Flanderns sündige Babylons

28.12.2013
 
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Belgiens beste Stücke: Liberal und hypermodern, selbstbewusst und nachtverliebt. Antwerpen und Brüssel sind in Europas Gay-Partyszene unaufhaltsam auf dem Vormarsch und schon aus guter alter Tradition offen für alles Neue.



Eines mal gleich vorweg: Das mit dem Schattendasein gegenüber dem einst übermächtigen Nachbarn Niederlande ist in Flandern schon längst kalter Kaffee. Früher, ja früher, da sind Heerscharen von Schwulen ins Homo-Mekka Amsterdam gepilgert, haben sich mehr oder weniger offen in den schon nicht mehr zu zählenden Coffee-Shops ihre Zigaretten mit allem drum und dran liebevoll zusammengekleistert und sich anschließend auf den Straßen, Plätzen und in den Bars die Männer schön gesoffen. Das war manchmal echt eklig und gewöhnungsbedürftig, aber auch echt großartig, und bedauerlicherweise inzwischen auch Vergangenheit. Aus und vorbei. Denn die Stadtverwaltung hat dem exzessiven Treiben der Schwulen ein Ende gesetzt. Strenge Auflagen, verbunden mit einer konservativeren Stadtpolitik, stehen heute auf der kommunalen Agenda und verwandelten die Amsterdamer Szene in einen traurigen Ort der Tristesse. Das kann und darf man so sagen. Sagen sogar die, die dort wohnen. Wie gut, dass sich andere Städte im Beneluxraum in eine andere Richtung bewegten.

Antwerpen zum Beispiel. Gut, liberal und weltoffen war man hier schon immer. Schließlich war man schon im Mittelalter Welthandelsmetropole und huldigte dem Liberalismus wie einer Staatsreligion. Aber Belgien an sich galt auf der anderen Seite immer als recht katholisch und spießig, nuschelten einst so manche Bewegungsschwestern gehässig nach dem x-ten belgischen Bier. Und heute? Heute steht das Land gemeinsam mit den Niederlanden und Spanien an der Spitze der internationalen Homopolitik. Die „Homo-Ehe“ ist voll und ganz durchgesetzt, kein rechtspolitischer Flickenteppich wie in Deutschland. Und ohne Unterstützung oder zumindest Billigung der Bevölkerung geht so etwas bekanntlich auch nicht über die Bühne. Sogar die flämischen Christdemokraten plädierten für das Adoptionsrecht lesbischer und schwuler Paare. Das sollen die Konservativen in anderen Ländern erst einmal nachmachen …

Unweit des Diamantenviertels wird in den Schwulenbars kräftig gefeiert 

Und Schwulenpartys feiern sie in diesem adretten Teil Europas auch fleißig. So liegt in Antwerpen in der Nähe des Hauptbahnhofs nicht nur das weltbekannte Diamantenviertel. Also da, wo fesche Diamantenbürschchen mal eben ein 200.000-Euro-hast-du-nicht-gesehen-Collier diskret über die vergoldete Theke schieben. Der Traum einer jeden Luxus-Schwuppe, aber das ist jetzt ein anderes Thema. Nein, hier im Diamanten- und Judenviertel hat sich auch ein Teil der Schwulenszene eingerichtet. Auf der Schoohovenstraat zum Beispiel, wo es regelmäßig so hoch hergeht, dass Samstag nachts stinkende Sturzbäche die Straße runterkommen, soviel wird da in den Bars und Kneipen gebechert und auch gleich in der Seitengasse wieder rausgelassen, weil an ein Betreten der überquellenden Bars nicht mehr zu denken ist. Rheinische Frohnaturen, die die fünfte Jahreszeit für die schönste im Jahr halten, geraten da ins helle Entzücken ob des aufkommenden Heimatgefühls.

Für Ludo Smits dagegen ist das Bahnhofsviertel nicht unbedingt ein Ort zum Wohlfühlen und Verweilen. Er ist so was wie die noble Personifikation der Antwerpener Partyszene. Ihm gehört die seit Ewigkeiten sensationell laufende Gay-Disco „Red and Blue“ in der Nähe des Hafens. Das Ding brummt. Und während in Köln das „Lulu“ und in Amsterdam das „It“ ihre Lichter für immer und ewig ausknipsten und in allen übrigen Schwulenszenen Europas mittlerweile das hohe Lied der Gay-Partys in wechselnden Hetero-Dissen bis zum Krächzen gesungen wird, ist sein Tanztempel so etwas wie ein Fels in der schnelllebigen Schwulen-Szenen-Brandung: „Wer nach Antwerpen kommt, hat bei uns am Samstagnacht eine sichere Anlaufstelle. Unser Club ist dann immer brechend voll.“

Die hektische Suche nach dem place-to-be entfällt am Samstagabend

Ludo ist da stolz drauf. Kann er auch. Sagen jedenfalls die schwulen Touristen aus Deutschland, Holland und Nordfrankreich. Die stressige Suche nach der angesagtesten Schwulenparty im Terminkalender des örtlichen Stadtmagazins kann man sich sparen, hört man allenthalben. Man weiß, wo man hingehen kann - ohne mit dem Barkeeper über die glorreichen Nächte vergangener Jahre zu schwadronieren. Das alles weiß Ludo auch, er möchte jetzt aber nicht weiter in triefendes Eigenlob verfallen. Das ist ihm fremd. Er sitzt für einen Moment schweigend an der Bar in seinem Club. Er tut das mit einem derart dezenten Habitus, als sei er von dem Maler Peter Paul Rubens (1577-1640) in seine eigene Bar hineingemalt worden, von dem man sich übrigens am besten ein eigenes Bild macht, in dem man das wunderschöne Rubenshaus auf der Wapper besucht, in dem der berühmteste Einwohner der Stadt einst wohnte und arbeitete.

Aber das „Red and Blue“ ist nicht alles in Antwerpen – wenn auch das Größte! Rund zehn Minuten Fußmarsch entfernt ist eine andere Stadtlegende beheimatet: Das „Boots“. Auf mehreren Etagen vergnügen sich hier in düsteren Gängen und Ecken Leder-, Fetisch-, Army- und – wenn der Türsteher gut gelaunt ist – Jeanskerle aus dem gesamten Beneluxraum. Slings, Käfige und Andreaskreuze sorgen für ein den Phantasien der Gäste entsprechendes und ansprechendes Ambiente. Gemächlich geht es am Freitagabend hier zu. Unten, an der Bar: Alte Haudegen mit ihren arg dünnen und zerzausten Haaren, viel zu engem Gummihemd, trockenem Husten, feuchten Augen, die auf den Postern der „Tom-of-Finland“-Serie an den Wänden ruhen. Oben, auf dem dunklen Gang: Muskulöse Dreißiger, die, je später die Nacht, desto anspruchsloser die umherwildernde Schar der willigen Diener in Leder begutachten. Gegen fünf Uhr morgens trifft man dann Leute wie Francois aus Lille, der kurz zuvor die Bekanntschaft mit einem „wirklich bösen Kerl“ gemacht hat (er zeigt auf einen winzigen blauen Fleck am Arm, beim dritten Hingucken dann doch zu erkennen) und darauf erst einmal einen doppelten Wodka ordert. So böse kann der Kerl wohl nicht gewesen sein, zu breit ist das süffisante Grinsen in seinem tief durchfurchten und übernächtigten Gesicht. Ob er im übrigen bitte den Rest meines noch zu einem Drittel mit Wodka-Red-Bull gefüllten Glas austrinken dürfe. Leuten wie Francois schlägt man ungern etwas ab.

Brüssel und Antwerpen - das ist wie Berlin und Köln

Nur rund 40 Kilometer weiter südlich schlägt das Herz der belgischen Hauptstadt Brüssel – für den Schwulen von Welt ideal gelegen, um beiden Städten an einem Wochenende einen Besuch abzustatten. Eines muss man allerdings wissen: In den Antwerpener und Brüsseler Schwulenszenen beobachtet man sich jeweils mit Argusaugen, auch wenn das natürlich keine Bewegungsschwester offen ausplaudert. Wenn man so will, ist das wie zwischen Köln und Berlin in Deutschland. Obwohl Antwerpen nur rund die Hälfte der Einwohnerzahl Brüssels (eine Million) aufzuweisen hat, denkt man gar nicht daran, in die zweite Reihe zurückzutreten. So hatte sich die Stadt an der Schelde mit Verve und tatkräftiger Unterstützung der Stadtspitze die Eurogames 2007 und die Outgames 2013 gesichert. „Da guckst du, Brüssel“ glucksten klammheimlich die euphorischen Antwerpener Homo-Verbandsvertreter seinerzeit nach der Vergabe der Spiele. Und selbst um den heiligsten aller heiligen Tage, dem „Belgian Lesbian and Gay Pride“, verdüsterte sich vor ein paar Jahren der Himmel zwischen den beiden Gay-Metropolen. Da wollten doch tatsächlich die Antwerpener den Hauptstädtern das größte Homo-Festival vor der Nase wegschnappen und es ihrer Stadt einverleiben! Und das nur, weil es in Brüssel kleine „Probleemchen“ mit dem Termin gab. Doch in Brüssel kriegte man blitzschnell die Kurve … mittlerweile feiert Antwerpen seinen eigenen CSD.

Wer in dieser Zeit – oder natürlich auch zu einer anderen – nach Brüssel kommt, darf um einige großartige Szene-Lokalitäten keinen Bogen machen. Zur Stärkung ins Nachtleben bieten sich gleich zwei hervorragend geführte Gay-Restaurants an: Das „Duplex.Le“ (Oud Lorenhuis 24-26), mit äußerst empfehlenswerten hausgemachten Gulasch (Hmmm...) auf der Speisekarte und kernigen Kerlen an der Theke sowie das edel-schick daherkommende „Boys Boudoir“ (Kolenmarkt 32) mit smarten Kellnern aus dem Bilderbuch. Schließlich isst das Auge ja mit – und zwar nicht nur auf dem Teller ...

Ein Besuch bei "Madam" ist ein Muss 

Wer es ordinär und schrill mag, marschiert anschließend schnurstracks in die Lievevrouwbroersstraat 7, ins „Chez Maman“. Das ist gleich um die Ecke. Brüssel gehört nämlich zu jenen illustren Städten, in denen man das Auto zu Hause lassen kann, und so ziemlich jede Szene-Einrichtung innerhalb eines angenehmen Zeitkorridors zu Fuß erreicht. Die inoffizielle Schwulenmutti der Stadt, „Madam Maman“, begrüßt bei guter Laune ihre Gäste sogar persönlich an der Garderobe. Und dabei braucht man nicht zu schüchtern gegenüber der Grande Dame sein! Ein kokett gehauchtes „Bon Soir, Madame“ wird von ihr stets mit einem charmanten Begrüßungslächeln goutiert. Vor ein Uhr sollte man ihr aber nicht die Ehre erweisen, denn das könnte einem den Abend versäuern. Es sei denn, man verweilt gern allein mit den zugegebenermaßen adretten Kellnern ...

Anschließend muss man sich gut überlegen, wohin die schwule Reise führt. Mindestens einmal im Monat, meist vor Feiertagen, findet Belgiens größte Gay-Party, die „La Demence“ statt. Kommt man aus Nordrhein-Westfalen und hat sich fest vorgenommen, einen Abend ohne die vertrauten Gesichter aus der Heimat zu verbringen, droht Ungemach ungeahnten Ausmaßes. Denn spätestens um 23 Uhr rollen in schöner Regelmäßigkeit die Reisebusse mit den bekannten Partyheuschrecken aus Köln an – übrigens auch aus Paris, Lille und Amsterdam. Dann ist die „La Demence“ fest in der Hand des harten „Ich-lasse-keine-Party-in-Europa-aus“-Kerns. Lustig und amüsant ist so eine Nacht aber allemal – auf drei Ebenen vergnügen sich mehr als 2.500 Schwule aus ganz Benelux und Deutschland bis zum Mittag des nächsten Tages. Wo gibt es das schon sonst?

Anreise. Von Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten zahlreiche Fluggesellschaften direkte Verbindungen nach Brüssel an. So bedient die nationale Airline SN Brussels Airline (www.flysn.com) mehrmals täglich die Flughäfen München, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Wien, Basel, Genf und Zürich. Ab Köln erreicht man Brüssel am günstigsten und zeitsparendsten auf direktem Weg mit dem komfortablen Thalys (www.thalys.com).

Infos. Touristische Infos im Internet über Flandern unter www.flandern.com und beim
Tourismusbüro Flandern-Brüssel, Cäcilienstr. 46, 50667 Köln, Tel.: 0221-270 97 70 und per E-Mail an info@flandern.com