Southern Decadence: Alles, nur nicht normal

20.11.2013
 
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„New Orleans is not the US“, stellt der Barkeeper nicht ohne Stolz, aber mit dennoch unbewegter Miene fest und platziert den Aschenbecher auf der Theke. Das ist offensichtlich, denn hier wird geschmaucht, was das Zeug hält, und vor den Fenstern ziehen Menschenmassen vorbei, in denen Menschen ohne Bier in der Hand die Ausnahme bilden. Ein für die USA ganz untypisches Bild, werden solche Szenen in den meisten Staaten doch per Gesetz unmöglich gemacht. Willkommen in New Orleans! Von Michael Noghero



Es ist der Donnerstag vor dem Labor-Day-Wochenende. Der seit rund 120 Jahren als „Tag der Arbeit“ begangene Feiertag am ersten Montag im September markiert für die Amerikaner das Ende der Sommer-Reisezeit. An diesem letzten langen Sommerwochenende sind Strände und Ausflugsziele noch einmal überlaufen, alles ist auf den Beinen. New Orleans wird an diesem Wochenende akustisch beherrscht von gesäuselten bis zu gegrölten „Happy Decadence“-Rufen. Deren Geschichte ist deutlich jünger als die des Labor Days und sie beginnt 1972 mit einer kleinen privaten Mottoparty.

Den rund 50 Gästen war auferlegt, sich der Optik ihres Lieblingscharakters unter den bekanntesten dekadenten Südstaatenbewohnern anzupassen. Die Party muss dem Vernehmen nach gut gewesen sein. Es erstaunt dann aber doch, wenn man sich unter den älteren Gästen einer Schwulen-Bar in New Orleans umhört, wie viele bei diesem kleinen gesellschaftlichen Ereignis dabei gewesen sein wollen. Fakt ist, dass die Party ein Jahr später eine Neuauflage erfuhr. Zu den nachgeahmten Charakteren gehörten Belle Watling, die Bordellbetreiberin aus „Vom Winde verweht“, die Südstaatenschönheit und Miss America Mary Ann Mobley oder Schauspielerin Tallulah Bankhead. Mit den Kostümen wurde zuerst in einer Bar im French Quarter renommiert, danach ging es über die breite Esplanade Avenue heimwärts – die Idee einer Parade war geboren. 1974 wurde der erste „Grand Marshal“ eingesetzt, eine Art Zeremonienmeister der Veranstaltung. „Schwul“ wurde die Veranstaltung erst 1981, als sie in die Golden Lantern Bar umzog.

Epizentrum der Schwulenszene? Natürlich das verluderte French Quarter

Heute kommen zu dem mehrtägigen Festival „Southern Decadence“ über 150.000 Besucher. Die Kreuzung von Bourbon Street und St. Ann Street im French Quarter ist das Epizentrum des fünftägigen Events. Das gitterförmig angelegte Viertel, das vom Mississippi bis zur Esplanade Avenue und zur Rampart Street reicht, stammt noch aus der französischen und spanischen Zeit der Stadt. Die Bourbon Street ist ganzjährig Partymeile und sehr touristisch. Table-Dance-Lokale reihen sich an Bars und Souvenirläden. New Orleans profitiert von den lockeren Gesetzen im Staat Louisiana und lockt damit beispielsweise Besucher aus dem benachbarten Texas an, die hier das genießen, was sie zuhause nicht dürfen – oder was sich zumindest nicht ziemt. Im French Quarter, das auch „Vieux Carré“ genannt wird, und den angrenzenden Straßen liegen viele der schwul-lesbischen Locations der Stadt.

Während „Southern Decadence“ ist hier aber alles „gayfriendly“. Schließlich hat die Stadt errechnet, dass das Event 180 Millionen US-Dollar in die Kassen der lokalen Wirtschaft bringt – das ist ein überzeugendes Argument für die Gastronomen, die sonst außer Rand und Band geratene College-Absolventen bewirten. Southern Decadence fällt in die wärmste zugleich und niederschlagsreichste Zeit des Jahres. Meist ist es drückend schwül, und eine kalte Dusche entfaltet nur für kurze Zeit ihre erfrischende Wirkung. In den Pools der Hotels suchen die Partypeople dicht gedrängt Abkühlung. Gut, dass im French Quarter ausreichend angenehme Logenplätze geboten sind. Die kunstvollen schmiedeeisernen Balkone im Viertel bieten Aussicht auf das bunte Volk auf den Straßen und zudem einen angenehmen Luftzug.

Den gibt es nicht ganz gratis: Lokale in bester Party-Lage, wie der Bourbon Pub, verlangen Eintritt, VIP-Pässe sollen den Zugang zu den besonders aussichtsreichen Plätzen garantieren. Das Southern-Decadence-Festival ist heute professioneller denn je Was mit einer privaten Mottoparty begann, ist heute durchgängig professionalisiert: Von oben erkennt man, dass die Straßen einheitlich in den „offiziellen“ drei Festival-Farben des Jahres geschmückt sind. Natürlich darf auch der offizielle Song nicht fehlen, der meist den Dancefloor-Top 10 entliehen ist, sowie ein Motto, welches den Entertainemt-Charakter der Veranstaltung unterstreicht, beispielsweise „Decadence Does Disco“ oder „Live, Laugh and Love“.

Southern Decadence ist nicht die Bühne für politische Botschaften

2003 strengten konservative und religiöse Gruppen wegen angeblicher sexueller Handlungen eine Petition gegen das Festival an. Auslöser war der dem Mardi Gras entstammende Brauch des „balcony bead toss“. Dabei exponieren sich meist leicht bekleidete Menschen in eher eindeutigen Posen und bekommen dafür funkelndes Plastik-Geschmeide zugeworfen. Hoteliers und Gastronomen setzten sich natürlich für das Festival ein und die Polizei macht jetzt mit Aushängen klar, was sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit wirklich sind. Sicherheitshalber werden die Balkongeländer der Bars und Clubs aber mit Planen abgehängt, falls es auf den Logenplätzen doch nicht ganz keusch zugeht. Damit die Party nicht gestört wird, sind politische oder religiöse Botschaften zwischen Sonnen-Auf- und Untergang mittlerweile sogar per Verordnung verboten.

New Orleans ist bekannt für seinen Karneval, der am Mardi Gras, dem Faschingsdienstag, mit einer spektakulären Parade zum Höhepunkt kommt. Programmatisch sehr ähnlich ist die Southern-Decadence-Parade, die mit viel Livemusik daran erinnert, dass man in der Heimatstadt von Louis Armstrong ist. Die Kostüme sind natürlich schriller, bunter und glitzernder als beim Karneval. Und häufig auch knapper – schließlich herrscht tropisches Klima. Die Konfrontation mit (fast) nackten Tatsachen bleibt also meist nicht aus. Southern Decadence ist nicht nur ein Ziel für Gäste aus den USA, Kanada und Südamerika.

Auch die Partylöwen aus Europa haben das Event entdeckt

Mittlerweile sind es auch viele Feierwütige aus Europa, die zu den über 100 Veranstaltungen kommen. Zwar gibt es darunter auch Stadtführungen durch das schwule New Orleans und Auftritte von Künstlern auf Open-Air- Bühnen im French Quarter – das leichte Amüsement steht allerdings im Vordergrund und so wartet jede Location mit unterschiedlichsten Wettbewerben, Strip-Shows und Happy Hours auf – die Schnäppchenjagd nach günstigen Getränken hat aber durchaus ihre Tücken, da sie nicht selten schon um 9 Uhr morgens beginnt. In New Orleans ist man im ausgiebigen Feiern jedoch bestens geübt: neben Karneval bieten dafür auch die Parade an Ostern, die Halloween-Parties und natürlich der Pride Gelegenheit.

Anreise. American Airlines fliegt täglich von Düsseldorf über Chicago nach New Orleans, ab ca. 700 Euro bei rechtzeitiger Buchung, www.aa.com!

Weitere Infos. Die Seite des Magazins „Ambush Mag“ bietet Party-Termine und Informationen zu den Gay-Bars und -Clubs in New Orleans und Louisiana: www.ambushmag.com. Die offizielle Southern-Decadence-Seite www.southerndecadence.com listet unter anderem die Terminen des Party-Festivals auf. In New orleans findet auch ein Gay Pride statt, er ist allerdings kleiner als das international bekannte Southern Decadence-Festival: www.gayprideneworleans.com. Das Fremdenverkehrsamt der Stadt informiert online auf der Website www.neworleanscvb.com/visit