Warschau - Zeitenwende in Polen

31.05.2014
 
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CSD in Warschau? Da war doch mal was. Noch während des EuroPrides 2012 demonstrierten Rechtsradikale und Klerikale gegen die Parade und warfen Eier und Tomaten. Im vergangenen Jahr war es dagegen deutlich entspannter: Mehrere Tausend Lesben und Schwule zogen ungestört durch die polnische Hauptstadt. Kann man jetzt auch in Warschau CSD feiern?



Polen macht sich keine Illusion: Müssten Europas Schwule und Lesben heute in einem Fragebogen ihre Top 10 der beliebtesten Länder-Reiseziele notieren, Polen hätte keine Chance. Das Image des Landes in der Szene ist geprägt von den Ausschreitungen, die es bis vor ein paar Jahren bei jedem CSD in Warschau gegeben hatte. Einträchtig sorgten Nationalkonservative, Rechtsradikale und stramm konservative Katholiken dafür, dass die Teilnahme an der Parada Równości, wie der CSD in Warschau heißt, zum Spießrutenlauf für Lesben und Schwule geriet. Die Videos und Fotos, die Lesben und Schwulen in Europa auf die Bildschirme flatterten, lösten – gelinde gesagt - Irritationen aus. Auch wenn es ungerecht gegenüber den oft toleranten Verantwortlichen in der Tourismusindustrie Polens ist: Werbung für das Städtereiseziel Warschau waren solche Meldungen nicht.

Der EuroPride 2012 sollte für Warschau eine Zeitenwende sein. Seht her, so die Botschaft der Organisatoren der Parada Równości, auch wir können das prestigeträchtige Event austragen. Das Event in Warschau über die Bühne gehen zu lassen, war ein mutiges Unterfangen, schließlich fand der EuroPride zum ersten Mal in einem ehemaligen Ostblockstaat statt. Zwar gab es wieder Gegendemonstranten, die faule Eier und Tomaten auf die Paradeteilnehmer warfen, ein massives Polizeiaufgebot sorgte jedoch dafür, dass der EuroPride ungefährdet über die Bühne ging. Der reibungslose Ablauf ist nicht zuletzt auf die enge Zusammenarbeit der Warschauer CSD-Organisatoren mit den örtlichen Behörden zurückzuführen.

WienTourismus lädt im Vorfeld der CSD-Parade zu einem Community-Event ein 

Mit Verantwortlich dafür ist Lukasz Palucki, Chef der Parada Równości. Wir treffen ihn am Abend vor der CSD-Parade im österreichischen Kulturforum in Warschau, wo WienTourismus zu einem Community-Event eingeladen hat. Mehrere Dutzend Gäste sind erschienen, sie lauschen den Worten von Wiens Tourismusdirektor Norbert Kettner, der seine Stadt als Ort der Offenheit und Toleranz preist. Auch Österreichs Botschafter in Polen, Herbert Krauss, ist erschienen. Man trinkt Sekt und Wein, parliert über Wien und Warschau, und was es für Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Städten gibt. Für Lukasz Palucki sind solche Abendveranstaltungen die Ausnahme. Er taucht erst um 22 Uhr auf, eine Podiumsdiskussion in der Uni stand noch auf der Agenda.

Wenn Lukasz über die Arbeit berichtetet, die im Zusammenhang mit der Organisation der Parada Równości anfällt, möchte man nicht mit ihm tauschen. Am Mittag noch war hatte er ein Meeting mit Vertretern der Feuerwehr, der Polizei, der Verkehrsbetriebe und des Büros für Krisensituationen der Stadt Warschau. Die Parade muss genau geplant werden, auch müsse man stets auf die Aktionen der Gegendemonstranten vorbereitet werden. „Die Kooperation mit der Stadt und der Polizei ist gut. Sie arbeiten sehr professionell mit uns zusammen“, sagt Lukasz. Uns? Wenn man einen Blick auf die Leute wirft, mit denen Lukasz die Parada Równości organisiert, kann man sie an der Hand ablesen. „Kurz vor der Paradewoche haben wir rund zwei Dutzend freiwillige Helfer. Im Rest des Jahres sind ein Kollege und ich zuständig“, berichtet er. Sonst niemand. Wenn Lukasz auf die Sponsoren der Parada Równości zu sprechen kommt, zieht ein Hauch Bitterkeit in sein Gesicht: „Es gibt keinen einzigen CSD-Sponsoren. In diesem Land nicht.“

Das Wetter ist wunderbar, die Stimmung auf der Parade wenig später auch

Als wir uns am nächsten Tag auf den Weg zur Sejm, dem polnischen Parlament machen, stimmt uns eines schon einmal optimistisch: Das Wetter spielt mit. Es ist ein sonniger Tag, 30 Grad sind prognostiziert. Unser Auto stellen wir am Plac Trzech Krzyży ab, rund zehn Minuten zu Fuß von dem Sejm entfernt. Uns begleitet Kamila Wasilewska, die gemeinsam mit ihrem Mann die Reiseagentur VIP Atlas in Warschau führt. Die Agentur betreut überwiegend Geschäftsleute während ihres Aufenthalts in Polen. Kamila versteht sich aber auch als Ansprechpartnerin für Lesben und Schwule, die in Warschau ein paar schöne Tage verbringen wollen. So organisiert sie die Unterbringung in gayfriendly Hotels und bastelt auf Wunsch auch ein Tagesprogramm aus. Kamila freut sich auf die Parade und ist optimistisch für die Zukunft: “Es wird jedes Jahr besser.”

Viele Polizisten haben sich bereits auf dem geplanten Paradeweg eingefunden – und nach wenigen Minuten wird klar, warum: Die Gegner der Parade, meist junge Männer in Hooligan-Aufmachung, haben sich in kleinen Gruppen unweit des Paradewegs eingefunden. Es sind nicht viele, vielleicht ein halbes Dutzend Gruppen mit jeweils fünf bis zehn jungen Männern. Frauen sind so gut wie nicht vertreten. Die Polizei scheint Prävention großzuschreiben; sie kontrolliert und untersucht jede Hooligan-Gruppe nach Waffen und potentiellen Wurfgegenständen. Auch ihre Autos werden untersucht. Ist die Untersuchung abgeschlossen, bleiben die Polizisten bei den Paradegegnern stehen. Niemand von ihnen bleibt unbehelligt.

Erst politische Reden, dann die Nationalhymne, dann die Parade 

Vor der Sejm haben sich zwischenzeitlich, rund eine Stunde vor Beginn der Parade, mehrere Hundert Paradeteilnehmer eingefunden. Es ist ein bunter Mix aus der polnischen Szene. Zwei TV-Übertragungswagen haben sich am Rande des Platzes postiert. Vorn an der Straße eine Gruppe aus Deutschland; sie halten ein Transparent der Velspol hoch, des Verbandes lesbischer und schwuler Polizeibediensteter. Zu ihnen hat sich eine Delegation der baden-württembergischen Grünen gesellt, auch die Vizepräsidentin des Stuttgarter Landtags ist dabei. „Solidarität mit Lesben und Schwulen in Polen ist wichtig“, sagt einer aus der Gruppe. Schaut man sich auf dem Platz um, wird rasch klar: Es ist vor allem die politische Linke, die heute Flagge zeigt. Und das wird hier heute keine Paraden-Party, sondern eine Demonstration. Es wird auch nicht, wie in Deutschland vor Beginn der Parade üblich, mit Bier und Sekt angestoßen. Auch Paradewagen sind nicht zu sehen. Noch nicht.

Dann, mit 30-minütiger Verspätung, tauchen die Paradewagen plötzlich auf. In nahezu atemberaubender Geschwindigkeit kommen sie um die Kurve gedüst, der erste Wagen hält - mit einigem Abstand vor den andern Wagen - genau vor der Sejm. Was jetzt passiert, ist faszinierend: Dutzende Lesben und Schwule, vor allem die jungen, stürmen auf die noch leeren Paradewagen. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, klärt uns ein älterer Pole auf. Auf dem vordersten Paradewagen ist auch Lukasz Palucki zu sehen und mit ihm die gesamte politische Klasse, die sich mit den Anliegen der Lesben und Schwulen solidarisiert. Es sind vor allem Vertreter der linksliberalen, progressiven Partei Twój Ruch auf dem Wagen zu sehen, allen voran der offen schwule Sejm-Abgeordnete Robert Biedron. Bevor sich die Parade endlich in Bewegung setzt, halten die Organisatoren und Politiker kurze Reden. Jeder spricht etwa fünf bis zehn Minuten, dann wird gemeinsam die Mazurek Dąbrowskiego, Polens Nationalhymne, gesungen – und los geht’s.

Die Polizei hat die Gegendemonstranten fest im Griff 

Einige Paradeteilnehmer tragen einen Regenschirm in der Hand. Das irritiert, denn der Himmel ist strahlend blau. „Letztes Jahr flogen noch Tomaten auf uns“, erklärt uns ein junges Lesbenpaar schmunzelnd. „Aber es wird jedes Jahr besser. Vor fünf Jahren waren es noch Steine, dann irgendwann faule Eier. Letztes Jahr halt nur noch Tomaten. Wenn wir Glück haben, ist der Spuk dieses Jahr vorbei“, sagen sie. Sie sollen recht behalten: Die Polizei hat die Situation während der gesamten Parade im Griff. Die Zahl der Gegendemonstranten auf der Paradestrecke ist überschaubar. Ihr Protest beschränkt sich auf das Hochhalten von Plakaten mit homophoben Botschaften und dem Zeigen des Stinkefingers. Kein Gegendemonstrant steht allein, vor jeder Gruppe hat sich etwa die doppelte Zahl an Polizisten postiert.

Als die bunte Demonstration nach rund vier Kilometern vorbei ist, macht sich Enttäuschung breit: Eine Abschlusskundgebung scheint es nicht zu geben, von einer Open-Air-Party ganz zu schweigen. Das Gros der Paradeteilnehmer macht sich auf den Weg nach Hause, die wenigen Drag Queens plaudern noch ein wenig mit Freunden, bevor auch sie ein Taxi bestellen und verschwunden sind. Als wir am Abend gegen 23 Uhr vor dem Club erscheinen, in dem die offizielle Pride-Party gefeiert werden soll, ein ähnliches Bild: gähnende Leere. Wir ziehen weiter, es kann doch nicht sein, dass in der Nacht nach der Parade keine Party gefeiert wird. Erleichterung dann, als wir in die ul. Żurawia einbiegen. Vor dem Glam Club tummeln sich viele Gäste, sie rauchen und plaudern auf der Straße. Endlich, unsere Rettung. Und in der Tat: Der Club, im Untergeschoss gelegen und röhrenartig aufgebaut, ist sehr gut besucht. Ganz am Ende befindet sich die Tanzfläche, viele Schwule und Lesben, die meisten Mitte 20, tanzen zu Charts, Pop und R'n'B-Sounds.

Nachts wird im Glam Club weitergefeiert 

Als wir durch den Club schlendern, stellen wir rasch fest: Wir sind die einzigen Ausländer. „Oh, aus Deutschland, großartig. Seid ihr extra zum CSD hergekommen?“, fragt uns Elena, eine junge Lesbe, die mit ihrer Freundin auf einem Sofa chillt. Verwunderung quillt aus ihren Augen. „Großartig, wir hatten heute eine tolle friedliche Parade. Es geht deutlich aufwärts bei uns“, ruft sie uns noch entgegen, bevor sie ihre Freundin auf die Tanzfläche zerrt. Das Erfreuliche: Eine Sperrstunde gibt es nicht, selbst gegen 3 Uhr trudeln noch Gäste ein. Die Stimmung ist grandios, bis in den Morgengrauen hinein feiert Warschaus Szene. Als wir am nächsten Tag mit einem dicken Kopf in unserem Hotelzimmer aufwachen, heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Bis nächstes Jahr, Warschau!



ANREISE. Polish Airlines fliegt täglich von Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, München und Stuttgart nach Warschau. Der Preis beträgt rund 160 Euro zum CSD-Wochenende Mitte Juni. Mehr Infos und Buchung auf www.lot.com 

ÜBERNACHTUNG. Das 5-Sterne-Haus SAS Radisson Blu Centrum Hotel liegt recht zentral, aber in ruhiger Lage, in der Innenstadt. Es verfügt über ein großes Fitness-Studio sowie ein Spa und bietet sehr günstige Übernachtungspreise; mit Glück ist man mit 50 Euro pro Nacht fürs Doppelzimmer dabei. Mehr Infos und Buchung auf www.radissonblu.pl/hotel-warsaw 

VERANSTALTER. VIP Atlas schnürt auf Wunsch ein gayfriendly Paket während eines Aufenthaltes in Warschau. Dazu gehört ein Transfer vom Flughafen, die Unterbringung in einem schwulenfreundlichen Hotel, Führungen in Warschau und Ausflüge ins Umland. Kamila Wasilewska, Chefin der Agentur, ist eine herzensgute und humorvolle Dame. Mehr Informationen unter der E-Mail vipatlas@vipatlas.com und der Telefonnummer +48 22 627 33 48.

CSD. Die Parada Równości, Warschaus CSD, wird in diesem Jahr am 14. Juni gefeiert. Mehr Informationen (auf Polnisch und Englisch) auf der Website http://paradarownosci.eu.