Auf Wolke sieben

10.01.2016 - 10.01.2016
 
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Québec

Die mit 3,5 Millionen Einwohnern zweitgrößte Metropole Kanadas weiß um die Gunst der Schwulen zu buhlen: Liberale Bewohner, französisches Laissez-faire und eine partysüchtige Szene locken jährlich Zehntausende Schwule in die Stadt. Partyhöhepunkt des Jahres: das Black & Blue-Festival im Herbst. Wer es eine Nummer ruhiger mag, schaut in Québec-City vorbei.



Nein, einen Strand kann sie für heiße Sommertage nicht bieten. Und auch im Winter können Temperaturen von bis zu Minus 30 Grad schon mal Polarfeeling auslösen. Aber die größte Stadt Québecs wuchert mit einem Pfund, bei dem selbst die beiden anderen kanadischen Metropolen Vancouver und Toronto neidisch rüber blicken: Montréal gilt als unumstrittene Party-Hauptstadt Kanadas. Während 500 Kilometer weiter südlich in Toronto hart gearbeitet wird, wissen die Québecer das Laissez-faire täglich zu kultivieren. Und das nicht nur nachts in den zahlreichen Clubs, sondern auch tagsüber auf der Straße, im Restaurant oder im Café. Nicht wenige behaupten sogar, Montréal sei die einzige Stadt Nordamerikas, die (in europäischen Augen) so etwas wie Flair besitze. Das lässt sich auch in der Schwulenszene der Stadt beobachten. Ein Rundgang durch eben jene kann problemlos nach einem ausgiebigen Frühstück bereits um die Mittagszeit beginnen. Mag einem auch um diese Zeit die durchzechte Nacht noch tief unter den Augen anzusehen sein, man trägt dieses speziell schwule Großstadtschicksal in Montréal selten allein. Im angesagten Café Second Cup auf der Rue Saint Catherine Est lässt sich der Tag bei einem typisch europäisch zubereiteten Milchkaffee entspannt beginnen.

Parlez-vous français?

Apropos europäisch: Mehr als 70 Prozent der Montréaler sprechen Französisch als Muttersprache. Schulfranzösisch hilft meist weiter, wenn auch der gewöhnungsbedürftige Dialekt der Québecer oft schwer zu verstehen ist. In der Schwulenszene dagegen kann man guten Gewissens von Anfang an Englisch sprechen. Wer sich allerdings wohltuend von den „lieben Schwestern“ aus den USA abheben will, kramt erst einmal ein paar Fetzen Französisch aus seinem Gedächtnis hervor. Erkennt das Gegenüber, dass man aus Europa kommt, heimst man gleich einen Sympathiepunkt ein und hat fortan freie Wahl zwischen Englisch und Französisch, während die US-Gäste am Nachbartisch weiterhin konsequent mit einem schnoddrigen Französisch serviert werden. Und wer in einem Nebensatz die lange Zeit zögerliche Haltung der USA zur Homo-Ehe mit abwertender Mimik goutiert, dem würden die traditionell linksliberalen Québecer am liebsten gleich die kanadische Staatsangehörigkeit verleihen. Québec gehörte nämlich zu eine der ersten kanadischen Provinzen, die die Homo-Ehe einführte!

« Vive le Québec libre »

Überhaupt Québec: Die Provinz ist in Nordamerika ein echtes Unikat. Einmal abgesehen davon, dass es die einzige Region Nordamerikas ist, in der mehrheitlich Französisch gesprochen wird, finden sich hier viele historische Sehenswürdigkeiten. Und Montréal hat davon eine ganze Menge. Unbedingt vorbeischauen sollte man zum geschichtsträchtigen Place Jacques Cartier, der sich im Sommer in eine riesige Freilichtbühne verwandelt – mit vielen Straßenkünstlern. Gleich um die Ecke befindet sich das Rathaus, das Hotel de Ville. Dort stand Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle 1967 auf dem Balkon und rief in die begeisterte Menge „Vive le Québec libre“ hinaus. Fans von Celine Dion (geboren in Charlemagne, 25 Kilometer von Montréal entfernt) sollten unbedingt einen Abstecher in die Nôtre-Dame Basilica machen: die Popsirene gab hier 1994 ihrem Manager René Angélil das Ja-Wort.

Festival-Highlight Black & Blue

Über das ganze Jahr hinweg hat Montréal einige Festivals im Angebot, die sich speziell an Schwule richten. Eines davon ist das im Oktober stattfindende Black and Blue Festival, nach eigenem Bekunden das weltweit größte schwule Benefizfestival zugunsten von Menschen mit HIV. Trotz (oder gerade wegen?) des guten Zwecks muss der Gast tief in den Geldbeutel greifen, will er sämtliche angesagten Partys auf dem Black and Blue Festival besuchen. 2015, beim 25-jährigen Jubliläum des Festivals, kostete der VIP-Pass 225 kanadische Dollar. Dennoch ist zumindest der Besuch der Abschlussparty, die letztes Jahr erstmals im Pierre-Charbonneau-Amphitheater stattfand, ein absolutes Muss: Rund 10.000 Schwule, muskelbepackt bis zum Abwinken, feierten nonstop vierzehn Stunden zu brummendem Techno und chilligem House. Zuweilen hat man hier den Eindruck, sämtliche US-Pornostars auf einen Fleck versammelt zu sehen, so viele gutaussehende Mucki-Boys schwirren hier herum! Im übrigen ein Paradies für Gesundheitsbewusste: Der Nikotin- und Alkoholkonsum ist im Gegensatz zu europäischen Partys dieses Ausmaßes deutlich geringer. Gegen vier Uhr morgens beginnen die US-Muskelprotze gar, sich Bananen und Orangen zur Stärkung reinzuziehen ...

Nicht zu spät in die Schwulenszene!

Dieser Gesundheitskult trifft freilich nicht auf alle Veranstaltungen zu. Auf der schräg-schrillen Party von Mado Lamotte im Cabaret Mado am gut besuchten Dienstagabend oder im HipHop und R’n’B-lastigen Club Unity am populären Freitagabend fühlt man sich zumindest in Sachen Preisniveau wieder heimisch. Das Unity bietet zwei Dancefloors, auf denen recht junges und hippes Publikum die Nacht zum Tage macht. Daneben gibt es einen großzügigen Billiardspielbereich, in dem sich vornehmlich die Jungs vom Land die Zeit vertreiben. In allen Clubs gilt ab drei Uhr in der Nacht unüberseh- und unüberhörbar der „Last Call“, das heißt, es naht unwiderruflich die letzte Gelegenheit, ein alkoholisches Getränk zu ordern. Meist schließen die Clubs schon eine Stunde später, weshalb es sich empfiehlt, bereits um 23 Uhr in den Clubs aufzutauchen. Beide Tanztempel sollte man in jedem Fall besuchen, will man Impressionen über das Nachtleben Montréals mit nach Hause nehmen. Wer nach vier Uhr weiter feiern will, kann das Stéréo aufsuchen – dort finden an jedem Wochenende After-Hour-Partys bis zur Mittagszeit statt. Im Stéréo vergnügen sich nach Feierabend gerne die zahlreichen Stripper aus den Nachbarlokalen Campus und Adonis. Dort ereignet sich tagein, tagaus für europäische Besucher Ungewöhnliches: Table-Dance für Schwule im Minutentakt. Einziger Unterschied zum Hetero-Milieu: Hier hat der solvente Besucher nach dem öffentlichen Stripp die illustre Möglichkeit, einen sogenannten „Private Dance“ in den hinteren Kabinen zu genießen …

Auf nach Québec City

Wer nach all dem Partyverführungen, die eine Großstadt wie Montréal bietet, erholsame Tage verbringen möchte, aber trotzdem nicht auf eine durchweg ansprechende Gay-Szene verzichten will, sollte unbedingt nach Québec City weiterreisen. Die Anreise ist unkompliziert: Lediglich drei Stunden Fahrtzeit benötigen die komfortablen Züge von VIA RAIL, um die beiden wichtigsten Städte der Provinz Québec miteinander zu verbinden. In den Abteilen der 1. Klasse wird der Service groß geschrieben: Neben einem mehrgängigen Menü erhält der Reisende kostenlos Getränke.

Québec City ist nicht nur Kanadas älteste Stadt, sondern auch die schönste Stadt des Landes. Sie ist das frankokanadische Herz des Landes. In keiner anderen Stadt Kanadas wird der französischen Geschichte so sehr gehuldigt wie hier. Von den kleinen Cafés mit ihren Steinmauern, in den – natürlich - französische Küche serviert wird, bis hin zu dem außergewöhnlichen Ausblick auf den St. Lorenz-Strom ist diese historische Stadt ein Schatz des kanadischen Kulturerbes. Die Gay-Szene der 700.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Québecs ist klein, aber lebendig. Das „Le Drague“ (815, Rue St. Augustin) ist zweifelsohne die angesagteste Anlaufstelle der Schwulen in der Stadt. Der riesige Komplex überrascht durch seine zahlreichen Bars und verwinkelten Gänge, in denen sich allabendlich Lederkerle, Teens & Twens und deren Freundinnen sowie schrille Drag-Queens präsentieren. Nur wenige Hundert Meter weiter in der Altstadt befindet sich Quebecs populärste Sauna, das „Hippocampe“ (31, Rue Mc Mahon). „Wenn ein großes Kreuzfahrtschiff oder ein Militärschiff eine Nacht vor Anker geht, ist es hier proppevoll“, berichtet der Manager der Sauna mit einem schelmischen Grinsen. Frischfleisch mit Ansage sozusagen. Die meisten einheimischen Schwulen suchen die Szene aber am Wochenende auf. Deshalb sollten Besucher, die neben den beeindruckenden Sehenswürdigkeiten eine lebendige Gay-Szene besuchen wollen, Québec City von Freitag bis Sonntag besuchen. Mindestens.