aus Massachusetts seit 1798 regiert wird, war das Viertel stets heiß begehrt. Die Reihenhäuser sind vor 200 Jahren aus Ziegelsteinen gebaut worden - und noch heute in einem hervorragenden Zustand. Wer bisher „nur“ im Süden, im Mittleren Westen oder in Kalifornien unterwegs war, vermag es nicht für möglich halten, dass mit Boston eine derart europäisch daherkommende Stadt in den USA überhaupt existiert.

Nur rund 20 Minuten zu Fuß von Beacon Hill, rund um und auf der Columbus Avenue und der Tremont Street hat sich das Gros der Gay Hotspots niedergelassen. Bostons Schwulen- und Lesbenszene tritt heute recht selbstbewusst auf. Das Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Seitdem Justiz und Politik 2004 den Weg für die Homo-Ehe in Massachusetts freigemacht haben, gilt der Bundesstaat unter Lesben und Schwulen in den USA als „everybodys darling“ - der Staat also, „where everything started“. Schließlich ist in dem Bundesstaat die Intelligenz der USA zu Hause (Stichwort Harvard Universität). Zu recht ist der Beiname Massachusetts „The Spirit of America“ – zu finden auf jedem Autonummernschild.

Bostons Schwulenszene ist überschaubar 


Wer am Wochenende Bostons Schwulenszene unsicher machen will, findet eine recht ordentliche Auswahl. Am Samstagabend empfiehlt sich die von Partykönig Chris Harris & der „Gay Mafia Boston“ organisierte „Epic“-Party. Die „Epic“ bietet einen Dancefloor, auf dem recht junges und hippes Publikum abfeiert. Großes Manko allerdings: In allen Clubs der Stadt, und so auch im Roxy, gilt kurz vor zwei Uhr in der Nacht unüberhörbar der „Last Call“, das heißt, es naht unwiderruflich die letzte Gelegenheit, ein alkoholisches Getränk zu ordern. Bereits um zwei Uhr ist Feierabend, der DJ spielt die letzte Scheibe und die Security sorgt recht energisch dafür, dass alle Gäste den Club zügig verlassen - weshalb es sich dringend empfiehlt, bereits um 23 Uhr aufzutauchen. Wer nach Partyschluss noch mit anderen Schwulen weiter feiern will, sollte sich bei Zeiten um Kontakt zu den Einheimischen bemühen. In Boston ist es nämlich gang und gäbe, anschließend auf sogenannten „Privat Party“ weiter tief ins Glas zu schauen ...

Recht unkomplizierten Kontakt lässt sich vorher in der Bar „Fritz“ anbändeln. Die Sports-Bar ist eine gemütliche Pinte, in der man ohne schiefe Blicke zu ernten, im Schlabberlook auftauchen kann. Das Gros des Publikum ist jenseits der 35, in der Regel dem Alkohol nicht abgeneigt – und äußerst kontaktfreudig. Viele Schwule von außerhalb buchen übrigens ihr Hotelzimmer im gleichen Haus. Man braucht nur den Hinterausgang der „Fritz“-Bar zu nehmen und schon steht man vor der Rezeption des Hotels „Chandler Inn“. Es ist weit über Boston hinaus bekannt als die günstigste und zentral gelegenste Unterkunft für Gays.

Die Jungen ziehen freitags in den Club Café, die Stripper ins Paradise 

Freunde eines jüngeren Publikums finden nur rund 200 Meter weiter im „Club Café“ ein glücklich machendes Partyrefugium. Dort trudeln – vor allem am Freitagabend – die Jungen und Schönen von Boston ein – samt bester Freundin, versteht sich. Von außen übrigens nicht beirren lassen: vorne, zur Straße hin, befindet sich ein (eher mäßig schmeckende Speisen anbietendes) Restaurant, in der Mitte eine Lounge-Bar und ganz am Ende ein kleiner Club, der allerdings nur am Wochenende seine Pforten öffnet. Fans von muskelbepackten Beaus zieht es dagegen regelmäßig ins „Paradise“. Dort ereignet sich tagein, tagaus für europäische Besucher Ungewöhnliches: Schwuler Table-Dance im Minutentakt, bei Gefallen zücken die Besucher Dollarscheine und stecken sie mit einem Augenzwinkern in den Slip der Stripper.

Wer sich nach ein paar Tagen in Boston nach ein wenig Ruhe sehnt, für den hält Massachusetts ein rosa Refugium par excellence parat: Provincetown – das Key West der Ostküste! Die Anreise von Boston ist herrlich unkompliziert: Entweder in rund zweieinhalb Stunden mit dem Auto oder – alternativ im Sommer - mit der Fähre. Die Überfahrt dauert anderthalb Stunden und kostet hin und zurück rund 60 Dollar. P-Town, wie Provincetown von den Menschen in Massachusetts genannt wird, liegt an der Nordspitze der Halbinsel Cape Cod – der Name stammt von Fischern, die Anfang des 17. Jahrhunderts Unmengen von Kabeljau („cod“) im Atlantik in ihren Netzen fanden. Sparfüchse, die nicht unbedingt zu den schwulen Highlights in P-Town aufschlagen wollen, schauen am besten Anfang bis Mitte Mai oder von Mitte bis Ende September auf, und zwar unter der Woche. In diesen Zeiträumen halten sich die Übernachtungspreise in annehmbaren Grenzen und die Chancen auf sonniges Wetter sind gut.

Mehr als 20 Gästehäuser in Provincetown buhlen um die Gunst der Lesben und Schwulen

Landschaftlich kann P-Town aus dem Vollen schöpfen: Rund zwei Drittel der Fläche Provincetowns gehören zum Landschaftsschutzgebiet „Cape Cod National Seashore“. Nördlich liegen die Province Lands, ein Gebiet mit Dünen und kleinen Teichen, das sich vom Mount Ararat im Osten bis zum Race Point im Westen entlang der Küste der Massachusetts Bay erstreckt. Exklusive Dünentouren im Geländewagen bietet der charmante Rob Costa durch – amüsante Anekdoten zum Gay-Life in den Dünen inklusive!

Mehr als zwei Dutzend schwule Gästehäuser buhlen um die Gunst der rosa Klientel, kein Restaurants, das was auf sich hält, kommt ohne den obligatorischen Regenbogen-Aufkleber aus und der Jahreskalender quillt nur so über von schwul-lesbischen Events. Das Memorial Day-Wochenende Ende Mai bildet mittlerweile den Startschuss für die rosa Sommersaison-Sause. Nahezu im Wochenrhythmus prasseln in der Folgezeit die schwul-lesbischen Veranstaltungen auf die Besucher herab: Karneval-, Bären-, Leder- und Pride-Events – um nur einige wenige zu nennen - gönnen der hiesigen Szene keine Verschnaufpause.

Holzschindelhäuser dominieren die Szenerie 


Architektonisch gibt sich die Stadt heute jede erdenkliche Mühe, ihre Vergangenheit zu bewahren. Die Bauvorschriften sind sehr streng, hässliche Hochhäuser findet man – gottlob – nicht. Vielmehr dominieren die Szenerie verträumte Holzschindelhäuser, romantisch in engen Straßen gelegen. Selbst im Zentrum, auf der Commercial Street, ist das nicht anders. Hier findet man innovative Souvenirshops, alternativ angehauchte Öko-Geschäfte, bunte Galerien und Restaurants jeglicher Preisklasse – und mittendrin das Rathaus. Vor dessen Haupteingang spielt und singt an sonnigen Tagen der 80-jährige Ellie im schrägen Outit (Jeans in Hot Pants-Style, dezentes Make-Up und High-Heels) seine Lieder. Er ist eine kleine Berühmtheit in P-Town. Und das liegt nicht nur daran, dass der liebenswürdige Künstler so gute Geschichten erzählen kann. Ellie personifiziert wie kaum ein anderer in der Stadt das Gefühl vom freien, verrückten und durchgeknallten Leben in P-Town – und das jeden Tags aufs Neue! Und wegen solcher Typen, nach denen in der Stadt kein Hahn kräht, lieben die Schwulen der Ostküste die Mentalität der Menschen in Provincetown.

Wer nun aber glaubt, Boston und Provincetown seien die einzigen schwul-lesbischen Höhepunkte in Massachusetts, hat die Rechnung ohne Northampton gemacht. Die rund 30.000 Einwohner zählende Stadt im Hampshire County liegt rund 100 Meilen westlich von Boston entfernt im Landesinneren und profiliert sich seit Jahren mit einem Augenzwinkern „als lesbischste Kleinstadt der USA“. Michael Kolesar, Marketingdirektor des traditionsreichen Hotel Northampton beruhigt: „Am Wochenende sind auch viele Männer in der Stadt auf der Pirsch. Aber bei uns mischt sich sehr viel. Die Stadt ist so liberal, dass die Gay-Clubs fast schon überflüssig sind. Hier kräht kein Hahn danach, ob du schwul, lesbisch oder hetero bist.“ Kein Wunder: Northampton ist durch seine vielen gehobenen Bildungsmöglichkeiten und seines linksliberalen politischen Klimas zum Mekka vieler Intellektueller, Künstler, Schwulen und vor allem Lesben geworden – was sich nicht zuletzt in der Stadtspitze wiederspiegelt: die Stadt wird seit 1999 von der offen lesbisch lebenden Bürgermeisterin Mary Clare Higgins regiert.

Northampton - Kleinstadt mit eigenem CSD 

Hier gibt es viel zu entdecken: Entlang der Main Street, der Hauptstraße, reihen sich viele gut erhaltene Bauten aus der Jahrhundertwende. Neben der Academy of Music, dem Coolidge Theatre und dem Smith College Campus und der Forbes Library gibt es viele reichlich lesbische angehauchte Cafés, Restaurants und Shops. Zum diesjährigen Gay Pride (2013 ging’s in die 32. Runde) gab’s sogar einen 48 (!)-seitigen „Official Northampton Pride Guide“ – das soll eine Stadt dieser Größe in Deutschland erst einmal nachmachen ...

Zum krönenden Abschluss einer Rundreise durch Massachusetts wird ein Aufenthalt auf der Canyon Ranch - rund 50 Meilen westlich von Northampton gelegen - in dem beschaulichen Ort Lenox inmitten der wunderschönen Berkshire Area. Das Resort ist ein Paradies für Wellness-Fans und Menschen, die gesund leben wollen. Alkohol und Zigaretten sind hier verpönt. Stattdessen gibt es Bio-Essen, unzählige Sportangebote (Tennis, Gym, Squash, Wandern, Jogging), Kochkurse für gesunde Essenszubereitung, Gesundheitsuntersuchungen, erstklassige Massagen und vieles mehr. Viele Prominente, deren Namen die Geschäftsführung des Hauses aber diskret verschweigt, schauen hier ein Wochenende zur Erholung vorbei und lassen sich von dem Canyon Ranch-Team auf luxuriösem Niveau verwöhnen. Und wie es sich für Massachusetts nun einmal gehört, werden natürlich auch auf der Canyon Ranch spezielle Gay-Packages angeboten – die Programme sind vor allem für Paare ausgerichtet. Die meisten Gäste schätzen die Abgeschiedenheit und die Stille – eine Nachtbar oder gar einen Dance-Club gibt es nicht. In manchen Nächten ist es gar so gespenstisch still, dass man sich gar nicht zum Rauchen vor die Türe traut. Dafür schläft man nachts wie ein Murmeltier – und kommt faltenfrei in der Heimat an. Nun ja, fast faltenfrei.



Anreise. Die isländische Fluggesellschaft Iceland Air fliegt täglich von Frankfurt mit Zwischenstopp in Reykjavik nach Boston. Der Flugpreis beginnt ab 589 Euro. Auf dem Hinflug oder dem Rückflug kann man den Weiterflug in Reykjavik unterbrechen, bis zu 21 Tage Aufenthalt sind möglich. Weitere Informationen und Buchungen auf der Webseite www.icelandair.de!  

Unterkunft. BOSTON Fifteen Beacon Hotel, 15 Beacon Street, Tel. +1-617-670 1500, www.xvbeacon.com, luxuriöses Boutique-Hotel in einem 1903 errichteten Gebäude, Internetanschluss auf dem Zimmern, schicke Dachterrasse, fünfzehn Minuten zu Fuß zur Gay-Szene, DZ ab 220 Euro # Chandler Inn, Tel. +1- 617-482 3450, einfaches Boutique-Hotel im Herzen der Schwulenszene, recht kleine Zimmer, sauber und gepflegt, DZ ab 115 Euro, www.sahotelsgroup.com/hotels/Boston/chandler_inn_hotel.html  

PROVINCETOWN Crown Pointe Inn, 82 Bradford Street, wunderschönes, gehobenes Gästehaus in einer 140 Jahre alten Anlage gelegen, 40 großzügige Zimmer mit Kamin, viele lesbische und schwule Gäste, kostenloser Internet Wireless LAN-Anschluss, Frühstücksbuffet, DZ ab 220 Euro in der Hochsaison, www.crownepointe.com!

NORTHAMPTON

Hotel Northampton, 36 King Street, Tel. +1-413-584 3100, traditionellstes Hotel der Stadt, 1927 erbaut und mitten in der Stadt gelegen, ideal für Sightseeing- und Nachtausflüge, antike Inneneinrichtung, großzügige Zimmer, sympathisch plüschig daherkommend, www.hotelnorthampton.com!
 
BERKSHIRES
Canyon Ranch, Lenox, Tel. +1- 800-742 9000, luxuriöses Wellness-Hotel mit Schwerpunkt auf gesundes Lifestyle, unzählige Sportmöglichkeiten, riesiges abgeschirmtes Gelände, 126 Zimmer und Suiten, Gay-Packages im Angebot, www.canyonranch.com!

Mehr Infos. Die Internetseite der Gay-Zeitung www.edgeboston.com informiert ausführlich den schwulen Touristen in Boston; zahlreiche Hotel-, Bar-, Restaurant- und Clubtipps, dazu Infos zu Sehenswürdigkeiten und News aus der Bostoner Szene; die offizielle Homepage des Fremdenverkehrsamt in Boston, www.bostonusa.com, hält wertvolle Allgemein-Infos für den Touristen in Boston parat. Infos zur Schwulenszene in Provincetown sowie touristische Highlights unter www.ptown.org! Northamptons Fremdenverkehrsbüro informiert über das aktuelle Geschehen in der Stadt auf www.visitnorthampton.net ! Die Berkshires schließlich fassen online auf der Webseite www.berkshires.org alles Wissenswerte über die Region zusammen. Weitere Informationen an Touristen erteilt in Deutschland das Massachusetts Office of Travel & Tourism, Postfach 1213, 82302 Starnberg, Tel. 08151-739787 sowie im Internet auf www.massvacation.com