Dresden - Schwul-lesbischer Geschichte auf der Spur

08.05.2014
 
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Seit Jahrhunderten ist Dresden Schnittpunkt von Kulturen. Kunst und Kultur sind hier zu Hause. Und so konnte sich eine Atmosphäre der Toleranz entwickeln, in der sich auch Schwule und Lesben wohl fühlen. Dass Dresden keine Schwulenhochburg ist, mag auch mit dem sächsischen Drang zur „Gemiedlischkeit“ zusammenhängen. Nicht provozieren, sondern integrieren scheint hier das Motto vieler Schwuler und Lesben zu sein.



Schon tagsüber kommen Liebhaber des Schönen in Dresden voll auf ihre Kosten. Und das auf kunstvolle Weise. Überall im Stadtgebiet kann man Statuen, die für vergangene und heutige Schönheitsideale stehen entdecken: die Brunnen am Albertplatz, Frauenstatuen in der Hauptstraße, die vier Tageszeiten an der Brühlschen Terrasse, die Musenknaben am Schauspielhaus, die Skulpturensammlung im Albertinum.
Der barocke Zwinger selbst ist mit dem reichen Skulpturenschmuck Sinnbild für heitere, erotisierende Lebensfreude. In der Gemäldegalerie Alte Meister wird auch der nach Speziellem Suchende fündig: gleich mehrfach vertreten ist der Heilige Sebastian, besonders schön in den Darstellungen von Antonello da Messina und Nicolas Régnier. Ein berühmtes Bild, das „Scholokadenmädchen“ wurde von Graf von Algarotti (1712-1762) für die Dresdner Gemäldesammlung erworben. Algarotti gilt als der „schwule Casanova“ und als Liebhaber des Preußenkönigs Friedrich II. Von 1742 bis 1745 lebte er am Dresdner Hof als Kunstankäufer für König August III. und seinen Minister, den Reichsgrafen Brühl.

Nicht zu vergessen natürlich die berühmten Engel von Raffaels Sixtinischer Madonna. Der kraftvolle Ritter schließlich, der das Georgentor des Residenzschlosses trägt, entfaltet -von der Schlosstraße kommend- ganz besondere ungeahnte Aus- und Einblicke. Über den Elbhängen bei Loschwitz thront Schloss Albrechtsberg. Den Vorgängerbau ließ der schottische Earl of Findlater für sich und seinem „Sekretär“ errichten. Er emigrierte aus dem konservativen Schottland in das liberale Sachsen, das bis zur Deutschen Einigung von 1871 keine antihomosexuelle Gesetzgebung hatte.

Kunstwerke männlicher Schönheiten gibt es im Klingersaal des Albertinums zu bestaunen

Auf der Terrasse des Schlosses Eckberg im englischen Tudorstil betet ein bronzener Ägyptenknabe die Sonne an. Geschaffen wurde das Standbild von Sascha Schneider (1870-1927), dem schwulen Freund des Abenteuerschriftstellers Karl May, der in Dresden auch eines der ersten Fitness-Studios Europas gründete. Schneiders Illustrationen zu Mays Erstausgaben, die wegen der freizügigen Darstellung von Männerakten zensiert wurden, sind übrigens im Radebeuler Karl-May-Museum zu bewundern. Weitere Kunstwerke männlicher Schönheiten sind im Klingersaal des Albertinums zu bewundern.

Dresdens bedeutendste schwule Persönlichkeit des 20. Jahrhundert war der Schriftsteller Ludwig Renn (1889-1979) (http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Renn). Der geborene Adlige kämpfte u.a. mit Ernest Hemingway im Spanischen Bürgerkrieg 1936/37 und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei. In der DDR lebte er seine Homosexualität offen aus und wohnte zunächst mit dem Dresdner Max Hunger (1901–1973) zusammen. 1949 zog Hans Pierschel (1922–1994) dazu. 1952 zog das Trio nach Berlin.

Dresden ist auch bekannt als Stadt für Romantiker. Beim Spazieren entlang der Elbe - in den Sonnenuntergang und mit Blick auf die historische Altstadt – lassen sich alte und neue Liebe auf wundersame Weise verjüngen. Und am Fuße des Rosengartens wartet Cupidos Pfeil bereits gespannt vor der muskulösen Statur des bronzenen Bogenschützen. Letzterer fungierte auch als Namensgeber für den Dresdner schwul-lesbischen Sportverein (www.bogenschuetzen-dresden.de).

Dresdens Szene hat sich in der Neustadt niedergelassen

An den Abenden bieten zahlreiche kulturelle Einrichtungen ein breitgefächertes Angebot, so zum Beispiel die Semperoper (Das Ballet-Ensemble von Aaron Watkin ist ebenfalls sehenswert) und eine Vielzahl von Theatern, Konzerthallen und Kirchen. Im Jahr 2014 fokussiert sich Dresden auf das Thema „Tanz und Leidenschaft“. In Dresden Hellerau präsentieren die William Forsyth Company sowie die aus St. Petersburg stammende Derevo Company ihre höchst emotionalen Performances und bestätigen somit die Tradition Helleraus als Ort moderner Tanzkunst. Die Darbietungen an der Gret-Palucca Hochschule, Deutschlands einzige unabhängige Tanz-Universität, ziehen ebenfalls zahlreiche Besucher an.

Dresdens Subkultur lernt man am besten bei einem Streifzug durch die Neustadt kennen. Die Schwulensauna „;Man’s Paradise“ bietet dabei mehr als nur Entspannung und ist lediglich einen Steinwurf von diversen Nachtclubs und Bars entfernt. Beim Durchqueren der Friendsstraße stößt man zunächst auf das Café Europa, wo der Gast auf ein bunt durchgemischtes Publikum trifft. Das angrenzende Gebäude (Nr. 66) ist das Geburtshaus des 1899 geborenen deutschen Schriftstellers Erich Kästner. Da er weder verheiratet war noch erwähnenswerte Beziehungen zu Frauen unterhielt, wurde ihm immer wieder eine verkappte Homosexualität nachgesagt. Von hier ist es nicht weit zum „Valentino’s“ und zum Pub „Boys“, wo Schwule stets willkommen sind.

Im Bunker ist die Fetischfraktion zu Hause

Während eines Besuchs in der Kunsthofpassage zwischen Alaunstraße und Görlitzer Straße kommen mit den außergewöhnlichen Mosaik-Designs von Mirò Erinnerungen an Barcelona auf. Beim Verlassen der Kunsthofpassage in Richtung Görlitzer Straße erblickt man die vor der Bar „Queens & Kings“ hängende Regenbogenflagge. Zur Linken befindet sich der so genannte „Bunker“. Am nördlichen Rand der Neustadt gelegen, kommen Latex-, Jeans- und Lederliebhaber im „Bunker“ ganz auf ihre Kosten. Samstagabends muss dort der entsprechende „Dresscode“ befolgt werden.

Auf dem Weg empfiehlt sich ein Abstecher ins Stadteilhaus, in dem der Dresdner Verein Gerede e.V. seine Räumlichkeiten besitzt. Gelegentlich finden dort auch Autorenlesungen statt. Das am äußeren Bereich des Viertels gelegene Holiday Inn war das erste Dresdner Hotel, welches spezielle Tarife für homosexuelle Reisende in ihre Angebotspalette aufnahm. Mittlerweile bezeichnen sich mehr als 20 Hotels in Dresden als schwulenfreundlich. Drei von ihnen (aviv, Pullman und etap) sind als schwulenfreundlich zertifiziert. Eines der Hauptevents innerhalb der Dresdner Schwulenszene ist die alljährlich im Frühsommer stattfindende Parade anlässlich des „Christopher Street Day“. Tausende Anhänger der schwul-lesbischen Szene demonstrieren für ihre Rechte und feiern von früh bis abends im Zentrum von Dresden sowie im weiteren Verlauf der Nacht in diversen Party-Locations. (www.csd-dresden.de)