Reif für die Party-Insel

04.04.2014
 
  • Reif für die Party-Insel
  • Reif für die Party-Insel
 
Gran Canaria

Seit Jahrzehnten ist Gran Canaria ein Schwulen-Hotspot - früher versteckt in den Dünen, heute sichtbar wie der Leuchtturm von Maspalomas. Besonders schillernd leuchtet der Regenbogen über der kanarischen Insel, wenn einmal im Jahr der Maspalomas Pride gefeiert wird. Mitte Mai ist es wieder so weit … 



Eigentlich erstaunlich, welche Attraktivität von einem so in die Jahre gekommenen Vergnügungscenter noch ausgeht. Kolossal und saturiert liegt es in der Mittagssonne, das Yumbo Centrum in Playa del Ingles. Die besten Zeiten hat es schon lange hinter sich, an manchen Stellen verweisen letzte Flecken grüner und roter Farbe auf die Liesbesbekundungen anonymer Graffiti-Künstler. „Gay is cool“, „I love you“, „Party all night long“, solche Bonmots eben, die trotz ihrer Schlichtheit doch ganz gut beschreiben, wofür das Yumbo Centrum auch heute noch steht. Seit Jahrzehnten schon ist der Sündentempel im Herzen von Playa del Ingles der Dreh- und Angelpunkt der vergnügungssuchenden Schwulen aus ganz Europa. Manche sagen: Es hat sich nicht viel geändert in all den Jahren.

Früher, da tummelten sich in dem Center vor allem Deutsche und Engländer, hin und wieder auch ein paar Holländer und Skandinavier, das war es aber auch schon. Einigen von ihnen gefiel es so gut, dass sie immer wieder herkamen – und schließlich ganz auf der Insel blieben. Ton Pot ist einer von ihnen. Von 1996 an war der Holländer Dauergast auf der Insel, er jobbte sogar hier, im Café Latino, im Erdgeschoss des Yumbo Centrums. 2004 griff er zu, als sich die Chance bot, das Café zu übernehmen. Viel Geld hat er in den vergangenen Jahren investiert, um dem Café ein frisches Antlitz zu verpassen. Das ist ihm ganz gut gelungen, das Café ist abends gut besucht. Ach was, abends. Ab mittags sitzen dort die Schwulen, schlürfen ihren Kaffee, am Abend lieber ihren Cocktail, und genießen das quirlige Treiben in dem Yumbo Center.

Der Monat Mai ist nicht zufällig CSD-Zeit in Maspalomas

Besonders während des Gay-Pride-Festivals im Mai gibt es viel zu bestaunen. Dann ist nonstop Remmidemmi angesagt: Tausende Lesben, vor allem aber Schwule, fliegen mit den Charterfliegern im Stundentakt ein und feiern um die Wette CSD. Von Politik ist wenig bis gar nichts zu spüren. Von Ballermann-Flair dagegen viel. „Seit fünf Jahren ist zum CSD die Hölle los“, sagt Ton, als wir ihn am frühen Nachmittag in seinem Café treffen. Viele der Bar- und Clubbesitzer machen in der CSD-Woche mehr Umsatz als in einem ganzen Quartal, ist zu hören. Geschickt haben sich die CSD-Veranstalter den Monat Mai als Termin für das Lesben- und Schwulenspektakel ausgesucht. Sieht man einmal von dem meist verregneten CSD in Brüssel ab, gibt es zu diesem Zeitpunkt kein anderes Lesben- und Schwulenfestival in Europa. Vor mehr als 15 Jahren noch, da war das anders, da war der Karneval auf der Insel das Saison-Highlight für die Schwulen. „Heute kommen zum Karneval meist Heteros, auch ins Yumbo Centrum“, sagt Ton und blickt verträumt ins Nichts.

Der CSD, das noch relativ junge Event (vor 14 Jahren feierte man Premiere) entwickelte sich rasch zum Publikumsmagneten. Mittlerweile gilt der Maspalomas Pride als größte Veranstaltung der Kanarischen Inseln – rund 150.000 Zuschauer, davon geschätzte 80 Prozent aus Großbritannien und Deutschland, zählten die Veranstalter bei der CSD-Parade 2013. Ins Leben gerufen wurde der Maspalomas Pride von einigen schwulen Gastronomen aus - Deutschland und England. Das Fremdenverkehrsamt von Gran Canaria, das Patronato de Turismo, war von Anfang an im Boot und unterstützt das Event bis heute. Geboten wird den Gästen einiges: eine Vernissage hier, ein Galadinner dort, mittlerweile ist für jeden Besucher etwas dabei. Höhepunkte des Festivals sind die große Parade kreuz und quer durch Maspalomas und Playa del Ingles und die abendlichen Shows samt schrillem Transen-Wettbewerb im Yumbo Centrum.

Wer zeitig bucht, ist zum CSD im 2-Sterne-Hotel für 450 Euro dabei

Man übertreibt nicht, wenn man heute die These aufstellt: Das ganzjährig angenehme Wetter, die liberale Tradition der Inselbewohner und vor allem die für spanische Verhältnisse nahezu unschlagbar günstigen Preise haben Gran Canaria in den vergangenen Jahren auf den schwulen Tourismus-Thron Europas gehievt. Wer günstig bucht, ist zum Maspalomas Pride im 2-Sterne-Hotel mit Halbpension für rund 450 Euro dabei – Flug inklusive. Die meisten Hotelanlagen in Maspalomas und Playa del Ingles bewegen sich im 2- bis 4-Sterne-Segment - von der Optik her häufig zwischen Disneypalast und Plattenbausiedlung angesiedelt. Zwar gibt es mit dem schicken Boutique-Hotel Bohemia mittlerweile ein 5-Sterne-Hotel, das auch sehr gute Geschäfte im Eixample-Viertel von Barcelona machen würde, aber das ist die Ausnahme – noch.

Zu den jährlichen CSD-Besuchern gehören auch Tim (22), Jan (24) und Thomas (33). Gleich nebenan, im 2-Sterne-Hotel Buenos Aires, haben sie pauschal für zehn Tage eingebucht. Jedes Jahr treffen sich die drei Schwulen aus dem Rheinland und Norddeutschland zum CSD auf der Insel. Hin und wieder überzeugen sie ihre Freunde davon, doch mitzukommen. So auch dieses Jahr. Aber wo sind die Freunde? Die drei zucken mit den Schultern. „Vermutlich schlafen sie vor. Die letzte Nacht war anstrengend“, berichtet Tim schmunzelnd. Jans Begleitung wurde schon seit 24 Stunden nicht mehr gesehen. „Der hat da hinten, der Finger zeigt Richtung Bühne, jemanden kennengelernt. Irgendeinen Typen aus Manchester. Danach war er mit ihm weg.“ Beunruhigt scheint er nicht zu sein. „Ist halt ein Flittchen“, zischt er und ordert noch einen Caipirinha nach. Eben noch, vor zwei Stunden, hat er ihn online bei Grindr gesehen; es scheint also alles in Ordnung zu sein. Dass in der zum CSD zusammengeschusterten Clique jeder seine eigene Agenda verfolgt, stört ihn nicht: „Einmal im Jahr fahren wir gemeinsam her. Da will ich hier nicht als moralinsaure Tante auftreten. Soll er doch machen, was er will“, fährt er fort.

Sechs Bars bieten zum CSD einen Open-Air-Dancefloor

Thomas schweigt die meiste Zeit. Hin und wieder hört er zu, lächelt und nickt, dann ist er wieder gedankenversunken mit seinem Handy beschäftigt. Seit unserem Kennenlernen läuft auf seinem Handy die Grindr-App, immer wieder ertönt das Nachrichten-Eingangssignal. Die Bar sei sehr gut abends, sagt Thomas zwischendurch. Günstige Happy-Hour-Cocktails gibt es hier, und obendrein sei das W-Lan kostenlos. „Ich habe vergessen, eine Handy-Flat fürs Ausland zu buchen. Darum bietet sich die Bar an, weißt du?“. Wenige Minuten später ist er verschwunden. Hin zu den Beats. Seit 21 Uhr scheppern die Elektro-Sounds aus den Musikboxen. Lady-Gaga-, Rihanna-, und Swedish-House-Mafia-Remixe peitschen unablässig durch das Yumbo Centrum. Weiter hinten, in der Mitte des Yumbo Centrums, treten Drag Queens in einem Wettbewerb gegeneinander an. Viele Heteros schauen zu, die meisten von ihnen von den riesigen Balkonreihen auf der ersten und zweiten Etage.

Seit zwei Jahren bieten mehrere Bars im Untergeschoss zum CSD eine Alternative zum Bühnenprogramm: Jeden Abend heizt ein Live-DJ auf einem provisorischen Open-Air-Floor dem Publikum ein. Weil sechs Bar den Open-Air-Floor stemmen, sprechen alle im Yumbo Centrum nur noch vom „Sixpack“; das hat für die Besucher den Vorteil, dass sie in der Gasse, in der sich Bar an Bar reiht, nicht mehr von sechs verschiedenen Songs gleichzeitig zugedröhnt werden. Und auch die Bar-Betreiber freut es: „Das kommt sehr gut bei den Gästen an“, berichtet Luis Enriquez Blanco, Chef der Parrots-Bar. Luis und Parrots? Schwulen-Szene-Experten, die sich in Spanien auskennen wie in ihrer eigenen Westerntasche, dürften bei dem Wort-Duett die Ohren klingeln: Luis ist seit Jahren Chef des Parrots-Komplex in der katalonischen Homo-Hochburg Sitges. Seit nunmehr drei Jahren hat der umtriebige Geschäftsmann eine Dependance im Yumbo Center. „Gran Canaria hat bei Schwulen ein Riesenpotential“, sagt Luis. Mit Verve stürzt er sich jedes Jahr in die Organisation des CSDs auf der Insel. Dass mit dem Sixpack-Open-Air-DJ-Set war seine Idee. „Die Bühnenshow ist nicht jedermanns Sache. Da wollten wir für alle, die schon ab 21 Uhr tanzen wollen, eine Alternative bieten“, erläutert er. Und die kommt sehr gut an: Um Mitternacht ist die Gasse zum Bersten gefüllt, eine Durchquerung gerät zum Spießrutenlauf.

Ab 16 Uhr fließt in der Strand-Apo-Theke Hochprozentiges in Strömen

Szenewechsel: Die "Strand-Apo-Theke" am Strand von Maspalomas, rund 20 Fußminuten vom Gay-Beach entfernt, ist das, was man in Sölden oder Ischgl eine Après-Ski-Bar nennen würde: viel Schlager-Musik, viel Alkohol, viel Flirterei. Seit über 20 Jahren ist die für das betuliche Maspalomas eher ungewöhnliche Strandbar in den Händen von Margot und Roland, einem Hetero-Paar aus Süddeutschland. Für langjährige Gäste gehören die beiden zu Maspalomas wie der 200 Meter weiter wie ein Fels in der Brandung stehende Leuchtturm El Faro. In Swimwear und Badelatschen taucht das Gros der überwiegend schwulen Gäste ab 16 Uhr auf, wippt und schunkelt im Takt der Musik. Der hohe Alkoholpegel der Gäste wird mit der passenden Musik untermalt: „Anton aus Tirol“, „Viva Colonia“ und „Die Hände zum Himmel“, röhrt es aus den Musikboxen.

Wer Hunger hat, kann deftige deutsche Hausmannskost bestellen: „Bockwurst mit Brot für 2,80 €“, „Frikadelle mit Senf für 2 €“ oder eine „Linsensuppe mit Brot für 2,80 €“ steht in großen Lettern auf den Plakaten an der Theke. „Unsere Gäste mögen das. Die Würstchen kommen extra aus Bamberg. Die gute Qualität wissen unsere Gäste zu schätzen“, sagt Roland. Sogar der Senf kommt aus Deutschland. „Viele Stammgäste bringen uns sogar ein paar Tuben Düsseldorfer Senf mit“, berichtet er schmunzelnd, nicht ohne Stolz. Er sitzt am Ende der Theke, seine Ehefrau Margot flitzt bereits hinter der Theke von einer Ecke in die andere. Die meisten Gäste begrüßt sie mit Vornamen, nach dem Getränkewunsch fragt sie bei vielen schon gar nicht mehr; sie weiß, was sie trinken wollen. Zur Begrüßung bekommt jeder sowieso erst einmal einen „Orgasmus“ eingeschenkt, das ist ein süffiger Sahne-Rum-Schnaps. Kostenlos, der geht aufs Haus.

Das Credo der meisten Besucher: Sonne, Saufen, Sex

Es ist kein Geheimnis, dass Sonne, Sex und Saufen für viele Besucher das Urlaubsmotto ist. Der Tagesrhythmus ist immer gleich: bis 11 Uhr schlafen, um 12 Uhr zum Schwulenstrand nach Maspalomas oder an den Hotelpool, um 16 Uhr ins tantige Café Wien oder in die alkoholschwangere Strand-Apo-Theke, um 19 Uhr erholen und duschen, um 20 Uhr Abendessen, ab 22 Uhr ab in das Yumbo Centrum zur Party. Dort unterliegt das Nachtprogramm strengen Regeln: Bis ein Uhr verweilt man in den Cafés und Bars im Erdgeschoss, schlürft einen Cocktail und beobachtet den Laufsteg der Eitelkeiten, der im Minutentakt wie eine nicht enden wollende Karawane an den Bars vorbeizieht. Es wird gewunken und geküsst, aber auch getuschelt und gelästert, man kennt sich schließlich schon seit ein paar Tagen – und sei es nur vom Cruisen in den Dünen oder in den Darkrooms …

Wer ab 1 Uhr genug von den Bars und dem Sixpack-Open-Air-Floor im Untergeschoss hat, zieht weiter nach oben, vornehmlich auf den „Fleischbeschauungspfad“ - das ist ein circa 40 Meter langer Gang, der sich wie ein Quadrat entlang der Tanzbars auf der „Planta 2“-Ebene schlängelt. Aktuelle Videoclips laufen auf den Plasmabildschirmen der Tanzbars, die Musik ist lauter als im Untergeschoss und die Getränkepreise ziehen deutlich an. Für eine 0,33-Liter-Flasche Bier, die vor zehn Minuten im Untergeschoss noch 2,50 € kostete, zahlt man plötzlich gut und gerne 7 €. Einige Gäste wollen besonders gewitzt sein und bringen ihre Getränkegläser von unten mit. Doch da haben sie die Rechnung ohne die Wirte im Obergeschoss gemacht: Ein Security-Mitarbeiter achtet am Aufgang zur Treppe penibel darauf, dass keine flüssigen Mitbringsel den Weg nach oben finden.Peter (42), ein hochgewachsener 1,95-Meter-Hüne, hat vorgesorgt: „Wir haben vorher im Hotel schon ordentlich gebechert. Das reicht jetzt erst einmal. Wenn du aber hier oben noch etwas trinken willst, bestelle dir lieber einen Gin Tonic. Das Glas wird in der Regel randvoll mit Alkohol gefüllt, dazu bekommst du eine Flasche Tonic Water. Und das kostet fast genauso viel wie eine Flasche Bier“. Seine Clique hat sich mittlerweile aufgelöst. Die einen sind bereits im Hotel, die anderen im Gewühl verloren gegangen. „Macht nichts“, sagt Peter. „Man will ja auch ein bisschen unabhängig sein“, verrät er augenzwinkernd und verschwindet in der Masse. Die Nacht auf Gran Canaria ist jetzt, um drei Uhr in der Früh, noch lange nicht zu Ende.


Anreisen. Mit Ryanair gelangen Sonnenhungrige ab Bremen, Weeze (Niederrhein), Frankfurt-Hahn und Karlsruhe/Baden-Baden nach Gran Canaria: www.ryanair.de! Da Gran Canaria ein klassisches Pauschalurlauberziel ist, empfiehlt es sich, die Reise bei einem Veranstalter oder in einem Reisebüro zu buchen, zum Beispiel bei Teddy Travel: http://koeln.teddy-travel.de/

Übernachten. Das Hotel Bohemia ist die perfekte Unterkunft für alle, die stilvoll und zentral untergebracht sein wollen. Das 8-stöckige Boutique-Hotel zählt 67 Zimmer, davon 29 Suiten. Das Farbkonzept der Zimmer und Suiten in Gelb, Purpur und Terracotta ist harmonisch auf die Inneneinrichtung aus Parkett und Olivenholzmöbeln abgestimmt. Die Zimmer bieten Bad mit Regendusche und separater Toilette, Bademäntel, Föhn, Telefon, Gratis-W-Lan, Klimaanlage, Apple-iMac- und iPod-Dockingstation, Radio, TV, Safe (kostenfrei) und Minibar. Bis zum Yumbo Centre geht man rund 5-10 Minuten zu Fuß. Die Übernachtung im DZ in der CSD-Woche kostet zwischen 113 und 132 Euro. Mehr Infos auf http://bohemia-grancanaria.com.

Und sonst? Die Website www.grancanaria.com ist die offizielle Internetpräsenz des Fremdenverkehrsamt von Gran Canaria und enthält viele nützliche Informationen für einen gelungenen Aufenthalt auf der Insel. Die Website www.gaypridemaspalomas.com informiert über den CSD auf Gran Canaria.