Beaus am Strand

29.11.2014
 
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Miami

Sehen und gesehen werden: In South Beach treffen sich die Jungen, Schönen und Promis aus aller Welt. Für Schwule aus der ganzen Welt gilt das hippe Viertel an Miamis Küste seit Jahrzehnten als place to be - an manchen Tagen lümmeln sich in den Schwulenclubs gar mehr Touristen als Einheimische. Wer sich davon selbst einmal überzeugen will, besucht Miami im April, wenn die Szene der Stadt zum Miami-Pride-Festival einlädt.



Pamela Asher zeigt auf die gegenüber liegende Straßenseite und fragt mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht: „Na, den Namen dieses Architekturstils muss ich wohl nicht verraten, hmm?“. Nein, das muss die rüstige Führerin der Miami Design Preservation League nicht. Vielmehr geht ein Schmunzeln durch die Gruppe von Schwulen, die sich heute Nachmittag von Pamela durch das Art-Deco-Viertel auf dem Ocean Drive führen lässt. Man merkt Pamela an, dass sie nun ganz in ihrem Element ist. Von der 6th bis zur 23th Straße finden sich Hunderte von Art-Deco-Gebäuden, die überwiegend in den 30er-Jahren gebaut wurden, erzählt sie. Zu fast jedem Gebäude hat sie eine Anekdote in petto, in kaum einer kommt nicht irgendein Prominenter vor. Auch an der Villa „Casa Casuarina“ des 1997 ermordeten Designers Gianni Versace kommen wir vorbei, aus ihr ist mittlerweile ein Luxushotel geworden. Spätestens nach 30 Minuten mit Pamela wird jedem unbedarften Touristen klar: Miami, Prominente, Glanz und Glamour – das gehört zusammen wie die Sonne zum Sunshine-State Florida.

An diesem Wochenende treffen wir besonders viele Schwule und Lesben auf den Straßen in South Beach. Das hat einen Grund: Miami feiert mit großem Tamtam sein Gay-Pride-Festival. Erst spät, 2009 war es, kamen sie in der Millionenstadt auf die Idee, ein eigenes CSD-Festival zu stemmen. Zwei der Organisatoren des Festivals, Steve Adkins und George Neary, treffen wir im Hotel „Gaythering“. „Das Pride-Festival hilft uns enorm, Miami als attraktives Urlaubs- und Eventreiseziel für Lesben und Schwule zu positionieren“, sagt Steve Adkins. Man rechne mit mehreren Tausend Besuchern an diesem Wochenende, erläutert er. Auch George Neary, der seit 1998 für den Kultur-Tourismus beim Miami Convention und Visitors Bureau zuständig ist, attestiert: „Miami zeigt der Welt, wie offen und tolerant die Stadt ist.“ Und einen Grund dafür, warum Miami erst 2009 den ersten CSD feierte, liefert er gleich mit: „Wir haben nicht unbedingt die Notwendigkeit dazu gesehen, schließlich haben wir im Jahr bereits sieben Events, die sich vor allem an Lesben und Schwule richten. Aber einige Leute in der Szene fanden es eine prima Idee, dass wir auch ein Gay-Pride-Festival ausrichten. Gesagt, getan.“

Das Gaythering-Hotel ist der neue Hotspot

Dass South Beach auch in den Augen der Hotellerie ein attraktives Reiseziel für Lesben und Schwule ist, zeigt sich unter anderem an dem Ort unseres Treffens: dem Gaythering-Hotel. Das im Februar 2014 eröffnete Hotel hat – der Name signalisiert es – sich vor allem Lesben und Schwulen als Gäste verschrieben und bezeichnet sich selbst mit einem Augenzwinkern als „einziges hetero-freundliches Hotel in Miami“. Das Hotel befindet sich in der Alton Road, Ecke Collins/Dade Canal, rund 10 Minuten zu Fuß von der berühmten Shoppingmeile Lincoln Road entfernt. In den 25 Zimmern dominieren Grau-, Schwarz- und Rottöne, man kommt sich als Gast vor wie in einer Kunstgalerie. Stephan Ginez, der Inhaber des Hotels, freut sich über die Resonanz, die das Hotel in den ersten Monaten erfahren hat: „Wir sind wirklich überrascht, wie viele Heteros auch bei uns buchen.“ Für Schwule, die sich hier während ihres Urlaubs einquartieren, hält das Hotel einige Annehmlichkeiten bereit: die Preise sind für Miami-Verhältnisse moderat (rund 95 Euro fürs Doppelzimmer pro Nacht), W-Lan ist gratis, eine Dampfsauna und einen Jacuzzi gibt es, ebenso wie eine Bar, in der abends auch viele Einheimische vorbeischauen. Besonders populär ist der Freitagabend, wenn sich die Bärenszene in der Bar zum Meet & Greet trifft. Bei den Urlaubsgästen jedenfalls kommt das Hotel sensationell gut an: Auf TripAdvisor rangiert es bereits auf Platz 8 aller 201 aufgeführten Hotels in Miami. Einziges Manko für Schwule, die tagsüber am Gay-Beach in der Sonne fläzen und nachts im populären Twist-Club feiern wollen: Zu Fuß ist man jeweils rund 30 Minuten vom Hotel zu den Gay Hot Spots unterwegs.

Es ist elf Uhr am Vormittag, und der Ocean Drive in South Beach beginnt sich langsam mit Menschen zu füllen. Heiß es mittlerweile, rund 30 Grad; auch im April kennt die Sonne in Miami keine Gnade. Fünf ältere Schwule, aus Fort Lauderdale kommen sie, haben sich Klappstühle und einen Tisch mitgebracht. An die Dekoration haben sie auch gedacht, ein paar Luftschlangen und Luftballons in Regenbogenfarben zieren ihre Stühle. Nebenan sitzt ein Lesbenpaar, Mitte 50 etwa sind sie alt, mit ihren beiden Kindern auf dem Bordstein und fächeln sich Luft zu. In rund einer Stunde soll die Parade beginnen, da gilt es, sich die besten Plätze zu sichern, verraten sie. Wenn man den Blick über den Rest des Publikums schweifen lässt, dann wird schnell klar: Die Parade ist vor allem ein Happening für politisch Interessierte – entgegen eines weit verbreiteten Images vom ewig feiernden Partyluder Miami geht es hier ziemlich gesittet zu. Alkohol trinkt kaum einer, das wird – so wie in fast allen US-Bundesstaaten – in der Öffentlichkeit von der Polizei gar nicht gern gesehen. 

Gloria Estafan ist der Star der CSD-Parade

Der Umzug startet pünktlich um 12 Uhr, mehrere Dutzend Floats und Fußgruppen haben sich angekündigt. Die Parade, und das überrascht, zieht lediglich über einen rund einen Kilometer langen Streifen am Ocean Drive. Als Schirmherrin fungiert in diesem Jahr die Sängerin Gloria Estafan; sie wird später in einem offenen Cabrio von den Menschenmassen am Rand frenetisch bejubelt. Viel Applaus erntet auch die Miami Beach Police, die mit rund einem Dutzend Beamten und einen in Regenbogenfarben beschrifteten Polizeiwagen mitmarschiert. In der Mitte der Paradestrecke, unweit der 12th Street; dort, wo sich der Schwulenstrand befindet, haben die Parade-Organisatoren einen Tisch aufgebaut, an dem Honoratioren der Szene Platz genommen haben und eine Drag Queen das Paradegeschehen moderiert. Jede Gruppe, die mitmarschiert, wird vorgestellt und mit lautstarkem Beifall gefeiert. Die Gruppen wiederum bedanken sich mit Perlenketten, Süßigkeiten und Kondomen beim Publikum.

Nach rund zwei Stunden ist alles vorbei, und die Menschenmassen ziehen weiter zum Strand. Dort haben die Organisatoren unweit des Schwulenstrandes ein kleines Festivalgelände in die Sandlandschaft gezaubert. Auf einer Länge von rund 300 Metern gibt es Imbiss- und Getränkebuden, Informationsstände der Szene-Organisationen und – als Highlight – einen großen Open-Air-Dancefloor. Zu unserer großen Überraschung wird dort keine Elektromusik, sondern eher mainstreamiger Sound von Lady Gaga, Madonna, Pitbull und Beyonce gespielt. Das überwiegend junge Publikum auf und rund um die Bühne scheint sich fest vorgenommen zu haben, den Tag wegzutanzen; die Stimmung ist ausgelassen, der Betrieb ist lebhaft, aber nicht erdrückend. Wer sich allerdings einige Alkoholdrinks gönne möchte, muss tief in die Tasche greifen: Das Bier kostet 7, diverse Cocktails 10 Dollar, das in den USA obligatorische Trinkgeld noch nicht mitgerechnet. Am Rande der Bühne, im VIP-Bereich treffen wir Richard Murry, der mit seiner Agentur die Öffentlichkeitsarbeit des Festivals betreut. Was den CSD in Miami so besonders macht, wollen wir von ihm wissen. Seine Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Jetzt mal ehrlich: Wo in den USA kannst du einen CSD in dieser traumhaften Location, direkt am Strand bei so einem tollen Wetter, feiern. Nirgendwo, das gibt es nur bei uns in Miami“, sagt er stolz.

Wer House-Musik und nackte Oberkörper mag, geht ins Score

Beim CSD ist bekanntlich das Credo: Nach der Party ist vor der Party. Nachdem wir uns am Strand warmgetanzt haben, wollen wir das Nachtleben unsicher machen. Miamis Schwulenszene gehört zu den besten der USA, und South Beach ist für Schwule in Miami die erste Wahl zum Ausgehen. Rund ein Dutzend Bars, Clubs und Partys locken. Wer auf Elektromusik und wohlgeformte Latino-Alabasterkörper steht, sollte im Score vorbeischauen. Früher war der illustre Club auf der Lincoln Road zu finden, vor zwei Jahren ist er umgezogen auf die Washington Avenue. Das Publikum ist vorwiegend männlich, zwischen 25 und 50 Jahre alt, präsentiert sich gern oben ohne und taucht nicht vor 2 Uhr in der Nacht auf. Kurzum, ein Publikum, das sich in Europa gern auf der La Demence in Brüssel oder dem Circuit-Festival in Barcelona tummelt. Unumstrittener Platzhirsch unter den Schwulenclubs in Miami ist aber das Twist, rund 8 Straßenblocks weiter südlich. Das Motto des Clubs „Never a cover, always a grove“ wird hier täglich zelebriert: Sieben Tage in der Woche von 13 Uhr bis 5 Uhr hat der Riesenclub geöffnet, der Eintritt ist stets frei. Es gibt fünf Bars, zwei Dancefloors, einer mit House-, einer mit Pop- und RnB-Musik, und eine Stripperbar in einer Art Gartenlaube im Hinterhof, in der sich vorwiegend gutgebaute Latinos bei den Sugar Daddys mit heißen Tanzeinlagen einige Dollar hinzuverdienen.

Wer sich die Dollar für die Stripper sparen will, hat in Miami ausreichend Gelegenheit, sein Geld anderweitig auszugeben. Zum Beispiel beim Shopping. Es ist längst kein Geheimnis, dass viele Florida-Touristen in Florida mit leeren Koffern anreisen, um sie anschließend in diversen Einkaufstempeln mit Markenklamotten zu füllen. Die Lincoln Road ist eine gute Adresse dafür, allerdings halten sich die Gelegenheiten zum Schnäppchenkauf in den hochwertigen Shops in Grenzen. Besser: ein Tagesausflug in die Sawgrass Mills Mall oder in die etwas näher gelegene Dolphin Mall unternehmen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind beide Malls von South Beach aus leider nicht gut erreichbar, weshalb es sich empfiehlt, entweder einen Mietwagen oder einen Bustransfer zu organisieren – zum Beispiel für rund 30 Euro beim Anbieter GetYourGuide. In beiden Malls finden sich Shops namhafter Brands wie zum Beispiel die von Nike, Adidas, Banana Republic, Converse, Calvin Klein und Hugo Boss.

Eine andere Art, sich Miami zu nähern, ist ein Ausflug nach in den Wynwood Art District. Das Paradies für Kunst- und Galerieliebhaber versprüht einen alternativen Touch und präsentiert sich gänzlich anders als der Strand- und Urlaubsstadtteil South Beach. Eine exzellente Gelegenheit, das Viertel kennenzulernen und sich so ganz nebenbei durch das Viertel zu schlemmen, ist die Teilnahme an der Wynwood Food Tour. In kleinen Gruppen flaniert man durch das Viertel, erfährt allerlei Wissenswertes über Miamis Kunstszene und legt im 30-Minuten-Takt einen Stopp in den angesagtesten Restaurants des Viertels ein – wo man mehrere Vorspeisen, einen Hauptgang und einen Nachttisch kredenzt bekommt. Die Tour ist perfekt organisiert und sollte auf keiner Miami-Reise fehlen.


Anreise. Airberlin fliegt täglich von Düsseldorf und Berlin nach Miami, www.airberlin.de!

Unterkunft. Gaythering Hotel, 1409 Lincoln Road, Miami Beach, FL 33139, www.gaythering.com! Hotel Breakwater South Beach, 940 Ocean Dr, Miami Beach, FL 33139, http://www.esplendorbreakwatersouthbeach.com.

Ausflug. Wynwood Food Tour, Kulinarik-Tour mit vielen Sightseeing-Infos unterwegs, freitags und samstags ab 12:30 Uhr, rund zweieinhalb Stunden für 69 US-Dollar, www.miamiculinarytours.com/tour/wynwood-food-tour.

Weitere Ausflüge in und um Miami : GetYourGuide MiamiTouren

Pride Festival. Das nächste Miami-Beach-Gay-Pride-Festival findet vom 10. bis 12. April 2015 statt, www.miamibeachgaypride.com.