Ziemlich schwul

10.11.2017 - 10.11.2017
 
  • Ziemlich schwul
  • Ziemlich schwul
  • Ziemlich schwul
  • Ziemlich schwul
  • Ziemlich schwul
  • Ziemlich schwul
  • Ziemlich schwul
  • Ziemlich schwul
 
Chicago

In den USA kann man sich gar nicht vor großen Metropolen retten, die man einmal in seinem Leben besucht haben möchte. Eines aber ist sicher: Chicago gehört in jedem Fall dazu. Denn die Stadt am Lake Michigan kann alles sein: grün, hip – und ziemlich schwul.


Bevor es in die Bars und Clubs geht, ist erst einmal Geschichte angesagt. Wir stehen auf der North Halsted Street in Boystown. Boystown ist Chicagos Schwulen- und Lesbenviertel. Heute soll uns Victor Salvo durch das quirlige Szeneviertel führen. Victor, ein bärtiger Mann jenseits der 50, arbeitet für das "The Legacy Project" in Chicago. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, prominente wie weniger prominenter Aktivisten der internationalen Lesben- und Schwulenbewegung in dem Viertel ein Denkmal zu setzen.

Auf der North Halsted Street, genauer gesagt zwischen der Belmont Avenue und der Grace Street, stehen auf einer Länge von rund 800 Metern rund 40 sogenannte "Rainbow Pylons", die an die Ikonen erinnern. Es handelt sich dabei um bronzefarbene Gedenktafeln, die zum Beispiel die Geschichte von David Kato Kisule erzählen. Er war einer der bekanntesten Schwulenaktivisten Ugandas – und wurde 2011 ermordet. 

Doch das sind nicht die einzigen Touren, die Victor und seine Mitstreiter vom "The Legacy Project" anbieten. Es gibt auch eine Bar-Hopping-Tour. Die Teilnehmer zahlen im Voraus den Tourpreis und bekommen dafür in sieben Bars und Clubs einen Cocktail. "Diese Tour kann schon mal sehr lang dauern. Neulich waren wir mit den Jungs sieben Stunden unterwegs. Die Gruppe war total betrunken am Ende", erzählt Victor lachend.

Boystown ist Chicagos Vorzeigeviertel

 

Wer in Boystown, eines der größten und interessantesten Schwulenviertel der USA, unterwegs ist, kann sich das ziemlich gut vorstellen. Das gepflegte Viertel, rund acht Kilometer nördlich von Downtown gelegen, bietet Schwulen Dutzende Cafés, Restaurants, Bars und Clubs zum Ausgehen. Der beliebteste Hotspot aller Schwulenbars in Boystown ist der riesige Sidetrack-Club.

Bereits um 21 Uhr ist die Bar am Donnerstagabend gut gefüllt. Man kann sich hier in mehreren Räumen amüsieren. Die Preise sind akzeptabel. Das Bier ist für fünf Dollar zu haben, Tip inklusive. Über der Theke thronen riesige Flatscreens, auf denen nonstop Musikvideos mit der passenden Musikbeschallung flimmern. Einige schnattern mit ihren Freunden an den Stehtischen oder an der Theke um die Wette. Man prostet sich zu oder füttert Facebook, Instagram & Co. mit Selfies. Klick. Klick. Klick. Andere, wenn auch überraschend wenige, sind allein da. Sie starren abwechselnd auf die Bildschirme oder in ihre Grindr-Nachrichten, schauen sich immer wieder um und scheinen auf ihren Prinzen zu warten, der sie wachküsst. Zumindest für eine Nacht ...

Tipps auf der Toilette 

 

Am Waschbecken auf der Toilette stylt sich Ryan, ein 25-jähriger, gutaussehender Typ in engem weißen T-Shirt, die Haare. Auf die Frage, ob er öfters hier ist, lacht er nur. "Klar, das ist der mit Abstand beste Ort, um in Boystown auszugehen", antwortet er. Lernt man hier denn auch jemanden kennen? "Vor 1 Uhr eigentlich nicht. Da stehen die meisten mit ihrer Clique rum", sagt Ryan. Aber danach, so erklärt er augenzwingernd, gehe schon was. Er jedenfalls habe hier schon so manch heißen Typen kennengelernt und sei mit ihm nach Hause gegangen. Oder man sich nebenan im Steamworks amüsiert, in Chicagos größter Schwulensauna. Aber heute, am Donnerstag, solle man sich nicht zu viele Hoffnungen auf ein Abenteuer machen: „Die meisten müssen ja morgen Früh raus zur Arbeit." 

Touristen, die in der Stadt zu Gast sind, finden nicht besonders viele Unterkünfte in Boystown. Das Gros der Hotels ist in Downtown beheimatet. Eines davon ist das ACME Hotel. Es ist ein ziemlich passendes Boutique-Hotel für alle, die zentral übernachten wollen. Bis zur Magnificent Mile, der Haupteinkaufsstraße, sind es nur zweieinhalb Blöcke. Hotel-Manager Brent Hinton, der seit der Eröffnung im April 2012 in dem Hotel arbeitet, beschreibt das Credo des ACME Hotels so: "Wir wollen unseren Gästen eine Unterkunft bieten, in der sie so sein können wie sie wollen und Chicago so entdecken können, wie sie möchten."

W-Lan zum Mitnehmen im ACME Hotel

 

Und zwar fernab der üblichen Etikette, die ein Hotel ausmache, so Hinton. So können sich Gäste kostenlos eine Gitarre ausleihen, ebenso wie einen mobilen W-Lan-Router in Zigarretenschachtel-Größe. Auch der ist gratis, versteht sich. Und wer keine Lust hat, sich am Empfang einzuchecken, kann das auch ab 24 Stunden vor der Anreise über sein Handy erledigen – den Zimmerschlüssel kann man sich dann herunterladen.

Wer vom ACME Hotel aus die Stadt entdecken möchte, kann eines getrost vergessen: sich einen Mietwagen zu besorgen. Im Gegensatz zu vielen anderen US-amerikanischen Städten wie Los Angeles oder Miami kann man in Chicago sehr viel zu Fuß erledigen. Oder aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Selbst die uralte Hochbahn, von den Bewohnern Chicagos einfach nur "El" ("Elevated") genannt, verrichtet immer noch ihren Dienst. Sie tuckert und ruckelt kreuz und quer durch die Stadt und wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – mit ihr kommt man übrigens prima von Downtown ins Schwulenviertel nach Boystown.

Tagsüber locken der Millennium Park und eine Architektur-Tour 

 

Tagsüber aber sollte man in Downtown bleiben. Es gibt unglaublich viel zu unternehmen. Eines der Touristenhighlights ist der 2004 eröffnete Millennium Park. Die zehn Hektar große grüne Oase mit ihren hübsch angelegten Gärten und einer großen Freilichtbühne ist für Einheimische wie für Touristen eine riesige Bühne zum Entspannen, für Kunst, Kultur, Musik von Jazz bis Klassik, Theater, Ausstellungen und Festivals aller Art. Wenn gerade kein Event ansteht, konzentrieren sich die Besucher darauf, ein Foto – gern natürlich in Form eines Selfie – von der silbernen Skulptur "Cloud Gate" zu schießen.

Ebenfalls ein Muss in Chicago ist es, während einer Tour die großartige Architektur der Stadt zu genießen. Das geht am besten auf dem Wasser. Genauer gesagt, während einer Schiffstour der Chicago Architecture Foundation River Cruises abourd Chicago's First Lady Cruises. Treffpunkt der Tour ist morgens um 10 Uhr am 112 E. Wacker Drive in der City. Barbara Breakstone, eine ältere rüstige Dame, empfängt die Besucher auf dem Deck. Sie führt heute durch die große Architekturtour auf dem Chicago River. "Es ist eine großartige Möglichkeit, in anderthalb Stunden etwas über die Geschichte und Architektur unserer Stadt zu erfahren", sagt sie zu Beginn der Tour.

Das Who is Who der internationalen Architekturgeschichte

 

Und dann schon schnappt sie sich das Mikrofon und plaudert los. 1885 schon, so lernen die Teilnehmer, baute William Le Baron Jenney den ersten Wolkenkratzer Amerikas, der mit Hilfe eines Stahlgerüstes gebaut wurde. Nur zehn Stockwerke hoch war das Haus. Diese Bauweise revolutionierte die Architektur auf der ganzen Welt. Während der Schiffstour trifft man auf das Who is Who der internationalen Architekturgeschichte. Und man erfährt auch viel über die Gebäude, die nicht am Chicago River liegen. Ludwig Mies van der Rohe und seine Doppel-Wohntürme am Lake Shore Drive, das Robie Haus von Frank Lloyd Wright, dessen Prairie Style seinen Ursprung in Chicago hat, das Rookery und das Reliance Building von Daniel Burnham, gewagte Entwürfe von Helmut Jahn, wie das James R. Thompson Center oder der United-Airlines-Terminal am O’Hare Airport, aber natürlich eines der Wahrzeichen der Stadt, der Jay Pritzker Pavilion im Millenium Park, entworfen von Frank Gehry.

Ein Muss für jeden Chicago-Besucher ist es, die Stadt von oben zu begutachten. Das geht ziemlich gut vom 103. Stock des Willis Tower. Hier kann man hoch oben die fantastische Aussicht über Chicago und die umliegende Region zu genießen. An klaren Tagen reicht der Blick 80 Kilometer weit; dann kann man sogar bis Indiana, Wisconsin und Michigan blicken. Toll sind die "Glasbalkone", die einem das Gefühl vermitteln, über der Stadt zu schweben – aber nur für Schwindelfreie geeignet. Tipp: Da es ab 9 Uhr auf der Aussichtsplattform unangenehm voll werden kann, sollte man ein Frühstück auf der 103. Etage buchen. Das wird morgens ab 7 Uhr angeboten, ist allerdings nicht billig – unter 100 US-Dollar geht nichts.

Tipps für die Anreise, die Übernachtung und fürs Essen

 

Hinkommen. Reisende aus Deutschland können mit British Airways von Berlin-Tegel, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, München und Stuttgart via London-Heathrow ab 468 Euro (Hin- und Rückweg) in der Economy-Klasse nach Chicago fliegen.

Schlafen. ACME Hotel, 5 E Ohio St, Chicago, IL 60611, Tel. +1 312-894-0800, 3-Sterne-Hotel im River-North-Viertel in Downtown mit ordentlich alternativem Touch. Geeignet vor allem für junge Leute und jung gebliebene. Personal ist freundlich und lässig. Zimmer sind überraschend groß, allerdings auch recht düster. Cool: Es gibt eine mobile W-Lan-Box gratis während des Aufenthalts. Ab rund 100 Euro pro Nacht pro Zimmer.

Essen. Obsessed Kitchen and Bar, 800 S Oak Park Ave, Oak Park, Illinois 60304. Und wieder ein Geheimtipp: Dieses kleine, aber phantastische Restaurant bietet eine exquisite Küche. Inhaber Dan Vogel und Gattin Trish servieren eine europäische Küche mit Schwerpunkt Belgien und Italien. Großartige Auswahl an Weinen, Bier und Cocktails. Gemütliche Atmosphäre. 

Jack’s on Halsted, 3201 N Halsted St, Chicago, IL 60657. Restaurant mit schmackhafter Küche und bezahlbaren Gerichten, mitten im Schwulenviertel North Halsted Street. Aufgetischt wird hier eine amerikanische Küche, es trieft nur so von Hamburgern, Hähnchen, Fritten und ein paar Alibi-Fischgerichten. Lecker ist es aber allemal, und auch der entgegenkommende, geradezu familiäre Service ist toll.

Einkaufen. Klar, in Chicago Downtown gibt es alles, was das Herz begehrt. Allen voran auf Magnificent Mile. Die ist aber ziemlich teuer. Wer Euro sparen möchte, schaut bei Ross, Marshalls & Co. vorbei. Oder fährt Richtung Flughafen. Dort ist Fashion Outlets Chicago zu Hause. Die Mega-Shopping-Mall bietet über 130 Shops. Tipp: sich den Fashion Outlets of Chicago’s Savings Pass vorab besorgen und unzählige Rabatte und Vergünstigungen einheimsen.

Mehr wissen wollen. Informationen über Illinois und Chicago gibt es bei Wiechmann Tourism Service GmbH, Scheidswaldstr. 73, 60385 Frankfurt, Tel. 069 25538