Prag unter dem Regenbogen

16.03.2014
 
  • Prag unter dem Regenbogen
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Schau mal einer an: Von allen Ländern des Warschauer Paktes hat sich die Tschechische Republik am fortschrittlichsten entwickelt. Die Hauptstadt Prag lockt heute mit der lebendigsten Lesben- und Schwulenszene des Ostens. Und auch der Prague Pride verzückt jährliche Mitte August viele Touristen aus dem Ausland.




„In die Stadt?“, fragt der Fahrer am Prager Flughafen, ohne dass man außer einem „Guten Abend“ auch nur ein einziges Wort von sich gibt. Man antwortet mit einem kurzen Nicken, sagt „ins Intercontinental Hotel“, und schon braust der Fahrer davon. Im Reiseführer stand etwas davon, dass die Fahrt nur rund 20 Minuten dauern würde und dass man auf den Weg vom Flughafen ins Zentrum von den Straßen- und Häuserzügen möglicherweise enttäuscht sein könnte. Der Hinweis ist angebracht: Vorbei geht es an Häuserblöcken, wie sie einem zuhauf in Berlin-Marzahn oder Köln-Chorweiler begegnen. Liebe auf den ersten Blick, nein, den Gefallen tut Prag einem hier nicht. Aber schon nach 15 Minuten, es geht einen Berg hinunter, wird man für das anfänglich gebotene architektonische Ungemach entschädigt: Prags Silhouette erscheint plötzlich wie ein Dornröschen, das aus dem Winterschlaf erwacht und sich dem Besucher mit ganzer Schönheit offenbart. Immer tiefer rattert man in die Stadt hinein, in eine enge Gasse der Altstadt, dreht eine Kurve, und schon ist man da. Vor dem Hotel flattert die Regenbogen-Fahne. Das Interncontinental Hotel ist eine der Sponsoren des Prager CSDs, und so zeigt man natürlich auch nach außen Flagge.

Es ist Donnerstagabend, der CSD in Prag marschiert auf seinen Höhepunkt zu: Ein Wochenende lang feiert Prags, ach was, Tschechiens Szene ihr großes Festival. Fast 100 soziale, kulturelle und sportliche Events stehen in der gesamten Woche auf dem Programm. Im Fokus des Prague Pride 2013 ist das Coming Out. Denn, so ließen es die Veranstalter wissen: „Man selbst zu sein, sich nicht verleugnen oder verstecken zu müssen, ist für viele Lesben und Schwule in der Tschechischen Republik nach wie vor ein Problem.“ Das Thema werde sich in anderen Events widerspiegeln, wie in Meetings zur Frage des Coming Out für Senioren, für HIV-positive Menschen und für Hörbehinderte. Auch gibt es 2013 zum ersten Mal im Verlauf der Pridewoche neben dem Tschechischen Nationaltheater eine Pride Piazetta, die als Veranstaltungsort für zahlreiche Events tagsüber und abends dienen wird. Die Pride Piazetta soll ein Ort zum Treffen von Teilnehmern, Gästen und Organisatoren des Festivals sein und wird eine Bühne für eine Reihe an Performances, Showevents und Filmvorführungen sein; auch eine Silent Disco wird es geben. Gezeigt wird hier zudem eine Fotoausstellung über das Coming Out mit Porträts von Schwulen und Lesben in verschiedenen Lebensumfeldern und jenen Personen, denen gegenüber sie sich geoutet haben.

Die meisten Touristen aber, und das ist nicht anders als in vielen anderen Städten Europas, interessieren sich vor allem für das Hauptwochenende, an dem die Parade und viele Partys gefeiert werden. Aus Deutschland besuchen viele Besucher aus Sachsen und Bayern die Stadt; je nach Entfernung sind sie in zwei oder drei Stunden in Prag, der EC aus Berlin benötigt 4:41 Stunden. Und da der Prague Pride erst Mitte August gefeiert wird, zu einem Zeitpunkt also, an dem die meisten CSDs in Deutschland bereits abgefeiert sind, ist die Stadt ein wunderbar Termin-konkurrenzloses Event, um die CSD-Saison ausklingen zu lassen. „Wir freuen uns natürlich sehr darüber, dass immer mehr Deutsche zum CSD nach Prag kommen“, sagt Willem van der Bas, eine der Organisatoren des CSDs in Prag. Und in der Tat: Wer abends einen diskreten Blick auf Grindr wirft, erkennt: Rund ein Drittel der Suchenden kommt aus Deutschland …

Einer der beliebtesten und alteingessensten Clubs in der Prager Szene ist der „Friends Club“ (Bartolomějská 11). Am Freitag, der Nacht vor der Parade, ist es hier zum Bersten gefüllt. Junge und junggebliebene Schwule, aber auch viele Lesben, tanzen und feiern ausgelassen zu aktuellen Chartssongs. Songs von Lady Gaga röhren aus den Boxen, aber auch die von Katy Perry und Pitbull. Der Alkohol fließt in Strömen, das Thekenpersonal hat alle Mühe, die Gäste zügig zu bedienen. Für Touristen aus Westeuropa lohnt sich das Warten durchaus, die Drinks sind spottbillig: ein Campari-Orange kostet umgerechnet 3,20 Euro, ein Caipirinha 3,50 Euro und ein 0,3-Liter großes Budweiser-Bier einen Euro; der Eintritt in den Club ist frei. „Heute wollen wir nicht zu lange feiern. Morgen startet die Parade ja schon um 12 Uhr, da wollen wir fit sein“, sagt Petro, ein 22-jähriger Student, der mit seinen zwei lesbischen Freundinnen zu Gast ist. Das scheint sich herumgesprochen zu haben, denn gegen 3 Uhr brechen auffällig viele Gäste auf.

Als man am nächsten Tag gegen 13 Uhr am Ständetheater am Ovocný trh auftaucht, dort also, wo die Parade um 14 Uhr losmarschiert, haben sich schon Hunderte Lesben und Schwule eingefunden. Mehrere Paradewagen stehen in Reih und Glied parat, es wird Sekt getrunken und getanzt. Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz verteilen Kondome und leisten Aufklärungsarbeit, und am Straßenrand warten schon die Zuschauer ungeduldig mit ihrer Kamera in der Hand. Als die Parade schließlich mit rund einem Dutzend Paradewagen und vielen Fußgruppen loszieht, haben sich Zehntausende auf den Straßen eingefunden. Lang ist die Parade nicht, nach rund zwei Stunden ist schon alles vorbei; die Teilnehmer und Zuschauer marschieren hoch zum Letná-Park, wo ein Festival mit zwei Bühnen geboten wird.

Als man dort oben ankommt, ist man überrascht: Der Park ist riesig, Tausende Schwule, Lesben, aber auch überraschend viele Heteros feiern auf dem Areal. Von einem Wagen der Feuerwehr wird unter lautem Gejohle Wasser auf die Besucher gespritzt; es ist sengend heiß, 32 Grad zeigt das Thermometer an. Allerdings ist das Interesse der Besucher ungleich verteilt: Während sich vor der riesigen Bühne, auf der Bands Rock- und Indierock-Musik spielen, nur ein paar Dutzend Zuschauer versammeln, ist der Andrang auf dem Open-Air-Dancefloor gigantisch. Hier wird das gespielt, was die Masse der Schwulen hören möchte: House Music only. Viele tanzen oben ohne, Alkohol und die eine oder andere bunte Pille machen die Runde. Wer eine Pause machen möchte, zieht sich auf die angrenzenden Wiesen zurück, der Park ähnelt dem Tiergarten in Berlin.

Als man abends erschöpft im Hotel landet, stellt sich die Frage: Schlafen oder weiterfeiern? Der Blick auf das Abendprogramm in der Szene verspricht Spannendes: Fast jeder Club lädt zur After-Pride-Party ein. Die sollte man nutzen, denn am Sonntag – und das ist das einzige Manko des Prague-Pride-Festivals – ist alles vorbei.

Anreise. Germanwings und Czech Airlines fliegen von vielen Städten in Deutschland nonstop nach Prag, www.germanwings.de & www.czechairlines.de. Von Dresden, Leipzig und Berlin empfiehlt sich die Anreise mit der Bahn, www.bahn.de.

Unterkunft. Hotel Intercontinental, Pařížská 30, 110 00 Praha, Tel. +420 296 631 111, DZ ab ca. 150 Euro pro Nacht, www.icprague.com/de.

Prague Pride. Der Prague Pride 2014 findet vom 11. bis 17. August dieses Jahres statt. Informationen zum Termin und zum Programm finden sich auf der Website www.praguepride.cz