Urbanes Neuland für Entdecker

30.10.2013
 
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Glasgow

Obwohl Glasgow mit knapp 600.000 Einwohnern die größte Stadt Schottlands und die drittgrößte des Vereinigten Königreiches ist, steht sie in der Gunst von Reisenden nicht auf der Topliste. Bislang jedenfalls. Auf den ersten Blick entdeckt man den Charme Glasgows nämlich nicht unbedingt; die in der Selbstfindung begriffene Stadt überrascht dann aber umso mehr. Von Michael Noghero



Die Geschichte der Stadt am Fluss Clyde ist wechselhaft. Das ist unübersehbar, wenn man vom Flughafen aus die 20-minütige Fahrt in Richtung City mit einem typischen Black Cab antritt. Kohle und Eisen waren die Schätze der umgebenden Grafschaft Lanarkshire. Die industrielle Revolution ermöglichte den Aufstieg Glasgows zu einer der reichsten Städte der Welt und, nach London, zur zweiten Stadt im Britischen Empire. Arbeiter aus ganz Europa kamen hierher in den Südwesten Schottlands und ließen die Bevölkerung auf eine Million Menschen anwachsen. In den 1960er-Jahren begann schließlich der wirtschaftliche Abschwung der ganzen Region. Stahlwerke, Kohleminen, Werften und andere Fabriken der Schwerindustrie wurden geschlossen, Massenarbeitslosigkeit zeichnete die Stadt. Industrieruinen sieht man bei der Fahrt in die City zuhauf. Städtebaulich hat sich Glasgow von dem wirtschaftlichen Wandel noch nicht erholt.

Freundliche Menschen und spannende Kreativität

Die eigentlich in Manchester beheimatete schwul-lesbische Disco-Location „AXM Club“ hat seit 2012 einen Ableger in Glasgow. Es ist Dienstag, und meine Erwartungen an das Glasgower Nachtleben an einem Wochentag sind eher gering. Wie schon beim Taxifahrer und Hotelrezeptionisten lassen mich die in einem irren Tempo und mit starkem Akzent vorgetragenen Erklärungen des Menschen an der Garderobe an meinem englischen Sprachvermögen zweifeln. Der Kollege übersetzt dann in für mich verständliches Englisch, dass heute nur ein Floor geöffnet sei. Für einen Absacker ist das völlig ausreichend. An der Bar wird meine Bestellung wieder mit Akzent erwidert, allerdings mit österreichischem - und auf Deutsch. Felix jobbt hier als Barkeeper. Vor fünf Jahren ist er als Austauschstudent von Wien nach Glasgow gekommen, aus dem Ziel für ein Semester wurde eine neue Heimat. Er ist überrascht, dass ich für einen kurzen City-Trip nach Glasgow gekommen bin. „Aus London kommen viele Leute übers Wochenende, mit dem Zug braucht man nur viereinhalb Stunden.“ Nach den Amerikanern, die in Schottland auf den Spuren ihrer Vorfahren wandeln, sind die Deutschen die zweitgrößte Touristengruppe. Was für ihn Glasgow ausmacht, frage ich Felix. „Die Freundlichkeit der Menschen.“ kommt wie auf Bestellung als Antwort. Die würde man zwar nicht immer sofort so wahrnehmen, aber hier in Glasgow seien alle sehr herzlich. Außerdem sei die kreative Szene sehr ausgeprägt. „Das ist hier sogar viel spannender als in Berlin. Wo kein Geld ist, entwickelt sich eben Kreativität.“ Mit einigen Lokal-Tipps für die nächsten Abende in der Tasche, verabschiede ich mich.

Kunstsinnige Tradition in der Arbeiterstadt

Es riecht nach Acrylfarbe. Im Treppenhaus ist reges Treiben. Pagenköpfe, Jutetaschen, Röhrenjeans und Wollmützen flitzen über die knarzenden Stufen. Das Haus ist ein sehr lebendiges Denkmal. Es beherbergt die 1845 gegründete Kunsthochschule „Glasgow School of Art“ und wurde ab 1897 in 14 Jahren von Charles Rennie Mackintosh, selbst Absolvent der Schule, errichtet. Der Architekt und Designer gilt als berühmtester Sohn der Stadt, die markante Glasgower Ausprägung des Jugendstils wurde von ihm erschaffen. Namhafte Künstler unterrichten heute die 1.600 Studierenden. Einige davon führen als Nebenjob Besucher durch den über 100 Jahre alten Bau. Überraschend innovative Ausstattungsdetails entdeckt man in den Büros und Ateliers sowie beim Mobiliar – manche Ideen Mackintoshs blieben bis heute wegweisend. Die meisten Bauwerke seiner Bauwerke stehen in Glasgow und Umgebung. Im 71 Hektar großen Bellahouston Park im Süden der Stadt wurde erst in den 1990er-Jahren das „House for an Art Lover“ nach Originalplänen realisiert. Sechs der Turner Prize-Gewinner der letzten Jahre kamen aus Glasgow oder wirkten zumindest in der Stadt.

Historische Monumente des Wohlstands


Den Wohlstand, den die Industrie und der Handel bis zum Ersten Weltkrieg mit sich brachten, erahnt man heute noch in der Stadt - wenn man sich auf Entdeckertour macht und die viktorianischen Architekturschätze in rotem und gelbem Sandstein entdeckt. Unter den wohlhabenden Industriellen waren Mäzene, die spektakuläre Architektur, Parks, Bibliotheken und Museen finanzierten. So wurde die Teppichfabrik Templeton, deren Bau dem Dogenpalast in Venedig nachempfunden ist, zu einer der bekanntesten Ansichten Glasgows. Dem früheren Wohlstand ist auch die große Anzahl an renommierten Galerien in der Stadt zu verdanken. Die Burrell Collection, eine Kunstsammlung mit 8.500 Exponaten, die vom namensgebenden Sammler an seine Heimatstadt vermacht wurde, ist ebenso sehenswert wie das Kelvingrove Museum mit seiner sehr innovativen Präsentation der Werke. Fast alle Museen in Glasgow verlangen keinen Eintritt, was dazu führt, dass diese rege besucht werden und es an Wochenenden mitunter recht lebhaft zugeht.

Shoppen für Vintage-Fans und kulinarische Vielfalt

Glasgows Innenstadtbereich ist schachbrettartig an-gelegt, am Ende vieler Straßen erblickt man ein imposantes Gebäude. Besonders im Viertel Merchant City gibt es viele sehenswerte Adressen – aber zwischendrin auch immer wieder Baulücken. Vintage-Fans zieht es eher ins Westend, wo sich in den Boutiquen Schnäppchenjäger und Fashionistas treffen. Auch junge Designer sind in diesem Viertel mittlerweile zunehmend mit eigenen Läden präsent. Am Wochenende findet östlich vom Gallowgate ein Trödelmarkt statt, der Barras Market. Hier bekommt man so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann – von schlecht gefälschten Markenartikeln bis hin zu unverzollten Zigaretten; auf jeden Fall ein besonderes Einkaufserlebnis.

Von der bewegten Geschichte der Stadt profitiert Glasgow auch kulinarisch: viele Einflüsse der Länderküchen des British Empire finden sich bis heute in den Kochtöpfen. Seafood, Schottisches, Indisches und natürlich Fish and Chips – die Auswahl ist groß und Fusion Cuisine erlebt man dann, wenn das Curry beim Inder im Schottenrock serviert wird. Unbedingt zu einem Glasgow-Besuch gehört ein opulenter Afternoon-Tea. Den nimmt man am besten in einer der dafür bekannten Adressen in der Innenstadt ein, etwa in der Cup Tea Lounge. Beim Tee wählt man aus rund 40 Sorten und dazu schlemmt man sich genussvoll durch eine der mit warmen Scones, Sandwiches und Köstlichem aus der Pâtisserie schwer beladenen Etageren.

Talentschmieden junger Musiker


Glasgow trägt nicht ohne Stolz den Titel „UNESCO City of Music“. Musiker wie Franz Ferdinand, Oasis und Amy Macdonald haben hier ihre Wurzeln. In Clubs wie dem Stereo oder dem King Tut’s gibt es ein ambitioniertes Booking, das für erfrischend neue musikalische Erlebnisse sorgt. Von hier aus startet man in das abwechslungsreiche Nachtleben. An den vier Universitäten der Stadt gibt es 72.000 Studierende, die in den Pubs, Cocktail-Bars und Clubs Erfrischung nach allzu trockener Hörsaal-Luft suchen. Die schwul-lesbische Szene besteht aus etwa einem Dutzend Locations, von der familiären Kneipe „The Waterloo“ bis zur stylishen „Polo Lounge“. Typisch ist der erzwungene Locationwechsel: um Mitternacht wird man aus den Pubs in die Clubs vertrieben, bevor man sich dann nach deren Schließung um kurz nach 3 Uhr kollektiv im Fastfood-Lokal wiederfindet. Aktuell gibt es allerdings Bestrebungen, die starren Vorgaben für die Gastronomen zu lockern, um das damit verbundene Kampftrinken einzudämmen.

Wer Erholung braucht vom Dschungel der Stadt, der ist schnell in der spektakulären Landschaft der Umgebung. Ein Glasgow-Aufenthalt lässt sich daher gut mit Touren in den Highlands oder an der Küste kombinieren. Wenn dafür Zeit bleibt, denn die Stadt bietet Besuchern mit Lust auf Endeckungen Vieles. Dabei charmiert Glasgow nicht mit malerischen Kulissen allerorten - ihre Reize zeigt die Stadt auf den zweiten Blick.

Anreise: Lufthansa fliegt sechsmal pro Woche von Düsseldorf nach Glasgow, www.lufthansa.com

Übernachtung: In Glasgow gibt es Hotels aller Preisklassen. Eine gute Alternativen sind die zahlreichen Bed & Break-fasts, die meist zentral gelegen sind. Die kleine niederländische Hotelkette „CitizenM“ mit günstigen Preisen und designorientierter Ausstattung hat 2010 ein Haus in Glasgow eröffnet. www.citizenm.com  

Mehr Infos: Informationen zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt finden sich unter www.seeglasgow.com, Ausflug-stipps gibt es unter www.visitscotland.com